Doku zu Pariser Morden: „Die Kurdinnen und ihr Killer“

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Anhand bislang teilweise unveröffentlichter Ermittlungsunterlagen und eigener Recherchen zeichnet ein Dokumentarfilm von Ahmet Şenyurt den Auftragsmord an drei Kurdinnen in Paris nach. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen.

Am 30. Oktober 2019 erklärte Erdoğan im türkischen Parlament, die Türkei nehme für sich das Recht in Anspruch, Gegner und Feinde im Ausland zu bekämpfen. 2013 wurden Sakine Cansiz, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez im Kurdistan-Informationsbüro in der Innenstadt von Paris brutal ermordet. Auch sechs Jahre nach den Morden sind die Hintergründe des Attentats nicht offiziell aufgeklärt. Mit dem Krebstod des Hauptverdächtigen Ömer Güney 2016 wurde der Prozess eingestellt – ohne Urteil.

Anhand bislang teilweise unveröffentlichter Ermittlungsunterlagen und eigener Recherchen zeichnet ein Dokumentarfilm von Ahmet Şenyurt die Ereignisse um das Attentat nach und verbindet sie mit biografischen Daten der ermordeten Frauen. Überraschend und verstörend: Das erste Mal sehen wir Fotos vom Tatort.

Der Film folgt auch der Spur des Hauptverdächtigen Ömer Güney, der sich in das Umfeld von Sakine Cansiz einschlich, verdeckt aber für den MIT, den türkischen Geheimdienst, als Agent arbeitete und die drei Frauen ausspähte. Güney reist, obwohl er von Sozialhilfe lebt, immer wieder in die Türkei, wo er in Luxushotels wohnt. Seine Handydaten zeigen Verbindungen zum MIT. Er fotografiert heimlich Dokumente im kurdischen Kulturverein in Paris und bewahrt zuhause Waffen auf. 2014 tauchten Tonaufnahmen eines Gesprächs zwischen Güney mit Agenten des MIT auf. Auch ein Papier des MIT, der Mordauftrag, taucht im Internet auf. Dieser wird später von zwei Agenten des MIT, die die PKK in Südkurdistan festnehmen konnte, bestätigt. Sie nennen die Klarnamen hinter den Initialen der MIT Agenten.

In dem Film kommen viele Menschen, Freund*innen und Angehörige von Sakine, Leyla und Fidan zu Wort. Vor allem die Geschichte von Leyla, die in Halle aufwuchs, wird nachgezeichnet. Ihre Mutter, ihr Vater, Freunde kommen zu Wort.

Obwohl Ahmet Şenyurt, der Autor und Regisseur, ein ziemlich distanziertes Verhältnis zur PKK hat, wird in dem Film deutlich, dass die Menschen in der PKK, die er interviewt, keine verrückten Terroristen sind, sondern Menschen mit einer Haltung und einer Überzeugung, Menschen, die auch ein privilegiertes Leben in Europa hätten führen können, sich aber für den Befreiungskampf entschieden haben.

Der Film stellt viele Fragen: Warum wurde Güney, obwohl schwer krebskrank, nicht rechtzeitig vor Gericht gestellt? Am 17. Dezember 2016 stirbt er, 14 Tage vor dem geplanten Verhandlungsbeginn. Seine Pflichtverteidigerin sagt, er habe noch auf dem Sterbebett gesagt, dass er reden will. „Alle wollten den Prozess. Es war eine Aktion Frankreichs, diesen Prozess zu verzögern. Jetzt bekommen wir die Antworten nie mehr“, so die Verteidigerin.

Vielleicht doch, hat auch die Recherche für den Film dazu beigetragen? In Paris soll jetzt das Verfahren zum Mord an Sakine Cansiz, Leyla Saylemez und Fidan Doğan neu aufgerollt werden.

Fragen an Ahmet Şenyurt: Musste dieser Satz wirklich sein?

Ahmet Şenyurt ist investigativ arbeitender Journalist und lebt in Köln. Er ist türkischer Herkunft, aber schon im Alter von sieben Jahren nach Deutschland gekommen. Er arbeitet seit vielen Jahren als Autor für report München und für längere ARD-Dokumentationen. Seine Themen sind u.a. Einwanderung und Flucht, aber auch der Mittlere Osten, Islamismus und der kurdische Befreiungskampf. Im ANF-Interview hat sich Ahmet Şenyurt zu seinem am Dienstag erstmalig auf ARTE ausgestrahlten Dokumentarfilm „Paris – Die Kurdinnen und der Killer“ geäußert.

Der Film stellt Fragen über die Morde an Sakine Cansiz, Leyla Şaylemez und Fidan Doğan, die wir uns alle stellen. Wie kam es dazu, dass Sie diesen Film gemacht haben?

Ich war einfach entsetzt darüber, dass ein Staat wie die Türkei es wagt, in Paris drei Frauen zu töten. Diese Brutalität, dieser zivilisatorische Bruch. Das machen auch andere Staaten, aber das macht es ja nicht besser. Dann auch noch in Paris, wo ja schon dutzende Attentate auf Einzelpersonen stattgefunden haben. Mich hat besonders frappiert, dass die oder der Täter bei all den Morden in Paris davongekommen sind. Dann habe ich angefangen zu recherchieren.

Haben Sie in einem Team gearbeitet?

Ich habe das alles alleine gemacht, aber ich habe natürlich eine Redaktion, die mich zum Teil begleitet hat.

Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Insgesamt haben wir mit allen Wartezeiten fast ein Jahr gearbeitet. Man wartet auf Interviews, auf Rückmeldungen, zum Beispiel aus Nordsyrien, aus dem Nordirak, aus der Türkei etc. Das braucht unglaublich viel Zeit.

War es schwierig, an Dokumente etc. heranzukommen?

Ja sehr. Das hat sehr viel Überzeugungsarbeit gekostet, viel Nachhaken, um an bestimmte Informationen zu kommen, jenseits dessen, was ja sowieso auf dem Markt ist. Es gab auch nicht überall Vertrauen mir gegenüber.

Aber es ist eine Quintessenz, dass im Rahmen der Friedensverhandlungen [zwischen der PKK und dem türkischen Staat] die europäische kurdische Gemeinde total offen war, überhaupt nicht mit so etwas gerechnet hat, weil man ja im Friedensprozess und in Europa, in Deutschland sicher war. Das ist das Perfide.

Am Schluss schreiben Sie: Der PKK ist es gelungen den Mordfall für sich zu instrumentalisieren. Musste dieser Satz wirklich sein am Schluss und warum?

Das ist meine politische Bewertung. Für mich ist die PKK auf der einen Seite sicherlich inzwischen der einzige politische Arm der organisierten Kurden, auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es einen Unterbau gibt. Die PKK ist kein christlicher Pfadfinderverein, vielleicht für die Kurden die einzige Möglichkeit sich politisch zu engagieren, jenseits der etablierten Parteien in der Türkei, oder im Nordirak oder in Syrien. Aber es ist leider auch eine Tatsache, dass die PKK hier in Deutschland und in Europa verboten ist. Wenn ich jetzt einen Film gemacht hätte „Ist das Verbot sinnvoll?“, dann gehöre ich zu den Vertretern, die sagen, nein, das Verbot muss überlegt werden, macht heutzutage keinen Sinn mehr. Aber ist diese Heldenverehrung richtig?

Ich habe halt schon oft gesehen, dass bei Filmen, die öffentlich-rechtlich sind bzw. von verschiedenen Stellen gefördert, dann immer noch so ein Satz kommen muss.

Nein. Das ist wirklich meine eigene Analyse. Aber ich zeige eben auch von Minute eins an, was uns alle so sprachlos macht, auch diese Nicht-Aufklärung. Daher berichte ich ja auch noch über den Fall Mehmet Fatih [ein weiterer MIT Agent, der versuchte kurdische Politiker*innen auszuspähen und ans Messer des MIT zu liefern].

Mir ging es darum, genau in der Mitte zu bleiben und alle Klischees herauszulassen. Die Zerrissenheit, die Leyla erlebt hat, habe ich natürlich auch erlebt, ich bin halt nur einen anderen Weg gegangen durch Zufall.

Vielen Dank für das Interview.

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