Der Kommunalismus in Rojava – Revolution der Frauen

Der Begriff des Kommunalismus geht auf Murray Bookchin, einen US-amerikanischen libertären Anarchisten zurück. Kernelement  der Idee ist die Vorstellung einer dezentralisierten Gemeinschaft kleinerer Orte in einem föderalen System. Bookchin verstand darunter die direktdemokratischen Bürger*innenversammlung und fügte das kommunale Eigentum der Produktionsmittel als materiellen Bestandteil des libertären institutionellen Rahmens auf ökologischer Basis hinzu. Abdullah Öcalan, Theoretiker und Führungsfigur der kurdischen Bewegung erweitere diese Vorstellungen um das Element der Frauenbefreiung und nannte es Demokratischen Konföderalismus, im Zentrum der Selbstverwaltung steht die Kommune. Als mit dem syrischen Bürgerkrieg in den kurdischen Gebieten im Norden Syriens ein Machtvakuum entstand, konnten Kurd*innen und mit ihnen verbündete Gruppen ab Juli 2012 die Gebiete, in denen sie leben, nach dem Modell von Öcalan gestalten und selbst verwalten. Insbesondere kurdische Frauen spielen eine bedeutende Rolle in diesem Aufbauprozess.

Die kurdische Frauenbewegung sieht das 21. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Frauen an.Sie sind der Überzeugung, dass bisherige Revolutionen die Bedürfnisse der Hälfte der Menschheit, der Frauen, schlicht  übersehen haben.

Während ich jedoch an diesem Artikel schreibe, ist die türkische Armee am 9. Oktober 2019 in Rojava (kurdisch Westen) einmarschiert und droht alles, was Frauen in den letzen sieben Jahren aufgebaut haben, zu zerstören. Afrîn der Teil Rojavas, in der die kommunalen Strukturen der Frauenbewegung in Rojava am weitesten entwickelt waren, wurde schon im März 2018 mit türkischer Hilfe von Jihadisten besetzt, alle Frauenstrukturen zerschlagen. Dieses Schicksal droht nun auch dem Rest von Rojava.

Von Oktober 2018 bis April 2019 hielt ich mich in Rojava und Nord- und Ostsyrien auf, um mir ein Bild von der Entwicklung der Frauenstrukturen zu machen, nachdem ich 2014 schon längere Zeit in der Region verbracht hatte.

In Rojava wurde mit der Revolution von 2012 eine Gesellschaft mit Frauen im Zentrum, etabliert, im Mittelern Osten einer Region, die weltweit als patriarchal und rückständig gilt. Das Bild der kurdischen Bewegung und damit der Frauen hat sich durch den Widerstand in Kobanî und ganz Rojava radikal gewandelt. Heute geht es nicht nur um die Veränderung der Frauen, sondern um die ganze Gesellschaft. Die Erforschung der Gesellschaft mit den Augen der Frauen unter dem Label „Jineoloji“ (Frauenwissenschaft und Praxis) ermöglicht eine neue Perspektive für gesellschaftliche Lösungen und Veränderungen, die das Leben auf diesem unserem Planeten für alle zu einem schönen Leben macht.

Schon in den 1980er und 90er Jahren beteiligten sich tausende Frauen an der Basis- und Organisierungsarbeit der kurdischen PKK-Bewegung, Aktivistinnen gingen von Haus zu Haus, besuchten jede einzelne Frau und banden sie  in die politische Arbeit ein. Auch damals fanden schon regelmäßig Bildungsarbeit und Frauenversammlungen statt.

Ich selbst hielt mich Mitte der 1990er Jahre zweimal für mehrere Monate in den kurdischen Gebieten Syriens auf. Zwar hatten viele Frauen gegenüber den Männern gesellschaftliche Nachteile, aber sie beteiligten sich vor allem an der Basisorganisierung, weil die PKK-Bewegung ihnen einen besonderen Platz einräumte, ihnen besondere Bildungsmöglichkeiten bot und es zu den Grundlagen der Ideologie der Bewegung gehört, dass eine Befreiung der Gesellschaft ohne Befreiung der Frauen nicht möglich ist. Sie förderte die Organisierung und Bildung der Frauen, daher beteiligten sich schon seit den späten 1980er Jahren Tausende an der Bewegung und später an der Frauenarmee der PKK, die 1995 gegründet wurde. Ihr Ziel bestand unter anderem darin, die traditionelle Sozialisierung und die Eigenschaften der feudalen Gesellschaft zu überwinden. Die Frauen, die sich 1995 in der YAJK (Verband der Freien Frauen Kurdistans) organisierten, tauschten sich mit Frauenbewegungen weltweit aus. Prinzipien wie die autonome Frauenorganisierung, die 40%-Beteiligung von Frauen in allen Bereichen, die Doppelspitze etc., die heute in allen vier Teilen Kurdistans für alle Bereiche der kurdischen Bewegung gelten, wurden in den Bergen bei der Guerilla (heute YJA Star) entwickelt. Eines der Ziele der Frauenbewegung ist es, die Entfremdung kurdischer Frauen zu überwinden und damit auch die kolonialistische Herabsetzung der eigenen Kultur. Frauen sollen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen und dazu befähigt werden, Entscheidungen selbst zu treffen. Die Bewegung organisiert die Frauen auf der Grundlage des Bewusstseins, dass das patriarchale Herrschaftssystem seine Macht durch die Spaltung und Vereinzelung von Frauen aufrechterhält. Abdullah Öcalan, der Vorsitzende der PKK, hatte die kurdische Frauenbewegung insbesondere in Syrien immer unterstützt und gefördert, oft auch gegen den Willen der eigenen Genossen, die Frauen in der Guerilla in den ersten Jahren eher als ein Hindernis begriffen. 

Frauen in der Revolution

Von Anfang an haben Frauen in der Revolution in Rojava eine Führungsrolle gespielt. Es gibt mehrere Gründe dafür, warum das so sein konnte. Einer davon ist die schon beschriebene Rolle der PKK, die in den 1990er Jahren Tausende Frauen ausgebildet und gefördert hatte. In allen Teilen von Rojava habe sich das Wissen der Frauen durchgesetzt, dass ihnen eine besondere Aufgabe in der Revolution zukommt und sie die Vorkämpferinnen sein müssen.

Als die Revolution in Rojava begann, kamen, um den Aufbau zu unterstützen, nach und nach Hunderte von Frauen aus den anderen Teilen Kurdistans zurück, die dort oft Jahrzehnte bei der PKK-Frauenarmee (YJA Star) gekämpft hatten. Diese Frauen brachten Kampf- und Organisierungserfahrung mit und vor allem hatten sie sich jahrelang theoretisch und praktisch mit den Konzepten der Demokratischen Selbstverwaltung beschäftigt. „Der Vorsitzende [Öcalan] hat das Modell der Organisierung in seinen Büchern bis ins Detail beschrieben, mit diesen Büchern waren wir sehr vertraut. Wir mussten es nur noch umsetzen“, so Amara, eine Aktivistin der Frauenbewegung der Kleinstadt Derîk im Dreiländerdreieck der von der Türkei, Syrien und dem Irak besetzten Teilen Kurdistans.

Der Dachverband der kurdischen Frauen in Rojava wurde 2005 gegründet und hieß zunächst Rojavayê Kurdistanê Yekîtiya Star, zu Deutsch „Westkurdischer Verband Star“. Star ist in der kurdischen Mythologie der Name der Göttin Ischtar (Inanna) und bedeutet im heutigen Sprachgebrauch auch Stern. Im Februar 2016 wurde der Verband auf dem 6. Kongress in Kongreya (Kongress) Star umbenannt. Ihre Aktivistinnen waren bis zur Revolution massiven Repressionen wie Verhaftung und Folter durch das Baath-Regime ausgesetzt.

Alle Frauen, die sich in Rojava in sozialen, politischen oder militärischen Bereichen engagieren, sind stets auch Kongreya Star-Mitglieder. Es ist das Grundverständnis der kurdischen Frauenbewegung, in allen Bereichen eigene Strukturen zu schaffen, damit Frauen sich gedanklich, emotional und seelisch von der Verfügungsgewalt patriarchaler Herrschaft lösen können. Die Organisierung der Frauenbewegung ruht auf drei Hauptbereichen: Räte und Kommunen, Akademien und Selbstverteidigungsstrukturen.

Kongreya Star in der Kommune

Lamia ist für die Außenbeziehung der Frauenarbeiten in der Kleinstadt Derîk zuständig. Durch sie bekommen wir Kontakt zu allen möglichen Frauenorganisationen in Derîk. Einmal im Monat treffen sich die Frauen von Kongreya Star in Derîk und bewerten die Arbeit der verschiedenen Kommissionen und machen Pläne für den nächsten Monat. Zweimal im Monat besuchen die Mitarbeiterinnen der Frauenbewegung jede einzelne Frau in ihrer Kommune. Dabei ist es vollkommen unbedeutend, ob diese der kurdischen Bewegung nahesteht oder nicht. „Egal, ob es Christinnen oder andere sind, wir gehen sogar zur PDK“, erklärt uns Lamia. Die Sprecherinnen der Kommune, die ihr Amt durch Wahlen erhalten haben, bilden gemeinsam mit einem Mann, der Vortreter des Volksrates der Kommune ist, die Leitung der Kommune. Jedes Gremium in Rojava hat eine Doppelspitze von zwei Sprecher*innen, einem Mann und einer Frau. Ko-Vorsitz genannt.

Gemeinsam mit anderen Vertreterinnen der Kommune lösen sie ein Großteil kommunaler Verwaltungsaufgaben. Sie kennen, da die Kommunen klein sind, jede einzelne Person, wissen, welche Familien ökonomische oder andere Unterstützung brauchen. Sie verteilen Strom, Wasser, Diesel, lösen Probleme in der Nachbarschaft oder in den Familien.

Auf der Basis einer Familiengesetzgebung, die durch die Frauenbewegung entwickelt wurde,  beschloss die Hohe Verfassungskommission ein für Rojava verbindliches Gesetz. Kinder- oder Zwangsheirat, zuvor weit verbreitet, wurden verboten, ebenso wie berdel [1] oder Polygamie. Die Ethik und die Werte der Bewegung haben großen Einfluss auf die Gesellschaft, die von einem revolutionären Aufbruch bestimmt wird. Menschen, die in der Bewegung aktiv sind, versuchen auch nach diesen Werten zu leben. Vor der Revolution gab es keine individuellen Frauenrechte.

 

Die Frauenräte – Meclîsên Jin

Die Kommunen konnten nicht überall sofort aufgebaut werden. Zunächst wurde in jeder Stadt ein Rat gebildet, dann in jedem Stadtteil bzw. bildeten mehrere Dörfer einen Dörfergemeinschaftsrat. Kongreya Star baute Frauenräte nicht nur in allen Städten Rojavas, sondern auch in anderen syrischen Städten, in denen viele Kurd*innen leben, auf, um die politischen Interessen von Frauen zu vertreten, so z.B. in Damaskus, Aleppo, Raqqa und Hesekê. Sie sind das verbindende und beschlussfassende Gremium aller Frauen. Es entstanden Gerechtigkeitskommissionen und Friedensmüttervereinigungen, Ökonomiekomitees etc. Ziel ist es u.a., die gesamte Gesellschaft politisch zu bilden und Werte zu vermitteln. Rechtsprechung und Gesetze sollen nur eine Übergangsphase darstellen. Sie sollen überflüssig werden, sobald eine ethisch und stark politisierte Gesellschaft entstanden ist. Nûha Mahmud, eine 35-jährige Aktivistin in Qamişlo, erklärt, dass sich zahlreiche Opfer sexueller Gewalt an die Frauenräte wenden. Im Mittleren Osten würden vergewaltigte Frauen oft von ihren Familien verstoßen, manchmal sogar ermordet. „Wir führen gerade den Kampf, diese Tatsache in das Bewusstsein der Menschen hier hineinzutragen. Denn, ob frau will oder nicht, das Regime und die arabische Mentalität haben das Denken unserer Männer über die Jahre sehr stark beeinflusst. Wir müssen nun diese alte Mentalität mit aller Kraft überwinden. Wir werden große Anstrengungen unternehmen, damit die Frauen in dieser Stadt ihre Vorreiterrolle spielen können. In den Städten trägt unsere Arbeit bereits Früchte. Viele Familien motivieren bereits ihre Töchter, sich gesellschaftlich zu engagieren“, berichtet Remziye Muhammed im Mala Jin in Qamişlo.

Mala Jin – Frauenzentren

In die Frauenzentren (Mala Jin) kommen Frauen, um mit anderen Frauen über ihre familiären und sozialen Probleme zu sprechen und um gemeinsam Lösungen zu finden. In den Zentren werden Computer-, Sprach-, Näh- oder Erste-Hilfe-Kurse, Gesundheitsseminare, Kurse zur Kindergesundheit, Kultur- und Kunst-Workshops organisiert. Die Frauen selbst entscheiden, was sie brauchen. „Damit schaffen wir buchstäblich die Grundlage dafür, dass in Zukunft nur Frauen über Frauenthemen entscheiden und nicht jemand anderes. Es wird ein neues Bewusstsein und Selbstbewusstsein geschaffen“, erklärt eine Aktivistin. Die Mala Jin sind als Stadtteilzentren der Frauenorganisation zu verstehen. Wenn die Probleme von Frauen nicht direkt in der Kommune gelöst werden können, kommen diese dorthin. „Wir haben hier Kontakt zu allen 2.000 Häusern in diesem Stadtteil“, berichtet Adile in Dêrîk. „Die Frauen kommen zu uns, wenn sie Probleme haben. Nicht nur die kurdischen, auch die arabischen Frauen „Durch das Kommunesystem kennen wir jede einzelne Familie, wir kennen ihre wirtschaftliche Situation, wir wissen, wer seine Frau und seine Kinder schlägt. Wir gehen direkt dorthin und sprechen mit den Betroffenen, bis es zu einer Lösung kommt“, so die Vertreterin des Frauenhauses von Serêkaniye. Die Frauen-Asayîş  (Sicherheitskräfte) könnten von den Frauen im Falle von Gewalt in der Familie zu Hilfe geholt werden.

Akademien

In Rojava und inzwischen auch in überwiegend arabischen Städten werden Frauenakademien aufgebaut. Die Akademien möchten in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Geschichte, Kultur, Philosophie und soziale Entwicklungen schaffen. Durch ein tiefes Geschichtsbewusstsein sollen die Frauen in die Lage versetzt werden, Lösungen für aktuelle Fragen selbst entwickeln zu können. Dies wird als notwendig angesehen, da der Staat die Wahrnehmung jahrzehntelang geformt hat. Jede Akademie wird auch als ein Gesellschaftsforschungszentrum angesehen. Alle Teilnehmerinnen werden aktiv in die Bildung einbezogen. Je nach Bedarf können Bildungseinheiten von drei Wochen bis zu drei Monaten oder sogar ein Jahr dauern. In allen Akademien finden Seminare zum gesellschaftlichen Sexismus statt, Diskussionen und Reflexionen zu seiner Überwindung werden angeregt. Die Frauen lernen, wie das kommunalistische System funktioniert und wie sie es gestalten können. Sie setzen sich tief mit der eigenen Sozialisation und ihrer Überwindung auseinander. Die Frauenbildungszentren wollen die patriarchale Wissenschaftslogik durchbrechen und eigene gesellschaftliche Alternativen entwickeln.

Frauen sollen ermutigt werden, „die Wirklichkeit zu untersuchen, um mit unserem Wissen und dem neu Gelernten diese Wirklichkeit zu verändern und neu gestalten zu können; um ein schöneres Leben und eine freie Gesellschaft zu erreichen“, heißt es in einem Papier der Frauenbewegung. Immer wieder wird auch die Entwicklung einer eigenen Ästhetik betont. Die Frauen in der kurdischen Bewegung wollen eigene Ausdrucksformen finden, Kunst und Kultur aus einer Frauenpers­pektive neu gestalten. Dies wurde in dem jahrzehntelangen Kampf der Frauenbewegung mit Sicherheit auch erreicht. War das Bild der kurdischen Frauen in den 1980er Jahren das einer unterdrückten, passiven Frau, ist es heute das einer starken Frau, die für ihre Rechte kämpft. Bei meinem Besuch in Kobanî lerne ich Frauen kennen, die die Bildungsarbeit in Afrîn vorangetrieben hatten und nun nach Kobanî geflohen sind. „In Afrîn gab es in jedem der 366 Dörfer einen Frauenrat, die Frauenbildungsarbeit war sehr weit fortgeschritten, jetzt ist alles zerschlagen“, berichtet Dîlan.

Jineoloji

Bei der Guerilla in den Bergen wurde der Begriff Jineolojî entwickelt. Er bedeutet „Frauenwissenschaft“. „Jin“ ist Kurdisch und bedeutet „Frau“. „Logie“ stammt vom griechischen Begriff für Wissen ab. „Jin“ wiederum stammt vom kurdischen Begriff „Jiyan“ ab, welcher „Leben“ bedeutet. Ziel von Jineolojî und den damit zusammenhängenden Diskussionen ist es, Frauen und der Gesellschaft allgemein im momentan noch von den Herrschenden kontrollierten Bereich des Wissens und der Wissenschaft einen Zugang zu schaffen. Die kurdische Frauenbewegung sieht es als wichtig an, Wissen und Wissenschaft nicht vom sozialen Feld loszulösen, nicht zu elitisieren, nicht zur Grundlage von Macht zu machen, sondern die Verbindungen zur Gesellschaft zu stärken. Wissensmonopole sollen abgeschafft werden. Unter anderem möchte die Jineolojî die Vision eines guten Lebens entwickeln, die Räte wiederum setzen es in der Praxis um – so sind Theorie und Praxis ständig im Austausch. Sie sehen sie als Ergebnis einer Jahrzehnte andauernden Erfahrung an. In der Akademie in Rimelan bekommen die Schülerinnen zunächst einen Überblick über die Jineolojî. „Es ist das Wissen, dass den Frauen gestohlen wurde und das sie nun wiederentdecken. Wir wollen die Nichtexistenz der Frauen in der Geschichte überwinden und verstehen, wie Konzepte innerhalb existierender sozialer Beziehungen produziert und reproduziert werden, dann wollen wir unser eigenes Verständnis entwickeln“, so Dorşin die Leiterin der Akademie.

Das Hevserok-System (die Doppelspitze) und die 40%-Quote

Überall gilt das Prinzip der Doppelspitze. Egal ob in einer Kommunalverwaltung oder in einem Gericht, überall teilen sich zwei Personen die Koordination, eine von ihnen eine Frau. So ist auch eine der beiden Vorsitzenden der Partei der Demokratischen Einheit (PYD) weiblich: Ayşe Hiso. Asya Abdullah ehemalige Ko-Vorsitzende der PYD äußert sich zur Rolle der Frauen: „Schauen Sie sich die vermeintliche Opposition in Syrien an. Sie werden so gut wie keine Frau unter ihnen finden. „Ich frage mich, was für eine Revolution sie durchführen wollen, in der nicht alle Teile der Gesellschaft vertreten sind! Wie können sie von Freiheit und Demokratie sprechen und dabei die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einfach übergehen? Wie kann eine Gesellschaft frei sein, in der die Frauen nicht frei sind? […] Wir sind noch lange nicht an unserem Ziel angekommen. Dessen sind wir uns durchaus bewusst. Wir haben aus den Fehlern vergangener Revolutionen gelernt. Es hieß immer: ‚Lass uns die  Revolution zum Erfolg bringen, danach werden wir den Frauen schon ihre Rechte geben‘. Nach der Revolution ist das natürlich nie geschehen. Wir werden allerdings nicht zulassen, dass sich das bei unserer Revolution wiederholt.“[2] Für alle gemischtgeschlechtlichen Gremien gilt eine Geschlechterquote. Es müssen in jedem Bereich, z.B. in den Räten, Verwaltungen, in der Justiz etc., Frauen und Männer jeweils zu mindestens 40% vertreten sein.

Frauenökonomie

Das Ökonomiekomitee der Frauenbewegung Kongreya Star versammelte sich erstmals am 10. Juni 2012 in Qamişlo. Infolge eines Beschlusses dieser Versammlung wurden in allen Städten Frauenwirtschaftskomitees aufgebaut, welche die Gründung von Frauenkooperativen unterstützen und daran mitwirken. Silvan Afrîn, die Vertreterin von Kongreya Star für Ökonomie in Dêrîk, erklärt uns die Idee der Kooperative: „Die Frauen haben kein eigenes Land, keine Möglichkeit Geld zu verdienen. Unsere Lösung dafür sind Frauenkooperativen. Wir holen z.B. zehn Frauen zusammen, und besprechen mit ihnen, was sie tun können. Viele Frauenkommunen haben eigenes Land erhalten, das sie kollektiv bewirtschaften. Nähereien, Kindergärten, Geschäfte, landwirtschaftliche Betriebe sind entstanden. Ehemaliges Staatsland, das nach der Revolution vergesellschaftet wurde, ist nun in der Hand Kooperativen, die an die Kommunen angebunden sind. Als kleines Beispiel kann die Frauenbäckerei Serêkaniye gelten. Sechs Frauen produzierten etwa 600 Brote am Tag. Das Projekt wurde mit Hilfe des Mala Jin in Serêkaniye aufgebaut. Sie konnten sich selbst und ihre Familien mit der Bäckerei ernähren. Nun ist die Stadt in die Hände der Jihadisten gefallen. Die Frauen mussten mit ihren Kindern fliehen. Durch die türkische Besatzung sind tausende Projekte der Frauenbewegung wieder in Gefahr. 

Die neu befreiten Gebiete

Als neu befreite Gebiete bezeichnen wir die Gebiete, die  ab 2014/15 durch den sogenannten Islamischen Staat besetzt waren und bis Dezember 2018 befreit wurden. Am 8. September 2017 fand in Minbij, eine am 15. August 2016 durch die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) vom IS befreite Stadt mit überwiegend arabischer Bevölkerung, der Gründungskongress des Frauenrates  (MJS) von Syrien statt[3]. Dieser Rat spielt als Dachverband von Frauen sowohl für die sozialen Fragen als auch für die Lösung der Krise in Syrien eine wichtige Rolle.

In den neuer befreiten Gebieten sind Frauenräte und -kooperativen neben den Militär- und Zivilräten meist die ersten Strukturen, die aufgebaut werden können. Der Hunger der arabischen Bevölkerung und insbesondere der arabischen Frauen nach Veränderung ist groß. Dennoch und grade deshalb finden konstante und konsequente Aufbauprozesse statt, an denen beharrlich gearbeitet wird.

Die Frauenbewegung in Nord- und Ostsyrien umfasst nun auch assyrische, suriyanische, armenische, arabische, turkmenische Frauen. Sie sind zu Bestandteilen des Systems der Demokratischen Autonomie geworden und beteiligen sich aktiv in den verschiedenen Bereichen und Leitungsgremien der lokalen Selbstverwaltung. Es wurden gemeinsame Institutionen, Leitungs- und Verwaltungsgremien aufgebaut, wobei die Frauenbewegung und die jeweiligen nationalen und gesellschaftlichen Gruppierungen zugleich ihre Autonomie bewahrt haben. Seitens der Frauen gibt es Bemühungen, das autonome Frauensystem an allen Orten in Nord- und Ostsyrien zu verankern. In dieser Richtung sind viele Schritte nach vorne gemacht worden, aber es gibt immer noch ernste Mängel. Aufgrund der realen Gefahr, dass das syrische Regime zurückkommt, zögern viele Menschen aus Teilen der arabischen oder der christlichen Bevölkerung bislang davor, sich am Aufbau zu beteiligen und dieses Projekt als das ihre zu sehen. Das trifft auch bei den Frauen zu. Sie befürchten negative Folgen, Massaker und Repressionen, falls sich die Machtverhältnisse ändern sollten.

Arabische Frauen lebten bislang unter starken Einflüssen der Herrschaft des Staates, der Familie und einer feudalen Stammeskultur. Zudem mussten sie teilweise bis zu fünf Jahre n unter der Besatzung des IS leben.

Trotz des Krieges und der Zerstörung, trotz der erneuten Kriegs- und Angriffsdrohungen gab es zur Zeit meines letzten Besuches im Frühjahr 2019 große Fortschritte in der Frauenarbeit in Nord- und Ostsyrien. Obwohl die Familie und die Gesellschaft große Hindernisse für das politische und gesellschaftliche Engagement von Frauen darstellen, sind Frauen in allen Bereichen aktiv geworden. Bei den lokalen Sicherheitskräfte Asayîş, bei den Frauenverteidigungskräften YPJ und in den gesellschaftlichen Institutionen. Sie übernehmen leitende Funktionen in der politischen und gesellschaftlichen Arbeit.

Krieg ein Angriff auf Frauen

Der aktuelle Angriff radikalislamischer Kräfte auf Nord- und Ostsyrien ist auch ein extremer Angriff auf die Sicherheit und das Leben von Frauen. Während des Angriffs auf Afrîn im Frühjahr 2018 wurden zahlreiche Frauen verschleppt, vergewaltigt und zwangsverheiratet.

Die Androhung von Vergewaltigung ist ein zielgerichtetes Mittel der Kriegsführung zum Zweck der Rache und Vertreibung. Seit dem 9. Oktober 2019 wiederum wurden zahlreiche Frauen öffentlich durch die jihadistischen Söldner der türkischen Armee in Serêkaniye hingerichtet, verschleppt oder ihre Leichen wurden vor laufenden Kameras geschändet, wie der Körper von Amara Rênas, einer YPJ Kämpferin[4]. Eine Mitarbeiterin des Kurdischen Roten Halbmondes, (Heyva Sor a Kurdistanê) Makbule Sünger wurde in die Türkei verschleppt und dort als „PKK Terroristin“ zur Schau gestellt.

Was die türkische Armee in Rojava an Gewalttaten vor allem an Frauen verübt, dient vor allem dem Ziel der Vertreibung durch Schrecken mit dem Ziel des Genozids an den Kurd*innen.

Women Defend Rojava

In Rojava sind erneut Millionen von Menschenleben unterschiedlichster ethnischer und religiöser Gemeinschaften bedroht. Zehntausende Familien wurden vertrieben. Neben den hauptsächlich kurdisch und arabisch besiedelten Dörfern wurden auch christliche Viertel gezielt angegriffen. Es ist offensichtlich, dass diese Angriffe mit dem Ziel der Vertreibung und Veränderung der demografischen Gesellschaftsstrukturen durchgeführt werden. Im Januar 2018 besetzte die Türkei Afrîn. Diese Besatzung und die dort stattfindenden Kriegsverbrechen werden von der internationalen Gemeinschaft bis heute toleriert. Daher möchte der türkische Staat sein Territorium erweitern und weitere Regionen Nord- und Ostsyriens unter seine Herrschaft bringen, wobei er gegen das Völkerrecht und die Souveränität Syriens verstößt. Frauenrechte und Frauenstrukturen sind dabei besonders der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt.

Die Frauen in Rojava haben immer betont: „Wir haben die Frauenrevolution mit unseren Opfern verteidigt. Wir führen unseren Kampf im Namen aller Frauen der Welt.” Der Krieg der Türkei gegen Frauen und die Bevölkerung Nord- und Ostsyriens ist ein Angriff gegen uns alle. Er zielt auf die Errungenschaften und Werte unserer Kämpfe für die Rechte von Frauen, Freiheit und Gerechtigkeit – überall ab. Das Projekt selbstverwalteter Frauenstrukturen, einer eigenen Frauenarmee  und Organisierung von Frauen in allen Bereichen ist weltweit einmalig. Die Kämpferinnen der YPJ haben einen wichtigen Beitrag zur Befreiung der Region vom sogenannten Islamischen Staat geleistet. Nun steht alles was sie erreicht haben, alles wofür sie große Opfer gegeben haben, wieder zur Disposition, wurde teilweise, wie  in Afrîn und Serêkaniye schon niedergemacht.

Mit der internationalen Kampagne ‚Women Defend Rojava‘ startet die kurdische Frauenbewegung einen weltweiten Aufruf zur Verteidigung von Frauenstrukturen, die in Rojava aufgebaut wurden: „Vereinen wir uns gegen Faschismus, Besatzung und Patriarchat. Wir erheben unsere Stimme für die Anerkennung der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, für Frieden und Gerechtigkeit in Syrien“, heißt es in dem Aufruf.

 

https://womendefendrojava.net/en/

 

[1] Berdel ist ein traditioneller Heiratsbrauch, bei dem eine Frau einer anderen Familie übergeben wird, entweder im Tausch gegen eine andere Frau oder zur Beilegung einer Familienfehde. Begünstigt wird die Tradition durch die patriarchale Familienstruktur und die feudalen Besitz- und Aşîretstrukturen.

[2] https://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2013/34/16.htm

[3] https://www.youtube.com/watch?v=4gqMFs1asbM

[4] https://womendefendrojava.net/de/2019/10/24/erklarung-von-kongra-star-zur-schandung-des-korpers-der-gefallenen-ypj-kamperin-amara-renas/

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