Frauen in Rojava – aus „Revolution in Rojava“ 3. Auflage 2016

 

 

»Vielleicht ist dies das erste Mal in der Geschichte, dass Frauen eine solch aktive Rolle in der Organisierung einer Revolution gespielt haben. Sie kämpfen an der Front, fungieren in Kommandopositionen und nehmen an der Produktion teil. Es gibt keinen Ort in Rojava, an dem keine Frauen zu sehen sind. Sie sind überall und ein Teil von allem.«[1]

 

Der Kampf um Kobanî und Şengal im zweiten Halbjahr 2014 hat ein Schlaglicht auf eine Tatsache geworfen, die im Westen bis dahin weitgehend unbekannt war: Eine Gesellschaft mit Frauen im Zentrum konnte im Mittleren Osten, der weltweit als patriarchal und rückständig gilt, etabliert werden. Das Bild der kurdischen Bewegung und damit der Frauen hat sich durch den Widerstand in Kobanî und ganz Rojava radikal gewandelt. Die Entschlossenheit und Selbstsicherheit, mit der Frauen wie die Kommandantin der Kobanî-Front, Meysa Abdo, oder die Ko-Vorsitzende der PYD, Asya Abdullah, auftreten, zeigen jedoch, dass Frauen in der kurdischen Bewegung seit Jahrzehnten bedeutende Akteurinnen sind.

Selbst die konservative Zeitung Die Welt brachte einen Artikel mit der Überschrift »Der kurdische Widerstand verkörpert das Gute« und schrieb: »Die Kurden, Männer und Frauen gleichberechtigt, [sind] ein ernsthafter, säkularer Akteur im Nahen Osten geworden, bei dem enorme zivilgesellschaftliche Fortschritte möglich wurden.«[2] In Frauenzeitschriften wie Elle und Marie Claire erschienen plötzlich mehrseitige Reportagen über die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), ein bekannter australischer Fernsehsender zeigt einen Dokumentarfilm unter dem Titel Female State, Modeketten wie H&M oder die Modezeitung Madame präsentierten Models in Kleidung, die derjenigen der Kämpfer_innen der bewaffneten Organisatio­nen der PKK- und der YPG/YPJ-Kämpfer_innen nachempfunden ist. Ein inzwischen 30 Jahre andauernder Kampf ist plötzlich auf der Weltbühne sichtbar geworden und erscheint en vogue. Doch was steht wirklich dahinter?

Wie überall in gesellschaftlichen Aufbrüchen der letzten Jahre im Mittleren Osten beteiligen sich Frauen von Anfang an an den Aufständen und Aktionen – so auch in Rojava. In den Ländern des Arabischen Frühlings werden sie jedoch nicht an den neu entstandenen Strukturen beteiligt, sondern geraten nach der Machtübernahme radikalislamischer Organisatio­nen in eine noch viel ausweglosere Situation als zuvor. Laut einer Studie von Care Deutschland zur Rolle der Frauen im Arabischen Frühling, in der 300 Frauen zu den Aufständen in Ägypten, Marokko, Jemen und den paläs­tinensischen Gebieten befragt wurden, überboten sich nach den Aufständen politische Gruppierungen gegenseitig an Konservatismus und patriarchale Machtstrukturen blieben bestehen.[3] Auch Frauen in Rojava waren und sind vielfacher Unterdrückung ausgesetzt. Als Kurd_innen wurden ihnen vor der Revolution die elementarsten Grundrechte, die eigene Muttersprache oder sogar die Staatsbürgerinnenschaft verweigert. Sie waren gegenüber der arabischen Bevölkerung ökonomisch stark benachteiligt. Dazu kommt aber auch noch die patriarchale Unterdrückung, aus der sie sich unter den gegebenen Bedingungen nicht befreien konnten. Wie in allen Teilen Kurdistans und in großen Teilen des Mittleren und Nahen Ostens wurden zahlreiche Frauen der Generation der heute über Vierzigjährigen jung verheiratet, auch als Zweit- oder Drittfrau an viel ältere Männer. Die »Ehre« eines Mannes bzw. einer Familie manifestierte sich in der traditionellen Gesellschaft über die »Reinheit« der Frau. Frauen bzw. Mädchen wurde oft nicht erlaubt, einen Beruf zu erlernen und ökonomisch unabhängig zu sein – auch wenn viele junge Frauen studiert hatten. Nur eine geringe Anzahl fand Arbeit im Gesundheits- oder Bildungsbereich. Da es in Rojava nur wenige Arbeitsplätze gab, mussten die Männer häufig in arabischen Städten arbeiten, für Frauen kam dies nicht infrage. Sie waren gezwungen, zu heiraten und eine Rolle als Hausfrau einzunehmen, vom öffentlichen Leben waren sie damit weitgehend ausgeschlossen.

Gewalt in der Familie war und ist auch heute noch verbreitet. Ökonomische, politische und sexuelle Unterdrückung, die Männer erfahren, kompensieren sie häufig durch Gewalt in der Familie. Sie gefährden sich weniger, wenn sie ihre Ressentiments gegen die eigene Familie statt gegen die Unterdrücker richten. Im Übrigen werden Männer durch die Gesellschaft in der Annahme bestätigt, ihre Ehre hänge hauptsächlich von der Kontrolle über Frau und Kinder ab. Dieses Phänomen ist nicht nur in der islamischen Welt weit verbreitet.[4] Eine 49-jährige Vertreterin von TEV-DEM berichtet mir, dass sie zwangsverheiratet wurde, da ihre Eltern befürchtet hatten, sie würde sich der PKK-Guerilla anschließen. Sie war eine der ersten Frauen im syrisch besetzten Kurdistan, die sich 2007 scheiden ließ.

 

 

6.1 Frauen in der PKK der 1990er Jahre in Rojava und Syrien

 

Die unglaubliche Energie, die die Menschen und insbesondere die Frauen in Rojava aufwenden, um die zahlreichen gewaltigen Probleme zu lösen und das System der Demokratischen Autonomie aufzubauen, beeindruckt uns immer wieder und sehr häufig hören wir während unserer Reise: »Du darfst nicht vergessen, hier ist der Ort, an dem der Vorsitzende der PKK zwanzig Jahre lang gelebt hat. Seine Arbeit hat die Menschen hier geprägt, ist das Fundament der Revolution.« Die Philosophie und die Arbeitsweise von Abdullah Öcalan, insbesondere seine Bemühungen zur Stärkung der Frauen, scheinen in der Tat auch 15 Jahre nach seinem Verlassen des Landes eine Basis und Haupttriebfeder der Revolution zu sein. Schon in den 1980er und 90er Jahren beteiligten sich Tausende Frauen an der sogenannten Basis- und Organisierungsarbeit, bei der die Mitarbeiterinnen von Haus zu Haus gehen, jede einzelne Frau besuchen und in die Arbeit einbinden. Auch damals fanden schon regelmäßig Bildungsarbeit und Frauenversammlungen statt.

1995 im Alter von 16 Jahren schloss sich Evîn in Rojava der Bewegung an, blieb einige Jahre in den Bergen bei der PKK-Guerilla und kam 2012 zurück, um sich der Revolution anzuschließen. Sie beschreibt die Rolle der Frauen in der PKK in den 1990er Jahren in Syrien und den Einfluss des Vorsitzenden Abdullah Öcalan: »Natürlich herrschte das Patriarchat auch hier und von Gleichberechtigung konnte keine Rede sein. Aber es gab sehr große Spielräume, in denen sich Frauen bewegten. Sie konnten sich an allen politischen Arbeiten beteiligen, rausgehen. […] Der Einfluss des Vorsitzenden war dabei sehr groß. Und überhaupt waren es auch damals in ganz Rojava vor allem Frauen, die die Bewegung aufbauten.«[5]

Ich selbst hielt mich Mitte der 1990er Jahre zweimal für mehrere Monate in den kurdischen Gebieten Syriens auf und kann diese Bewertung unterstützen. Zwar hatten viele Frauen gegenüber den Männern gesellschaftliche Nachteile, aber sie beteiligten sich vor allem an der PKK-Organisierung, weil die Bewegung ihnen einen besonderen Platz einräumte, ihnen besondere Bildungsmöglichkeiten bot und es zu den Grundlagen der Ideologie der PKK-Bewegung gehört, dass eine Befreiung der Gesellschaft ohne Befreiung der Frauen nicht möglich ist. Sie förderte die Organisierung und Bildung der Frauen, daher beteiligten sich schon seit den späten 1980er Jahren Tausende an der Bewegung und später an der Frauenarmee der PKK, die 1993 gegründet wurde. Ihr Ziel bestand unter anderem darin, die traditionelle Sozialisierung und die Eigenschaften der feudalen Gesellschaft zu überwinden, die sich zunächst auch in der Guerilla reproduzierten. Die Frauen, die sich 1995 in der YAJK (Verband der Freien Frauen Kurdistans) organisierten, tauschten sich mit Frauenbewegungen weltweit aus. Prinzipien wie die autonome Frauenorganisierung, die 40%-Beteiligung von Frauen in allen Bereichen, die Doppelspitze etc., die heute in allen vier Teilen Kurdistans für alle Bereiche der kurdischen Bewegung gelten, wurden hier in den Bergen bei der Guerilla entwickelt. Eines der Ziele der Frauenbewegung ist es, die Entfremdung kurdischer Frauen zu überwinden und damit auch die kolonialistische Herabsetzung der eigenen Kultur. Frauen sollen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen und dazu befähigt werden, Entscheidungen selbst zu treffen. Die Bewegung organisiert die Frauen auf der Grundlage des Bewusstseins, dass das patriarchale Herrschaftssystem seine Macht durch die Spaltung und Vereinzelung von Frauen aufrechterhält. Frauen sollen auf allen Ebenen und mit den geeigneten Mitteln einen entschlossenen Kampf für die Frauenbefreiung führen.[6] Abdullah Öcalan, der Vorsitzende der PKK, hatte die kurdische Frauenbewegung insbesondere in Syrien immer unterstützt und gefördert, oft auch gegen den Willen der eigenen Genossen, die Frauen in der Guerilla in den ersten Jahren eher als ein Hindernis begriffen.

 

 

6.2 Frauen in den drei Kantonen Rojavas

 

Aufgrund des Totalembargos der Türkei gegen Rojava hatten wir im Mai 2014 keine Möglichkeit, nach Afrîn oder Kobanî zu fahren. Dennoch wurde uns gesagt, es sei von Bedeutung, die Unterschiede der Frauenorganisierung in den drei Teilen Rojavas zu beachten. So berichtet Evîn: »Während in Afrîn Clanstrukturen keine besondere Rolle spielen und die kurdische Gesellschaft eher kleinbourgeoise Züge trägt, bestehen in der Region Kobanî mehr feudale Clanstrukturen; dies hat auf der einen Seite stark patriarchale Strukturen zur Folge, auf der anderen Seite sind kommunale Werte nicht zerstört wie in der kapitalistischen Gesellschaft.« Afrîn ist der westlichste der drei Kantone und vollkommen isoliert von den anderen beiden. Nach Informationen von Ilham Ahmed sind die Frauen dort sehr selbstbewusst, denn sie verrichteten mit den Männern gemeinsam die schwere Arbeit in der Landwirtschaft. Auch in Institutionen seien Frauen gleichberechtigt vertreten: »Innerhalb der Familie und der Gesellschaft wird das Zusammenleben von Frauen organisiert. Die Kinder versammeln sich um die Frauen. Der Einfluss des Mannes ist innerhalb der Gesellschaft sehr schwach. Daher haben die Frauen aus Afrîn ein großes Entwicklungspotenzial. Die Haltung, dass die Frauen zu Hause bleiben und nur den Haushalt führen sollen, ist in Afrîn sehr selten.«[7] Die Frauen von Afrîn haben daher eine gute Basis, sich weiterzubilden und zu organisieren. Viele beteilig­ten sich an den Organisationsstrukturen der Demokratischen Autonomie und den Frauenräten und seien sehr engagiert. Natürlich gebe es Kräfte in der Gesellschaft, die dies verhindern und diese Entwicklung zurückdrehen wollen. Ilham Ahmed weist darauf hin, dass die Kurd_innen sich auch durch den Krieg nicht aus ihrer Heimat vertreiben ließen. Doch als Folge des Krieges seien viele Menschen aus den umkämpften Gebieten Syriens nach Afrîn gekommen. Dadurch seien Strukturen entstanden, die Prostitution und Gewalt gegen Frauen auf die Tagesordnung gebracht hätten. Es seien Kräfte, die keine Bindung an Afrîn hätten und diese Übergriffe auf Frauen verüben würden. »Dies ist mittlerweile zu einem großen Problem geworden«, so Ilham Ahmed. »Die Führung der in Afrîn aufgebauten demokratischen Selbstverwaltung versucht, mit Bildung, Seminaren, Projekten und Workshops auf diese Vorfälle aufmerksam zu machen und die Probleme in den Griff zu bekommen.«

In Kobanî seien die Aşîretstrukturen vor dem Krieg stark gewesen, durch die Revolution habe sich die Gesellschaft jedoch geöffnet, so Ilham Ahmed: »Wir können sagen, dass die Revolution dort den größten Einfluss gehabt hat. Vor der Revolution war es unmöglich, dass Frauen und Mädchen allein in die Stadt gehen konnten.« Grund dafür sei u.a. die negative Rolle der Schule gewesen. Vonseiten der staatlichen Lehrer habe es sexuelle Übergriffe auf Mädchen gegeben. Der Staat habe das bewusst zugelassen und Frauen und Mädchen hätten sich daher nicht unabhängig bewegen, organisieren oder arbeiten können: »Die sexuellen Übergriffe wurden bekämpft, die betroffenen Schulen geschlossen und die Verantwortlichen bestraft. Das hat dazu geführt, dass ein positives gesellschaftliches Klima entstand. Frauen in Kobanî konnten sich nun ohne Probleme an der revolutionären Arbeit beteiligen.«

Die vormals starke Unterdrückung von Frauen führte dazu, dass sich nun ein großes revolutionäres Potenzial etablieren konnte. Wie in Afrîn sympathisiert der größte Teil der Bevölkerung in Kobanî mit der Befreiungsbewegung. Andere Parteien gibt es, aber sie haben wenig Einfluss und eine unbedeutende Anhänger_innenschaft. »Die Aşîretstrukturen sind bedeutender als die politischen Parteien, sie verhindern das Auseinanderdriften der Gesellschaft und stehen anders als diese Parteien der Revolution nahe. Die Arbeit der politischen Parteien gegen die Revolution war wirkungslos, da die Bewegung schnell über diese Angriffe informiert wurde und sie verhindern konnte«, so Ilham Ahmed. Sie fährt fort, dass der Einfluss der Bewegung in Kobanî vor der Revolution sehr schwach gewesen sei und daher viele Probleme beim Aufbau der Demokratischen Autonomie aufträten. Insbesondere die Frauen würden sich jedoch mit Herz und Seele und voller Kraft einbringen. In Kobanî beispielsweise haben die Mitarbeiter_innen eines Frauenzentrums (Mala Jin) erfolgreich den Aufbau des Frauenrates vorangetrieben, damit alle Frauen die Möglichkeit haben, Entscheidungen selbst zu treffen. Zuvor waren die Frauen ausschließlich in den insgesamt neun gemischten Stadtteilräten von Kobanî aktiv gewesen. In jedem der Räte gibt es eine feste Geschlechterquote; eine von zwei Sprecher_innen des Rates sei eine Frau. Im Frühjahr 2013 waren 135 Frauen im Frauenrat von Kobanî aktiv. Sie versuchen, die Probleme der Frauen vor Ort zu lösen. Mit dem Überfall des IS von 2014 wurde vieles zerschlagen, inzwischen aber reorganisiert. Am 27. Oktober 2015 verabschiedete Kobanî eine Frauengesetzgebung, die verbindlich für alle Menschen im Kanton ist, so z.B. Kinderheirat verbietet.[8] Die Cizîre ist im Gegensatz zu Kobanî und Afrîn, die sehr ländlich sind, eine eher kleinbürgerlich geprägte Region. Cizîre ist der einzige der drei Kantone, in dem die südkurdische PDK das Geschehen beeinflusst. »Sie lässt Millionen von Dollar fließen, um die Arbeit der Selbstverwaltung zu sabotieren«, so Ilham Ahmed.

 

 

6.3 Frauen in der Revolution

 

Von Anfang an haben Frauen in der Revolution in Rojava eine Führungsrolle gespielt. Es gibt mehrere Gründe dafür, warum das so sein konnte. Einer davon ist die schon beschriebene Rolle der PKK, die in den 1990er Jahren Tausende Frauen ausgebildet und gefördert hatte. In allen Teilen von Rojava habe sich das Wissen der Frauen durchgesetzt, dass ihnen eine besondere Aufgabe in der Revolution zukommt und sie die Vorkämpferinnen sein müssen, erklärt Ilham Ahmed: »So gibt es sechzigjährige Frauen, die sich seit dreißig Jahren aktiv am Befreiungskampf beteiligen. Auch wenn sie nicht lesen und schreiben können, so können sie die Philosophie der Bewegung und ihren Wissensstand mitteilen.« Inzwischen können die meisten lesen und schreiben. Syrien war bildungspolitisch einst ein Vorzeigeland in der arabischen Welt. Bis 2011 besuchten mehr als 90% der Kinder eine Grundschule und mehr als zwei Drittel weiterführende Schulen. Im Gegensatz zu Nordkurdistan, wo zu Beginn des Befreiungskampfes in den 1980er Jahren 80% der Frauen Analphabetinnen waren, sind die Frauen in Rojava überwiegend gebildet. Viele jüngere Frauen haben studiert. Analphabetismus gibt es in der Generation der heutigen Jugend fast gar nicht mehr. Die starke Präsenz von Frauen in den Rätestrukturen in Rojava lässt sich jedoch auch durch ihre Rolle während der Revolution erklären. Da die Männer starker Repression ausgesetzt waren, übernahmen sie den Großteil der Organisierungsarbeit.

Als die Revolution in Rojava begann, kamen, um den Aufbau zu unterstützen, nach und nach Hunderte von Frauen aus den anderen Teilen Kurdistans zurück, die dort oft Jahrzehnte bei der PKK-Frauenarmee (YJA Star) gekämpft hatten. Diese Frauen brachten Kampf- und Organisierungserfahrung mit und vor allem hatten sie sich jahrelang theoretisch und praktisch mit den Konzepten der Demokratischen Autonomie beschäftigt. »Der Vorsitzende [Öcalan] hat das Modell der Organisierung in seinen Büchern bis ins Detail beschrieben, mit diesen Büchern waren wir sehr vertraut. Wir mussten es nur noch umsetzen«, so Amara, eine Aktivistin der Frauenbewegung in Dêrîk.

 

 

6.4 Kongreya Star: Die Basisorganisation der Frauen in Rojava

 

Der Dachverband der kurdischen Frauen in Rojava wurde 2005 gegründet und hieß zunächst Rojavayê Kurdistanê Yekîtiya Star, zu Deutsch »Westkurdischer Verband Star«. Star ist in der kurdischen Mythologie der Name der Göttin Ischtar (Inanna) und bedeutet im heutigen Sprachgebrauch auch Stern. Im Februar 2016 wurde der Verband auf dem 6. Kongress in Kongreya (Kongress) Star umbenannt, entsprechend der Umgestaltung der kurdischen Frauenbewegung insgesamt, die sich seit Februar als 2015 Kongreya Jinên Azad (Kongress Freier Frauen) organisiert. Ihre Aktivistinnen waren bis zur Revolution massiven Repressionen wie Verhaftung und Folter durch das Baath-Regime ausgesetzt.[9]

Alle Frauen, die sich in Rojava in sozialen, politischen oder militärischen Bereichen engagieren, sind stets auch Kongreya Star-Mitglieder. Es ist das Grundverständnis der kurdischen Frauenbewegung, in allen Bereichen eigene Strukturen zu schaffen, damit Frauen sich gedanklich, emotional und seelisch von der Verfügungsgewalt patriarchaler Herrschaft lösen können.

 

Kongreya Star in der Kommune

Hilelî ist ein eher armes Viertel von Qamişlo, innerhalb dessen die Unterstützung für die Rätebewegung sehr groß ist. Somit ist Hilelî auch ein sicherer Stadtteil, in dem sich die Menschen gegenseitig kennen. Şirîn Ibrahim Ömer, eine 45-jährige Frau aus dem Stadtteil Hilelî, berichtet uns über die Frauenarbeit in ihrer Kommune: »Wir sind sechzig aktive Frauen in der Kommune, einmal in der Woche machen wir Bildungsarbeit, wir lesen gemeinsam Bücher und diskutieren darüber. Zweimal im Monat besuchen wir die Frauen im Stadtteil, erklären die Aufgaben der Revolution. Viele sind stark von der Logik des Staates beeinflusst, sie sehen sich nicht als Menschen, die selbst politisch handeln können. Sie haben zahlreiche Kinder und es gibt viele Auseinandersetzungen zu Hause.« Die Frauen der Kommune besuchen jede einzelne Frau zu Hause, dabei ist es vollkommen unbedeutend, ob diese der kurdischen Bewegung nahesteht oder nicht. »Egal, ob es Christinnen oder andere sind, wir gehen sogar zur PDK«, so Adile, eine Vertreterin des Frauenzentrums von Dêrîk. Die Frauen bekommen eine zehntägige Ausbildung zum Thema Kommunen und Räte. »Wir wollen, dass sie selbstständig werden. Wir gehen auch in die Dörfer und sprechen dort mit ihnen. Manche trauen sich nicht zu sprechen, wenn wir sie besuchen, und kommen heimlich zu uns«, so Adile weiter. »Wir sammeln auch ein bisschen Geld ein, das ist eher eine symbolische Hilfe. Wir verteilen auch die Zeitung [Ronahî; Anm. d. Verf.], die einmal die Woche erscheint. Sie ist sehr preiswert, damit alle sie lesen können, in arabischer und kurdischer Sprache. Wenn wir jetzt zusammenkommen, sind unsere Themen nicht Klatsch und Tratsch wie früher, sondern die politischen Entwicklungen und die Frauenorganisierung. Wir kennen alle hier im Stadtteil«, erläutert Şirîn die so genannte Basisarbeit.

Eine allein von der Frauenbewegung publizierte Zeitung ist die Dengê Jiyan. Ihre Themen drehen sich um die Frauengeschichte, aktuelle politische Analysen, wie z.B. zum Thema »demokratische Familie«, auch die Veröffentlichung der Familiengesetzgebung des Rates gehört dazu. Frauen hatten den Gesetzesvorschlag bei der Hohen Verfassungskommission eingereicht; nachdem er beschlossen wurde, ist das Gesetz für alle in Rojava verbindlich. Kinder- oder Zwangsheirat z.B. wurde verboten, ebenso wie berdel[10] oder Polygamie. Die Ethik und die Werte der Bewegung haben großen Einfluss auf die Gesellschaft, die von einem revolutionären Aufbruch bestimmt wird. Menschen, die in der Bewegung aktiv sind, versuchen auch nach diesen Werten zu leben.[11] »Wenn ein Mann seine Frau schlägt, dann kommt er mindestens einen Monat ins Gefängnis. Es gab früher keine individuellen Frauenrechte. Wir haben jetzt auch Frauengerichte. Das Mala Jin (Frauenhaus), die Asayîşa Jin (Frauen-Sicherheitskräfte) und das Gericht helfen sich gegenseitig. An jeder Stelle sind Frauen aktiv, in der Regierung, im Gericht. Es geht hier nichts mehr ohne die Frauen. Das Mala Gel (Volks­haus) kümmert sich um ökonomische Belange, wir um gesellschaftliche. Ob Witwen oder Verlassene – wir kümmern uns um alle. Wir pflegen hier Beziehungen zu allen, sogar zum Feind. Wir setzen uns hier vor allem mit Problemen zwischen Männern und Frauen auseinander. Wir dokumentieren sie, reden mit den Männern. Wenn das Problem hier nicht gelöst werden kann, dann gehen wir vor Gericht – z.B. wenn der Mann keinen Unterhalt zahlt. Außerdem beschäftigen wir uns mit der Verheiratung von kleinen Mädchen. Es gibt einen richtigen Heiratsmarkt in der Türkei. Die Mädchen werden über das Internet verkauft.«[12]

Şirîn erklärt, dass sich mit dem Aufbau von Kongreya Star viel verändert habe. Friedens- und Konsenskomitees lösten familiäre Probleme. Die Frauen-Asayîş könnten von den Frauen im Falle von Gewalt in der Familie zu Hilfe geholt werden. In Hilelî sei es inzwischen gesellschaftlich geächtet, seine Frau zu schlagen, so Şirîn. Das habe quasi ganz aufgehört. »Hier war es üblich, dass in den Wohnungen 24 Stunden täglich der Fernseher läuft, mit vielen türkischen Sendungen in arabischer Sprache, das war ein großes Problem. Als es plötzlich keinen Strom mehr gab, waren die Köpfe auch frei für etwas anderes«, beschreibt Şirîn die Veränderungen in ihrem Stadtteil. »Viele Frauen wurden sehr jung, im Kindesalter, verheiratet, damit es nicht zu außerehelichen Schwangerschaften kommt. Jetzt sehen sie, dass Bildung gut für sie ist, dass sie dann ein besseres Leben haben.«

Politische Bildung ist das Herzstück der gesamten Frauenarbeit. Das Ziel ist es, jede einzelne Frau zu erreichen, in das System der Frauenbefreiung einzubinden. Jede Frau, die an das System angebunden ist, nimmt einmal in der Woche an einer zweistündigen Bildungseinheit teil. »Wenn du dich nicht auskennst, kannst du nicht arbeiten«, so Zelal Ceger, Mitglied von Kongreya Star auf einer Stadtteilversammlung in Dêrîk im Mai 2014. »Frauen müssen sich bilden, um überall mitbestimmen zu können.«

Fast jeden Tag wird über den Aufbau neuer Frauenkommunen in den Medien in Rojava berichtet, nicht nur in kurdischen, auch in arabischen Stadtteilen und Dörfern. Im Mai 2016 sind es schon 622 allein im Kanton Cizîre.[13] Die Kommunen schicken Vertreterinnen in die Frauenratsversammlung (Meclîs).

 

Die Frauenräte – Meclîsên Jin

Die Kommunen konnten nicht überall sofort aufgebaut werden. Zunächst wurde in jeder Stadt ein Rat gebildet, dann in jedem Stadtteil bzw. bildeten mehrere Dörfer einen Dörfergemeinschaftsrat. »Kongreya Star baute Frauenräte nicht nur in allen Städten Rojavas, sondern auch in den syrischen Städten, in denen viele Kurd_innen leben, auf, um die politischen Interessen von Frauen zu vertreten, so z.B. in Damaskus, Aleppo, Raqqa und Hesekê. Sie sind das verbindende und beschlussfassende Gremium aller Frauen.«[14] Es entstanden Friedenskomitees, Gerechtigkeitskommissionen und Friedensmüttervereinigungen. Ziel ist es u.a., die gesamte Gesellschaft politisch zu bilden und Werte zu vermitteln. Rechtsprechung und Gesetze sollen nur eine Übergangsphase darstellen. Sie sollen überflüssig sein, sobald eine ethisch und stark politisierte Gesellschaft entstanden ist. Nûha Mahmud, eine 35-jährige Aktivistin in Qamişlo, erklärt, dass sich zahlreiche Opfer sexueller Gewalt an die Frauenräte wenden. Im Mittleren Osten würden vergewaltigte Frauen oft von ihren Familien verstoßen, manchmal sogar ermordet. Daher hätten Frauen logischerweise oft geschwiegen, nun sehe es jedoch anders aus.[15] »Wenn wir dieses Potenzial der Frauen nicht ausschöpfen können, ist das eine große Schwäche unserer Gesellschaft«, erklärt die Ko-Vorsitzende des Volksrates von Qamişlo, Remziye Muhamed. »Wir führen gerade den Kampf, diese Tatsache in das Bewusstsein der Menschen hier hineinzutragen. Denn, ob frau will oder nicht, das Regime und die arabische Mentalität haben das Denken unserer Männer über die Jahre sehr stark beeinflusst. Wir müssen nun diese alte Mentalität mit aller Kraft überwinden. Wir werden große Anstrengungen unternehmen, damit die Frauen in dieser Stadt ihre Vorreiterrolle spielen können. In den Städten trägt unsere Arbeit bereits Früchte. Viele Familien motivieren bereits ihre Töchter, sich gesellschaftlich zu engagieren.«[16]

 

Zentrum für Frauenbildung und -forschung und Frauenhäuser

(Navenda Perwerde û Zanistiya Jinê und Mala Jin)

Nicht nur in den westkurdischen Städten, sondern auch in den arabischen Städten mit hohem kurdischem Anwohnerinnenanteil bauen die Frauen Bildungseinrichtungen unter dem Namen Navenda Perwerde û Zanistiya Jinê auf. Seit 2011 wurden zwei Frauenakademien sowie 26 Bildungszentren eröffnet. Die Akademien möchten in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Geschichte, Kultur, Philosophie und soziale Entwicklungen schaffen. Durch ein tiefes Geschichtsbewusstsein sollen die Frauen in die Lage versetzt werden, Lösungen für aktuelle Fragen selbst entwickeln zu können. Dies wird als notwendig angesehen, da der Staat die Wahrnehmung jahrzehntelang geformt hat. Jede Akademie wird auch als ein Gesellschaftsforschungszentrum angesehen.

Alle Teilnehmerinnen werden aktiv in die Bildung einbezogen. Je nach Bedarf können Bildungseinheiten von drei Wochen bis zu drei Monaten oder sogar ein Jahr dauern. In allen Akademien finden Seminare zum gesellschaftlichen Sexismus statt, Diskussionen und Reflexionen zu seiner Überwindung werden angeregt. Bei der Guerilla in den Bergen wurde der Begriff Jineolojî entwickelt. Er bedeutet »Frauenwissenschaft«. »Jin« ist Kurdisch und bedeutet »Frau«. »Logie« stammt vom griechischen Begriff für Wissen ab. »Jin« wiederum stammt vom kurdischen Begriff »Jiyan« ab, welcher »Leben« bedeutet. Ziel von Jineolojî und den damit zusammenhängenden Diskussionen ist es, Frauen und der Gesellschaft allgemein im momentan noch von den Herrschenden kontrollierten Bereich des Wissens und der Wissenschaft einen Zugang zu schaffen. Die kurdische Frauenbewegung sieht es als wichtig an, Wissen und Wissenschaft nicht vom sozialen Feld loszulösen, nicht zu elitisieren, nicht zur Grundlage von Macht zu machen, sondern die Verbindungen zur Gesellschaft zu stärken. Wissensmonopole sollen abgeschafft werden. Unter anderem möchte die Jineolojî die Vision eines guten Lebens entwickeln, die Räte wiederum setzen es in der Praxis um – so sind Theorie und Praxis ständig im Austausch. Dorşîn Akîf, Leiterin einer Akademie in Rimelan, berichtet: »Vor drei Jahren haben Frauen die Jineolojî als Frauenwissenschaft entwickelt.« Sie sehen sie als Ergebnis einer Jahrzehnte andauernden Erfahrung an. In der Akademie in Rimelan bekommen die Schülerinnen zunächst einen Überblick über die Jineolojî. »Es ist das Wissen, dass den Frauen gestohlen wurde und das sie nun wiederentdecken. Wir wollen die Nichtexistenz der Frauen in der Geschichte überwinden und verstehen, wie Konzepte innerhalb existierender sozialer Beziehungen produziert und reproduziert werden, dann wollen wir unser eigenes Verständnis entwickeln«, so Dorşin weiter.[17]

In die Frauenzentren (Mala Jin) kommen Frauen, um mit anderen Frauen über ihre familiären und sozialen Probleme zu sprechen und um gemeinsam Lösungen zu finden. In den Zentren werden Computer-, Sprach-, Näh- oder Erste-Hilfe-Kurse, Gesundheitsseminare, Kurse zur Kindergesundheit, Kultur- und Kunst-Workshops organisiert. Die Frauen selbst entscheiden, was sie brauchen. »Damit schaffen wir buchstäblich die Grundlage dafür, dass in Zukunft nur Frauen über Frauenthemen entscheiden und nicht jemand anderes. Es wird ein neues Bewusstsein und Selbstbewusstsein geschaffen«, so Ilham Ahmed. Die Mala Jin sind als Stadtteilzentren der Frauenorganisation zu verstehen. Wenn die Probleme von Frauen nicht direkt in der Kommune gelöst werden können, kommen diese dorthin. »Wir haben hier Kontakt zu allen 2.000 Häusern in diesem Stadtteil«, berichtet Adile in Dêrîk. »Die Frauen kommen zu uns, wenn sie Probleme haben. Nicht nur die kurdischen, auch die arabischen Frauen«, erklärt eine Vertreterin des Navenda Perwerde û Zanistiya Jinê in Serêkaniyê. Wir werden selbst Zeug_innen einer solchen Anfrage. Zwei ältere arabische Frauen sind gekommen und bitten die Frauen des Mala Jin um Hilfe. Nach einer Trennung verlangen sie Entschädigung. »Durch das Kommunesystem kennen wir jede einzelne Familie, wir kennen ihre wirtschaftliche Situation, wir wissen, wer seine Frau und seine Kinder schlägt. Wir gehen direkt dorthin und sprechen mit den Betroffenen, bis es zu einer Lösung kommt«, so die Vertreterin des Frauenhauses von Serêkaniyê. Um eine Lösung zu finden, vereinbart sie mit den beiden Frauen vor Ort einen Termin. Die 55-jährige Faiza Mahmud, eine Aktivistin des Frauenrates in Qamişlo, sagt, dass sie seit der Gründung des Frauenzentrums in Qamişlo vor zwei Jahren schon 150 Frauen beraten und unterstützt hätten.[18]

Die Frauenbildungszentren wollen die patriarchale Wissenschaftslogik durchbrechen und eigene gesellschaftliche Alternativen entwickeln. Frauen sollen ermutigt werden, »die Wirklichkeit zu untersuchen, um mit unserem Wissen und dem neu Gelernten diese Wirklichkeit zu verändern und neu gestalten zu können; um ein schöneres Leben und eine freie Gesellschaft zu erreichen«,[19] heißt es in einem Papier von Cenî, dem kurdischen Frauenbüro für Frieden in Düsseldorf. Immer wieder wird auch die Entwicklung einer eigenen Ästhetik betont. Die Frauen in der kurdischen Bewegung wollen eigene Ausdrucksformen finden, Kunst und Kultur aus einer Frauenpers­pektive neu gestalten. Dies wurde in dem jahrzehntelangen Kampf der Frauenbewegung mit Sicherheit auch erreicht. War das Bild der kurdischen Frauen in den 1980er Jahren das einer unterdrückten, passiven Frau, ist es heute das einer starken Frau, die für ihre Rechte kämpft.

 

 

6.5 Das Hevserok-System (die Doppelspitze) und die 40%-Quote

 

Überall gilt das Prinzip der Doppelspitze. Egal ob in einer Kommunalverwaltung oder in einem Gericht, überall teilen sich zwei Personen die Koordination, eine von ihnen eine Frau. So ist auch eine der beiden Vorsitzenden der Partei der Demokratischen Einheit (PYD) weiblich: Asya Abdullah. Sie äußert sich zur Rolle der Frauen: »Schauen Sie sich die vermeintliche Opposition in Syrien an. Sie werden so gut wie keine Frau unter ihnen finden. Ich frage mich, was für eine Revolution sie durchführen wollen, in der nicht alle Teile der Gesellschaft vertreten sind! Wie können sie von Freiheit und Demokratie sprechen und dabei die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einfach übergehen? Wie kann eine Gesellschaft frei sein, in der die Frauen nicht frei sind? […] Wir sind noch lange nicht an unserem Ziel angekommen. Dessen sind wir uns durchaus bewusst. Wir haben aus den Fehlern vergangener Revolutionen gelernt. Es hieß immer: ›Lass uns die Revolution zum Erfolg bringen, danach werden wir den Frauen schon ihre Rechte geben.‹ Nach der Revolution ist das natürlich nie geschehen. Wir werden allerdings nicht zulassen, dass sich das bei unserer Revolution wiederholt.«[20] Für alle gemischtgeschlechtlichen Gremien gilt eine Geschlechterquote. Es müssen in jedem Bereich, z.B. in den Räten, Verwaltungen, in der Justiz etc., Frauen und Männer jeweils zu mindestens 40% vertreten sein. Welch hohen Anteil Frauen an der Aufbauarbeit in Rojava haben, zeigt ein Artikel der kurdischen Nachrichtenagentur ANF, laut dem in Afrîn 65% der sich in zivilgesellschaftlichen, politischen und militärischen Einrichtungen organisierenden Personen Frauen sind. Dazu zählen Kommunalverwaltungen, Räte und Komitees. In den 44 städtischen Einrichtungen arbeiten zu 55% Frauen, in der Landwirtschaft sind es 56% und in den Einrichtungen zur Förderung der kurdischen Sprache sowie der Lehrer_innenvereinigung beträgt der Frauenanteil 70%.[21] Im Bildungsbereich ist ebenfalls ein großer Anteil Frauen unter den Lehrer_innen, in Kobanî liegt er z.B. bei 80%,[22] in Tirbespî sogar bei 90%.[23] Frauen gründen eigene Radio­stationen – so z.B. in Kobanî, in der zehn jugendliche Frauen eine solche Station betreiben –, die sich mit den Problemen und Schwierigkeiten von Frauen beschäftigen.[24]

 

 

6.6 Beispiele für Frauenorganisationen

 

Im Folgenden werden verschiedene Frauenorganisationen vorgestellt, die exemplarisch dafür stehen, wie Frauen in der Region darum kämpfen, ihre Rechte und Interessen durchzusetzen und sich ihr eigenes, freiheitliches Leben aufbauen zu können.

 

Die Jungen Revolutionären Frauen (Jinên Ciwanên Şoreşger)

Doz Kobanî, eine Vertreterin der Jugendföderation, bewertet die Aufgabe der Jungen Revolutionären Frauen folgendermaßen: »Den wichtigsten Teil unserer Arbeit macht die Frauenarbeit aus. Denn unser Vorsitzender [Abdullah Öcalan] sagte nicht zu Unrecht, dass sich ohne die Freiheit der Frau auch die Gesellschaft nicht befreien kann«, so Doz Kobanî, eine Vertreterin der Jugendföderation. »Deswegen richten wir uns vor allem an junge Frauen und bieten auf sie ausgerichtete Bildungsarbeit an. Zudem setzen wir uns mit der Zivilisationsgeschichte auseinander und behandeln tiefgehend die 5000-jährige Geschichte des Patriarchats. Wir klären also die jungen Menschen darüber auf, welche Stellung der Frau in der Gesellschaft vor dem Beginn des Patriarchats zukam und was in der Zeit danach der Mann aus ihr gemacht hat. Diese Diskussionen sind für uns sehr wichtig.«

Während unseres Aufenthaltes in Rojava hatte ich die Möglichkeit, an der 3. Konferenz der Jungen Frauen des Kantons Cizîre am 16. Mai 2014 in Rimelan teilzunehmen. Etwa 230 junge Frauen aus allen Teilen des Kantons waren zusammengekommen, um die Arbeit eines Jahres zu bewerten und sich neue Ziele für das nächste Jahr zu setzen. Auf der Konferenz wird die Rolle der Frauen im Mittleren Osten im Allgemeinen analysiert und sowohl die kapitalistische Moderne mit ihrer Vermarktung des Frauenkörpers als auch das islamistische Rollenbild für Frauen abgelehnt: »Als kurdische Frauen im Mittleren Osten wehren wir uns gegen diese Vorstellungen. Wenn wir heute eine demokratische, gleichwertige Gesellschaft aufbauen wollen, müssen wir die Frauenfrage zuerst lösen. Das System der Unterdrückung der Frau, das sich mit der kapitalistischen Moderne verbunden hat, ist die Basis aller Unterdrückung«, so Hanife Hisên in ihrer Eröffnungsrede.

»Wir haben mit der Jugend begonnen und mit der Jugend werden wir zum Erfolg kommen« – dies ist einer der Leitsätze dieser Veranstaltung. Alle Frauen sprechen mit großer Entschlossenheit und viel Selbstbewusstsein. Sie bewerten, welche Hindernisse ihnen bei der Organisierungsarbeit im Wege stehen, dass sich z.B. immer noch Familien gegen die politische Arbeit junger Frauen stellten. Daher wird gefordert, noch mehr in den Familien selbst zu arbeiten. Bildungsarbeit wird sehr positiv bewertet. Einige berichten, dass es immer noch zu Zwangsverheiratungen von Frauen im jungen Alter komme. Insgesamt wird sehr offen und vor allem sehr engagiert diskutiert. Als Ergebnis der Konferenz wählen die jungen Frauen eine 15-köpfige Koordination. Sie beschließen, den ideologischen und politischen Kampf gegen Rückständigkeit und Unterdrückung durch Organisierung und Bildung zu verstärken.

 

Syrische Fraueninitiative

Der Kongreya Star hat unter großem Einsatz eine Grundlage für eine Zusammenarbeit mit Frauen verschiedener in Westkurdistan lebender Volksgruppen gelegt. Im März 2013 fand die Gründungskonferenz der Syrischen Fraueninitiative statt. Daran sind neben kurdischen auch arabische, ezidische und Suryoye-Frauen beteiligt. Die Initiative ist kein Teil des Rätesystems. Gemeinsam arbeiten kurdische, arabische und Suryoye-Frauen an einer neuen demokratischen Verfassung für Syrien, die die Rechte aller Frauen und Bevölkerungsgruppen in Syrien garantieren soll.[25] Die Vereinigung hat viele Gesetze erarbeitet und führt zahlreiche Veranstaltungen zum Thema Frauenbefreiung durch.

Zîhan Dawud, Vorsitzende der Syrischen Frauenvereinigung, erläutert uns bei einem Treffen im Frauenzentrum in Dêrîk nähere Hintergründe über ihre Arbeit: »Als die Revolution begann, wollten wir nicht dieselben negativen Erfahrungen wie im Arabischen Frühling machen. Wir wollen, dass die Rechte der Frauen auch auf der gesetzlichen Ebene geändert werden. Individuelle Frauenrechte gab es bisher nicht, das wollen wir ändern, nicht nur in Rojava, sondern in ganz Syrien. Wir arbeiten seit einem Jahr und haben uns auch an der Konferenz der Frauen des Mittleren Ostens in Amed beteiligt. Hier sind es die Frauen, die am meisten arbeiten und sich organisieren. Das Assad-Regime hat keine freien Menschen hervorgebracht, sondern den Menschen alles abgenommen. Das Frauenbild war: Du sollst schön sein, aber selbst keine Entscheidungen treffen. Besonders schwierig ist es, die arabischen Frauen hier in Rojava zu erreichen, sie kennen ihre Rechte nicht; um an einem Treffen teilzunehmen, brauchen sie die Erlaubnis ihres Ehemannes. Aber sehr langsam schaffen wir es, Kontakt zu ihnen aufzubauen. Inzwischen haben wir sehr viele arabische Frauen in unserer Organisation.«

 

Suryoye Frauenunion (Huyodo da Nesge Suryoye b’Suriya)

Später begleitet Zîhan Dawud uns noch zu der Suryoye Frauenunion. Dort können wir mit zwei jungen Frauen sprechen. Eine von ihnen berichtet: »Wir beginnen, die Suryoye-Frauen zu organisieren. Seitdem hat sich ihre gesellschaftliche Stellung verbessert. Wir haben uns in der Huyodo da Neshe Suryoye b’Suriya (Syriac Women Union in Syria) organisiert. Es waren einzelne Suryoye-Frauen, inspiriert von Yekîtiya Star. Immer mehr haben sich angeschlossen, vor allem in Qamişlo.« Eine der beiden jungen Frauen erzählt uns, dass sich Suryoyas immer als fortschrittlich gegenüber den kurdischen Frauen gesehen hätten, nun aber sei ihnen bewusst, dass diese durch ihre Organisationen und den Diskurs der Frauenbewegung viel freier seien als sie selbst.

Früher habe man schon an der Kleidung sehen können, wer kurdisch und wer christlich sei, auch das habe sich nun geändert. Suryoye-Frauen würden nun durch das Beispiel der kurdischen Frauen zu ganz neuen Rollen inspiriert, z.B. bei den Sicherheitskräften. Gewalt in der Familie gebe es in der Suryoye-Gesellschaft genauso wie in der kurdischen, würde jedoch viel mehr tabuisiert. Bei den Suryoye gebe es einige Frauen, die als Ärztinnen oder Anwältinnen arbeiteten und ein ökonomisch unabhängiges Leben führten, berichten uns die Frauen. Das könne auch als Rollenvorbild für kurdische Frauen gelten, so Zîhan Dawut. Die Revolution habe dazu geführt, dass Frauen sich austauschen, voneinander lernen und sich gegenseitig ergänzen, so das Fazit der assyrischen Frauen. Da besonders viele Suryoye in Hesekê leben, sei im Oktober 2013 zuerst hier ein Zentrum der Suryoye-Frauen eröffnet worden. »Unsere Gemeinschaft ist leider sehr zersplittert, es gibt viele Parteien und Organisationen, die in Konkurrenz zueinanderstehen«, erklärt eine der beiden Frauen.

 

Presseverband der Frauen: RAJIN Rojava

»Die patriarchale Hegemonie überwinden«

Frauen sollen sichtbar gemacht werden und ihre eigene Geschichte schreiben. Dieses Prinzip wird in der Frauenbewegung Rojavas sehr ernst genommen. Frauen sind sowieso in allen Medienbereichen wie Radio, Fernsehen oder Nachrichtenagenturen überdurchschnittlich vertreten.

Es ist ihnen jedoch wichtig, auch in einem Journalistinnenverband organisiert zu sein. Im Mai 2014 wurde die erste Konferenz der kurdischen Journalistinnen von Rojava in Qamişlo abgehalten und der Presseverband der Frauen aus Kurdistan Rojava (RAJIN Rojava) unter dem Motto »Die freie Frau für die demokratische Nation im Gedenken an Gurbetelli Ersöz«[26] gegründet.

An der Konferenz nahmen 70 Delegierte teil, u.a. die Yekîtiya-Star-Koordinationsmitglieder Ilham Ahmed, Zelal Ceger, Medya Mihemed sowie die Pressestelle der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ). Die Konferenz erklärte den 7. Oktober, den Todestag von Gurbetelli Ersöz, zum Tag der Journalistinnen von Kurdistan.

»Wir kämpfen, um unsere historische freie Identität, die uns genommen wurde, zurückzuerlangen«, sagte Medya Mihemed in der Eröffnungsrede. »Mit der Entscheidung, in den Reihen der PKK für Freiheit zu kämpfen, haben sich die kurdischen Frauen für das freie Leben entschieden. Wir haben entscheidende Schritte in Richtung einer freien Gesellschaft gemacht. Wenn wir jetzt von der Presse sprechen, verbinden wir sie mit einer patriarchalen Mentalität. Weil die männliche Hegemonie in allen Bereichen der Medien dominiert. Nur mit dem jetzt geführten Kampf bricht dies langsam auf. […] Der Kampf, den die Frauen in der Presse geführt haben, wird die Basis der freien Presse bilden.« Auf der Konferenz wurde entschieden, dass RAJIN-Mitglieder an einer politischen und organisatorischen Ausbildung teilnehmen, alle männlichen Mitglieder des Presseverbandes (Azad-YRA) sollen über die Themen Geschlechterbewusstsein und Alltagssprache aufgeklärt, Frauen in die technischen und professionellen Möglichkeiten der Medien eingearbeitet werden und auch dass eine Frauenradiostation von Rojava auf Sendung gehen sowie eine Frauenmedienakademie eröffnet werden soll.

 

 

6.7 Die Geschlechterfrage ist vor allem auch eine Männerfrage

 

»Wenn eine Frau sich in die Revolution einbringen will, sieht sie sich mit vielen Hindernissen konfrontiert,« so Ilham Ahmed. Die Familie bereitet ihr große Schwierigkeiten, insbesondere die Männer. »Wenn ein Mann von der Arbeit nach Hause kommt, soll alles für ihn bereitstehen, die Frau soll für ihn da sein, sie ist die Garantie für seine Bequemlichkeit, daher soll sie das Haus nicht verlassen.«

Ehefrauen werden wie ein Besitz angesehen. Die gesellschaftlichen Regeln und Konventionen unterstützen den Mann in dieser Haltung, seine Ehefrau auszubeuten. Vielfach haben Männer ihre Frauen vor die Wahl gestellt: »Entweder die politische Arbeit oder ich.« Viele Frauen, die sich engagierten, hatten dieses Problem. Zudem schlagen viele Männer ihre Frauen. »Es gibt viele Frauen, die sich für ihre politische Arbeit und gegen ihre Männer entscheiden. Wenn sie einmal das Haus verlassen haben und sich engagieren, lernen sie die Freiheit kennen und wollen nicht mehr darauf verzichten. Viele Frauen stehen an diesem Punkt«, so Ilham Ahmed. Durch die neu gewonnene Unabhängigkeit lassen sich viele Frauen scheiden, befreien sich aus nicht gewollten Ehen. So berichtete eine Delegationsteilnehmerin im Frühjahr 2015, von den 58 weiblichen Asayîş in Dêrîk hätten sich 30 scheiden lassen. »Dazu kommt, dass die Frauen in ihrem Kampf auch ein Umdenken bei den Männern erreicht haben. Diese sind gezwungen, Realitäten zu akzeptieren, Tatsachen anzuerkennen. Sie begreifen, dass die Frauen für ihre Arbeit in der Gesellschaft viel Anerkennung bekommen, sie erkennen, dass sie ihre Frauen unterstützen sollten, anstatt sie zu unterdrücken. Die Veränderungen haben auch die Männer erreicht«, fährt Ilham Ahmed fort.

In langen Jahren des Kampfes haben Frauen in Kurdistan an Selbstbewusstsein gewonnen. Das ist der Grund, warum sich in allen Teilen Kurdistans Frauen aller Altersgruppen in großer Zahl an den unterschiedlichsten Bereichen des Kampfes beteiligen: Sie betätigen sich als Friedens- oder Samstagsmütter[27] im türkischen Teil der Region, kämpfen als Guerillas in den Bergen, als YPS-Kämpferinnen in den Städten von Nordkurdistan oder YPJ-Kämpferinnen in Rojava. Sie verweigern sich der traditionellen patriarchalen Frauenrolle, in der sie die Ehre der Familie darstellen. Es fällt ihnen daher nicht schwer, ihre alte Rolle abzustreifen und in die Rolle der Freiheitskämpferin zu schlüpfen, denn sie haben am meisten zu gewinnen und wenig zu verlieren. Auch junge Männer erleben neue Rollen; in den militärischen Einheiten müssen sie dieselben Aufgaben übernehmen wie Frauen, sie müssen lernen zu kochen, Brot zu backen und Wäsche zu waschen. Zunächst ist es eine Revolution, dass Frauen innerhalb so kurzer Zeit zu Tausenden in kämpfenden Einheiten, in Stadt- und Dorfräten tätig sind. Aber es handelt sich um einen langwierigen Prozess, den Sexismus in der Gesellschaft vollständig zu bekämpfen. Osman Kobanî, Mitglied des Volksgerichts von Kobanî, betont bei der Lösung der Gleichberechtigungsproblematik zudem die Rolle der Justiz: »Eines der wichtigsten Probleme in unserer Stadt ist die Geschlechterfrage. Es gibt Männer, die mehrere Frauen haben. Oft wertschätzen diese Männer dann auch mehr diejenigen Frauen, die Söhne und keine Töchter gebären. Das ist eine tragische Situation, denn die Frau wird wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt. Wir als Volksgerichte tragen auch eine Verantwortung, dieses Verständnis zu durchbrechen. Die meisten Fälle, die an uns herangetragen werden und an denen auch Frauen beteiligt sind, sind Scheidungsklagen. Wir versuchen, für diese Fälle gerechte Lösungen zu finden.«[28] Die revolutionären Umwälzungen und die rasante Veränderung der Frauenrolle ist für manche Männer fast so etwas wie ein Schock. Nicht selten hören wir Sätze wie »Die Frauen haben hier alles übernommen«. Gleichzeitig findet auch viel Bildungsarbeit in den gemischten Strukturen statt, damit die Männer sich mit der Geschlechterfrage auseinandersetzen. Doz Kobanî erklärt, dass auch in Kurdistan die Gewalt des Staates oft von den Männern, die diese erleiden mussten, in die Familien getragen worden ist: »Vor allem die Frauen hier in Kobanî haben stets viel Leid erfahren. Das Baath-Regime hat vor allem die Männer unterdrückt. Diese haben das anscheinend von ihm übernommen und dann wieder unsere Frauen unterdrückt. Darum haben wir unsere Bildungsarbeit auch auf die Männer hier zugeschnitten. Mit der Revolution hat sich im Verhalten der Männer vieles verändert. Die Männer haben wieder angefangen, ihre Identität zu schützen. Und was genauso wichtig ist, sie haben angefangen, ihre Frauen wieder zu respektieren. Vor allem diese Tatsache erfüllt uns mit Stolz. Wir werden als Jugendkonföderation genau an diesem Punkt weiterarbeiten und unsere politische Bildungsarbeit fortsetzen.«[29]

 

 

6.8 Radikaler Islamismus versus Frauenbefreiung

 

Der aktuelle Angriff radikalislamischer Kräfte auf Rojava und Südkurdistan ist auch ein extremer Angriff auf die Sicherheit und das Leben von Frauen – ein Feminizid. Etwa 7.000 Frauen und Mädchen wurden vom IS im August 2014 beim Angriff auf ezidische und christliche Dörfer und Städte verschleppt. Sie wurden vielfach vergewaltigt, auf Sklav_innenmärkten wie ein Stück Ware verkauft, Jihadisten als Kriegsbeute überlassen oder zwangsverheiratet. Auch Kinder werden als Sexsklav_innen verkauft. Verschleppte Frauen riefen ihre Familien an und forderten die Armeen auf, die Orte zu bombardieren, an denen sie gefangen gehalten wurden, weil sie den Tod den wiederholten Vergewaltigungen vorzogen. Für die Mitglieder des IS ist es halal,[30] Frauen und sogar Kinder, die nicht ihrer Ideologie anhängen, zu vergewaltigen. Dies sei in von Jihadisten eingenommenen Städten über Moscheelautsprecher verkündet worden, berichtete Axîn Amed,[31] eine Vertreterin des Menschenrechtsvereins. Vergewaltigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist ein bewusst eingesetztes Mittel der Kriegsführung, das zur absoluten, langfristigen Missachtung und Folter ihrer körperlichen und persönlichen Integrität dient. Die Vergewaltigung soll demonstrieren, dass männliche Familienmitglieder ihrem patriarchalen Schutzauftrag nicht nachkommen; hierbei wird die »Ehre« (namûs) der betreffenden Familien zerstört, eine vergewaltigte Frau gilt in den meisten Gesellschaften des Mittleren Ostens als Schande. So ist die Androhung von Vergewaltigung ein zielgerichtetes Mittel der Kriegsführung zum Zweck der Rache und Vertreibung. Asya Abdullah beschreibt das furchtbare Vorgehen des IS gegen die Frauen: »In der Region Hesekê wurde [im Sommer 2013] eine große Anzahl armenischer Frauen [vom IS] entführt, vergewaltigt und ermordet. In dieser Region haben Kurd_innen, Araber_innen, Christ_innen, Drus_innen, Sunnit_innen und Alawit_innen friedlich miteinander gelebt. Diese [radikalislamischen] Gruppen greifen zugleich auch dieses friedliche Zusammenleben an. Heute fallen sie über die Kurd_innen her, doch ihr Ziel ist es, das Zusammenleben der Menschen zu zerstören. Die kurdischen Frauen haben sie besonders im Visier. Das liegt daran, dass die sich auch aktiv an den Kämpfen beteiligen. Diese Frauen verteidigen nicht nur sich selbst, sondern eigentlich alle Frauen Syriens.«[32] 2010 begann die kurdische Frauenbewegung mit einer Kampagne, das kapitalistische Patriarchat als »Vergewaltigungskultur«[33] zu bezeichnen. »Wir sind gezwungen, an zwei Fronten zu kämpfen – gegen männliche Dominanz und das politische System«, so eine Aktivistin.[34]

Der IS ist wohl eine der extremsten Formen dieser auf die Spitze getriebenen Ausbeutungskultur des kapitalistischen Patriarchats. Wie auch Dilar Dirik schreibt: »Viele der Methoden und Mechanismen des IS sind Kopien der dominanten nationalstaatsorientierten, kapitalistischen, patriarchalen Weltordnung, die im Jahr 2014 überall auf der Welt herrscht. In vielerlei Hinsicht ist der IS eine extremere Version der Gewalt an Frauen überall auf der Welt, der Welt, die als fortschrittlich betrachtet wird. Der IS bedient sich derselben Mechanismen der Rückständigkeit des globalen Patriarchats und seiner kapitalistischen Ausdrücke.«[35] Viele politisch aktive Frauen in Rojava taten uns gegenüber den Wunsch kund, dass Frauen sich überall organisieren, gegen die von den Islamisten ausgehenden Gräuel wehren und sie für eine neue Frauenrolle kämpfen sollen.

 

 

6.9 Ausblick

 

Natürlich gibt es auch Frauen, die sich nicht an den Frauenorganisationen beteiligen. Zahlreiche Akademikerinnen aus der oberen Mittelschicht haben Rojava verlassen. Viele Studentinnen waren zunächst begeistert engagiert, zogen sich dann aber zurück, da sie ihre individuellen Träume nicht umsetzen können und aufgrund der Kriegssituation auf vieles verzichten müssen. Insbesondere Frauen und auch Männer, die zuzeiten des Regimes privilegiert waren, sehnen sich nach dieser Zeit zurück. Das Selbstverwaltungssystem bedeutet viel Arbeit, für die es keine Bezahlung gibt. Nach 60 Jahren Diktatur und Baathismus erwarten viele, dass nach einiger Zeit wieder ein Staat entsteht und sie sich wieder ins Privatleben zurückziehen können. Die Demokratische Autonomie erfordert viel Engagement. Natürlich wurde die Mentalität von Frauen, sich in ihr Schicksal zu fügen, nicht komplett überwunden, aber es sind viele Schritte entwickelt worden, vor allem, so Ilham Ahmed, seien von Frauen erhebliche Opfer für das Erreichte erbracht worden, darum seien sie nicht bereit zurückzuweichen.

Frauen sind vielerorts noch immer ökonomisch abhängig von ihren Ehepartnern und Familien. Viele Fragen sind noch ungeklärt; wie soll z.B. eine freie Familie aussehen, eine freie Beziehung? Unter den aktuellen Kriegsbedingungen harren eine Menge Fragen noch einer Lösung. Zahlreiche bedeutende Schritte wurden jedoch schon gemacht. Das wichtigste Moment der Befreiung für Frauen ist die Organisierung. Wenn Frauen starke Organisationen schaffen, in denen sie klären, wie sie sich ein anderes Leben vorstellen, und wenn sie die Kraft der Organisation nutzen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen, verfügen sie über einen Hebel, um sich dagegen zu wehren, dass sie in zukünftigen Strukturen wieder zurückgedrängt werden. Entscheidend ist auch, dass die Frauenorganisierung in Rojava als strategisch angesehen wird. Das Patriarchat wird als ein System der Rechtfertigung von Ausbeutung der Natur und der Gesellschaft verstanden, das nur durch eine Gesellschaft überwunden werden kann, die auf nicht-patriarchalen Prinzipien wie Kommunalität, ökologischer Ökonomie und Basisdemokratie beruht.

Seitdem die Revolution in Rojava stattfindet, ist Abdullah Öcalans Paradigma einer frauenbefreiten Gesellschaft jenseits von Staat, Macht und Gewalt für die kurdische Community greifbarer geworden. Eine Aktivistin des Frauenrates in Köln erklärte beispielsweise: »Seit 30 Jahren bin ich in der PKK-Bewegung organisiert, ich habe die Bücher von Öcalan alle gelesen, aber in meinem Inneren habe ich immer gedacht, ›wir sollten für einen kurdischen Staat kämpfen‹. Erst mit der Revolution in Rojava, mit dem Aufbau der Frauenkommunen mit Araber_innen und Suryoye habe ich ihn wirklich verstanden, was es bedeutet, eine frauenzentrierte, multiethnische Gesellschaft ohne Staat aufzubauen.« Die Revolution in Rojava mit der Avantgarde ihrer Frauenaktivistinnen kann Auslöser für ein neues Frauenbild im gesamten Mittleren Osten werden. Schon beginnen auch ezidische Frauen in Şengal oder Araberinnen sich nach diesem Vorbild zu organisieren. Auch in Europa hat diese Entwicklung viel Begeisterung ausgelöst. In Anlehnung an das Akademie-System in Rojava beginnen auch Feministinnen in Deutschland diese Bildungs- und Organisierungsarbeit für sich zu entdecken.[36] Die kurdische Frauenbewegung in Rojava ist ideologisch mit dem KJA (Komalên Jinên Azad), dem Dachverband kurdischer Frauenorganisationen, verbunden, d.h. sie setzt sich für die Ziele der KJA-Vereinbarung ein.[37] Erklärtes Ziel des KJA ist es unter anderem »von Kurdistan beginnend die Revolution der Frauenbefreiung im Mittleren Osten zu verwirklichen und eine Weltfrauenrevolution anzustreben«. Die kurdische Frauenbewegung hat sich noch nie kleine Ziele gesetzt. Als sie 1993 beschloss, eine Frauenarmee aufzubauen, haben nur wenige Frauen wirklich daran geglaubt. Heute sind sie die erfolgreichste Frauenbewegung im Mittleren Osten, vielleicht sogar weltweit.

 

 

 

[1] Zübeyde Sarı. In: Özgür Gündem, »Women of Rojava«, 8.9.2013.

 

[2] Die Welt, 18.10.2014.

 

[3] Care Deutschland-Luxemburg E.V.: Arabischer Frühling oder arabischer Herbst für Frauen? CARE-Bericht zur Rolle von Frauen nach den Aufständen im Mittleren Osten und Nordafrika, presseportal.de/pm/6745/2554259/arabischer-fruehling-oder-arabischer-herbst-fuer-frauen-care-bericht-zur-rolle-von-frauen.

 

[4] Mernissi, Fatima: Geschlecht, Ideologie, Islam, München 1987.

 

[5] Unveröffentlichtes Interview mit Evîn, die sich 1995 als Sechzehnjährige der Bewegung anschloss. Es wurde von einer deutschen Internationalistin im Sommer 2013 in Südkurdistan geführt.

 

[6] Cenî Fokus Nr. 1, »Der Hohe Frauenrat Koma Jinên Bilind«, Düsseldorf 2011.

 

[7] Interview mit Ilham Ahmed am 26.5.2014.

 

[8] www.bestanews.com/13447/kobani-canton-declares-women8217s-laws&dil =en.

 

[9] Gespräch mit Hanife Hisên, 16.5.2014.

 

[10] Berdel ist ein traditioneller Heiratsbrauch, bei dem eine Frau einer anderen Familie übergeben wird, entweder im Tausch gegen eine andere Frau oder zur Beilegung einer Familienfehde. Begünstigt wird die Tradition durch die patriarchale Familienstruktur und die feudalen Besitz- und Aşîretstrukturen.

 

[11] Malbata Demokratik û hevratiya azad. In: Xweseriyademokratik a jin [Die demokratische Familie und das freie Zusammenleben. In: Demokratische Autonomie der Frauen], Dengê Jiyan 2013.

 

[12] www.azadiyawelat.info/?p=31446

 

[13] http://en.hawarnews.com/yekitiya-star-establishes-all-women-commune-in-til-temir/; http://en.hawarnews.com/women-establish-commune-center-in-efrin/

 

[14] Rosa Zîlan in Cenî-Informationsdossier zu Rojava, 13.9.2013.

 

[15] Karlos Zurutuza: »For Kurdish Women, It’s a Double Revolution«, IPS, Qamişlo, 5.11.2013.

 

[16] Die Revolution in Westkurdistan – Teil 8, civaka-azad.org/die-revolution-in-westkurdistan-teil-8.

 

[17] Janet Biehl: »Two Academies in Rojava«, in: Ecology or Catastrophe, 2015; www.biehlonbookchin.com/revolutionary-education/.

 

[18] Ebd.

 

[19] www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/erklaerungen/2012/02/08.htm.

 

[20] Öğünç Pınar: Ohne die Freiheit der Frau keine Demokratie, Radikal 22.8.2013, nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2013/34/16.htm.

 

[21] ANF, 24.9.2013.

 

[22] Hawarnews, 3.10.2013.

 

[23] Hawarnews, 26.10.2013.

 

[24] Hawarnews, 21.9.2013.

 

[25] Cenî-Informationsdossier zu Rojava, 13.9.2013.

 

[26] Gurbetelli Ersöz war Chefredakteurin der kurdischen Zeitung »Özgür Gündem« in der Türkei und wurde am 10. Dezember 1993 festgenommen. Die Zeitung wurde verboten. Nach sechs Monaten wurde Gurbetelli entlassen, das Verfahren gegen sie lief weiter. Als Journalistin konnte sie aufgrund der täglichen Repressalien nicht mehr arbeiten. 1995 schloss sie sich der PKK-Guerilla an. Am 7. Oktober 1997 verlor sie ihr Leben in einem Hinterhalt der PDK.

 

[27] Die Samstagsmütter fordern eine Aufklärung des »Verschwindens« von 18.000 Menschen. Die meisten wurden in den 1990er Jahren durch »unbekannte Täter«, durch den Staat ermordet.

 

[28] Revolution in Westkurdistan – Teil 5, civaka-azad.org/die-revolution-in-westkurdistan-teil-5.

 

[29] Revolution in Westkurdistan – Teil 7, civaka-azad.org/die-revolution-in-westkurdistan-teil-7.

 

[30] Halal (arabisch) im Sinne von »erlaubt« oder »zulässig« nach islamischem Recht.

 

[31] Gespräch, 11.10.2013, Komela Mafên Mirovan (Menschenrechtsverein) mit Michael Knapp.

 

[32] Pınar Öğünç.

 

[33] Konzept der feministischen Bewegung seit den 1970ern, versteht sexuelle Übergriffe/Gewalt nicht nur als individuelle Verbrechen, sondern auch als Resultat diverser gesellschaftlicher Faktoren. Die kurdische Frauenbewegung erklärt auch Landraub, das Aufstellen von Armeen, die Ausbeutung von Boden und Menschen als Vergewaltigungskultur; vgl. Anja Flach: Kurdistan Report 173, Mai/Juni 2014.

 

[34] http://efendisizler.blogsport.de/2010/07/06/kurdische-frauen-kaempfen-gegen-die-vergewaltigungskultur/.

 

[35] Kurdistan Report 176, Nov./Dez. 2014.

 

[36] Anja Flach: »Ansätze für eine feministische Neuorganisierung in der BRD, feministische Akademien«, www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2015/182/352-feministische-akademien.

 

[37] www.kongreyajinenazad.org/kja-agreement-free-women-congress-convention /?lang=en.

 

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