„Jin Jiyan Azadî“ von Sonja Hamad auf der Triennale 2018

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„Jin Jiyan Azadî“ von Sonja Hamad auf der Triennale 2018

Auf der diesjährigen Triennale der „Photographie Hamburg“ wurden im Rahmen der „Off Triennale“ von über 400 Einsendungen 15 ausgewählt, darunter auch die Fotoserie „Jin Jiyan Azadî“ von Sonja Hamad.

ANJA FLACH HAMBURG Donnerstag, 7 Jun 2018, 07:19

Die Fotoserie „Jin Jiyan Azadî“ von Sonja Hamad ist in Hamburg-Barmbek in einem ehemaligen Kiosk, der in eine Galerie umgewandelt wurde, zu sehen.

„Wenn sich eine Frau dem Widerstand anschließt, legt sie ihren Namen ab und wählt sich in einem ersten Akt der Selbstbestimmung einen neuen aus. Vor allem aber wird sie zur ‚Heval‘ – zur Freundin der anderen. Die Frauenbewegung ist tief in der Ideologie der PKK verankert, demnach kann ein Land nicht frei sein, wenn es die Frauen nicht sind. Kurdinnen treten seit 1993 in ihrer Heimat und im Exil in allen gesellschaftlichen Bereichen für ihre politischen Ansichten eigenständig ein. Heute spricht man in der kurdischen Frauenbewegung auch von der ‚Jineologie‘ – der Wissenschaft der Frauen. Die Arbeit ‚Jin – Jiyan – Azadi‘ – Women, Life, Freedom – dokumentiert diese Entwicklung und die Perspektiven der kurdischen Frauenbewegung“, heißt es in dem Ausstellungstext.

Die großformatigen Fotos von PKK Kämpferinnen, die in Şengal für die Befreiung der Ezidinnen gekämpft haben, haben schon viele Preise gewonnen, unter anderem den International Photography Award in Braga, Portugal. Sonja Hamads Bilder sind im Zeit Magazin gedruckt worden und wurden zum Beispiel in Indien und Finnland ausgestellt.

Wer ist Sonja Hamad?

Sonja Hamad wurde 1986 als Kind syrisch-ezidischer Eltern in Damaskus geboren, kam aber schon mit drei Jahren nach Deutschland.

„Ich wusste schon mit 15 Jahren, dass ich etwas mit Fotografie machen will. Meine Eltern waren hierhergekommen, weil sie uns ein gutes Leben ermöglichen wollten, aber ich war auf der Suche nach meiner Identität. Dass wir kurdisch waren, war bei uns kein Thema. In unserem Umfeld wurde viel Arabisch gesprochen“, erzählt sie.

Zuerst hat sie in der Werbung gearbeitet, wusste aber bald, dass sie das nicht machen wollte. „Da kam wieder die Frage nach der Identität. 2009 bin ich nach Syrien, nach Damaskus gefahren und habe Fotos gemacht, auch in Kurdistan, in Hesekê. Damit habe ich mich beworben, bin angenommen worden und konnte Fotografie studieren.“

Ihre Abschlussarbeit befasste sich wieder mit der Identitätssuche: „Ich habe Protagonist*innen unter anderem aus Afghanistan fotografiert, auch Verwandte, zum Beispiel meinen Vater. Der Hintergrund der Fotos wird oft gar nicht so sehr über Gespräche deutlich. Das, was Menschen spüren, wird oft unterschätzt. Fotografieren hat viel mit Psychologie zu tun“, beschreibt die Fotografin ihre Arbeit.

„Da muss ich hin“

„Als ich in den Medien die YPJ-Frauen gesehen habe, habe ich gemerkt: Da muss ich hin. Frauen waren für mich immer ein Thema und haben ein starkes Gefühl in mir ausgelöst. Civaka Azad hat diese Reise für mich ermöglicht. Sie haben mir die Türen geöffnet. Insgesamt war ich drei Mal dort, im Nordirak und in Rojava, auch in Kobanê. Als ich so bekannt wurde, konnte ich das zunächst gar nicht annehmen, aber dann habe ich gedacht, ich kann viele unterschiedliche Menschen mit diesen Fotos erreichen. Diese wunderbaren Frauen gehören in große Museen“, sagt Sonja Hamad. „Man sieht ihnen ihren Freiheitswillen, ihre Lust zu leben an.“

Zu ihren weiteren Plänen erklärt sie: „Ich möchte gerne noch einmal nach Şengal, und wenn ich von dem Frauendorf Jinwar höre, dann sehe ich die Bilder schon vor mir.“ Zunächst plant sie jedoch mit ihrem Team eine große Ausstellung in Berlin-Mitte. Dort soll die ganze Serie über die Kämpferinnen gezeigt werden: 30-40 großformatige Bilder.

Die Fotos von Sonja Hamad sind noch bis zum 22. Juni im Elligersweg 14 a in Hamburg zu sehen.

„Türkische Besatzung Südkurdistans mit Einwilligung der NATO“

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Im ANF-Interview äußert sich Meral Çiçek, die Vorsitzende des Kurdischen Frauenzentrums für Außenbeziehungen (REPAK) in Silêmanî (Sulaimaniyya) zu den aktuellen Entwicklungen in Südkurdistan.

ANJA FLACH REDAKTION Mittwoch, 6 Jun 2018, 07:51

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit dringt die türkische Armee in Südkurdistan in die von der kurdischen Guerilla gehaltenen Medya-Verteidigungsgebiete ein und besetzt zahlreiche Dörfer und strategische Berge. Angeblich stehe die Einnahme der Qendîl-Berge, die als „Hauptquartier“ der PKK gelten, kurz bevor. Die türkische Armee berichtet, sie sei nur noch 24 Kilometer von Qendîl entfernt. In den sozialen Medien wurden Videos geteilt, die türkische Soldaten in Bermizê bei Sidekan zeigten.

Meral Çiçek, die Vorsitzende des Frauenzentrums REPAK mit Sitz in Silêmanî, äußerte sich im ANF-Interview zu den Besatzungsversuchen des türkischen Staates, der Rolle der NATO und der Haltung regionaler und internationaler Kräfte.

Die Region Qendîl ist von einem großen Tal und einer breiten Straße durchzogen, ist es einfach für die türkische Armee, dort einzudringen?

Die Region Qendîl ist nicht nur sehr gebirgig, sondern auch strategisch gut zu verteidigen. Hinzu kommt, dass sie seit fast 20 Jahren komplett von der PKK kontrolliert wird, die mittlerweile jeden noch so kleinen Felsen, jeden Baum dort kennt. Für Bodentruppen ist es nicht möglich, unbemerkt einzudringen. Die Region selbst zu besetzen, scheint mir unmöglich. Dazu ist das Gebiet nicht nur zu groß und zu gebirgig, sondern aufgrund seiner geografisch-strategischen Lage für die Guerilla leicht zu verteidigen. Möglich wäre allerdings, dass das türkische Militär versucht, aus der Luft Soldaten auf einer Bergspitze zu platzieren, um so den Anschein zu erwecken, es habe Qendîl eingenommen.

In den 1990er Jahren ist die türkische Armee mehrmals mit Hilfe der PDK und YNK in die Region vorgedrungen, hat sich dann aber wieder zurückgezogen. Gibt es Informationen darüber, ob die türkische Armee die Region dauerhaft besetzen will? Welche innenpolitische Bedeutung hat der Angriffskrieg auf Südkurdistan für Erdoğan?

Die Invasionsbemühungen der türkischen Armee und dementsprechend die Gefechte zwischen ihr und den Guerillakräften konzentrieren sich noch immer auf das Gebiet Bradost, also zwischen Xakûrkê und Xinêre. Die enorm gebirgige Bradost-Region gehört zum Gouvernement Hewlêr (Erbil), welches von der PDK kontrolliert wird. Auch vor den aktuellen Besatzungsversuchen hat es in Südkurdistan mindestens 18 Stützpunkte der türkischen Armee und des türkischen Geheimdienstes MIT gegeben, allerdings lagen diese alle im Gouvernement Duhok. Neu hinzugekommen sind jetzt mindestens drei militärische Stützpunkte im Gouvernement Hewlêr. Das ist eine neue Entwicklung, die das Niveau der Zusammenarbeit und das Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem türkischen Staat und der PDK zeigt. Egal, ob mit oder ohne Einwilligung der PDK, die Existenz dieser militärischen Basen kommt schon jetzt einer Besatzung gleich.

Die Angriffe erfolgen mit Zustimmung der NATO

Die Zusammenarbeit geht bis auf den sogenannten Südkrieg 1992 zurück, bei dem die türkische Armee gemeinsam mit der PDK und der YNK in Südkurdistan versucht hat, die PKK zu besiegen. Dieser Angriffs- und Besatzungskrieg wurde im Rahmen der NATO geführt. Das ist wichtig bei der Betrachtung. Die Türkei hat Südkurdistan niemals ohne Einwilligung der NATO angegriffen. Vielmehr ist die NATO immer in irgendeiner Weise Teil der Operationen gewesen. Die türkische Besatzung Südkurdistans hat eigentlich 1992 begonnen. Zwar hat sich damals und auch während späterer Besatzungsversuche der Großteil der Soldaten zurückgezogen, jedoch sind Sondereinheiten des türkischen Militärs immer im PDK-Gebiet zurückgeblieben, bis zum heutigen Tag. Das heißt, es besteht seit über 25 Jahren eine begrenzte Besetzung.

Neoosmanische Träume

Während der Besatzungsangriffe auf Efrîn hat die türkische Seite ganz offen zum Ausdruck gebracht, dass sie Pläne hegt, das gesamte unter kurdischer Kontrolle befindliche Gebiet – auch in Südkurdistan – unter eigene Kontrolle zu bringen. Noch deutlicher kann man es nicht ausdrücken. Das wird von südkurdischen Kräften, vor allem der PDK, oft nicht ernst genommen. Wir wissen jedoch um die neoosmanischen Träume Erdoğans, der am liebsten ganz Rojava und Südkurdistan annektieren will. Gemäß des Nationalpakts („Misak-ı Milli“) von 1920 sollten die Gouvernements Aleppo und Mosul zum neuen türkischen Staat gehören. Dieser Plan wurde jedoch von den westlichen Alliierten, vor allem Großbritannien und Frankreich, zunichte gemacht. Die Regierung Erdoğans stellt in den vergangenen Jahren außenpolitische Projekte immer wieder in Zusammenhang mit historischen Forderungen. Dies kein Zufall, sondern zeigt auf, worum es der neoosmanischen Türkei wirklich geht.

Die innenpolitische Bedeutung der Invasion für Erdoğan

Darüber hinaus hat der Angriffskrieg auf Südkurdistan für Erdoğan so kurz vor den Wahlen natürlich innenpolitisch eine hohe Bedeutung. Denn die Türkei befindet sich in einer strukturellen Krise. Erdoğan will diese gemeinsam mit seinem ultranationalistischen Partner Bahçeli überwinden, indem sie versuchen, den türkischen Staat in einer Synthese von Islamismus und Faschismus zu reorganisieren.

Aber sie laufen Gefahr, vor Beendigung des Reorganisierungsprozesses durch die Krise selbst weggespült zu werden. Daher haben sie sich für vorgezogene Wahlen entschieden. Die militärische Besatzung Efrîns hat Erdoğan nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Jetzt versuchen sie erneut durch militärisches Säbelrasseln eine nationalistische Stimmung zu erzeugen, die ihnen bei den Wahlen Stimmen bringen soll. Das Thema Qendîl wird da zum wiederholten Male aufgekocht.

Wie verhalten sich die Regierung des Irak und Südkurdistans gegenüber der militärischen Aggression? Die türkische Regierung berichtet in der Hürriyet, dass man mit der irakischen Regierung einig sei, die PKK nicht länger in der Region zu dulden. Zumindest scheint die Besatzung gebilligt zu werden?

Zunächst einmal sollte nicht vergessen werden, dass wir uns im Irak momentan in einer Zwischenphase befinden. Am 12. Mai haben Wahlen stattgefunden und die neue Regierung ist noch nicht gebildet. Von irakischer Seite hat es in den vergangenen Jahren nicht eine offizielle Erklärung gegeben, die die Existenz des türkischen Militärs innerhalb der irakischen Staatsgrenzen billigt. Die Türkei versucht oft, über gleichgeschaltete Medien eine solche Wahrnehmung innerhalb der Öffentlichkeit zu konstruieren. Diese Berichte haben keine Basis. Im Gegenteil, in der nahen Vergangenheit haben irakische Regierungsvertreter des Öfteren die Türkei dazu aufgefordert, das irakische Staatsgebiet zu verlassen. Jedoch sind seitens der irakischen Regierung keine praktischen Schritte auf diese Forderungen gefolgt. Was Südkurdistan angeht, muss man zwischen der PDK und den anderen Parteien unterscheiden. Die türkische militärische Präsenz besteht allein auf dem von der PDK kontrollierten Gebiet.

Keine funktionierende Regierung in Südkurdistan

Dazu kommt, dass es momentan eigentlich keine wirkliche Regierung in Südkurdistan gibt. Das Parlament hat seine Funktion verloren und tagt kaum noch. Drei Parteien, die eigentlich an der Regierung beteiligt sind, sind de-facto nicht mehr Teil von ihr. Daher kann man nicht von einer Reaktion der Regierung selbst sprechen, sondern muss auf die Reaktionen der einzelnen Parteien schauen. Einige Vertreter*innen der YNK haben die türkischen Besatzungsversuche verurteilt. Es gibt in Silêmanî eine Initiative von NGO-Vertreter*innen und Politiker*innen, die sich gegen diese Besatzungsangriffe organisieren. Diese haben gestern eine Erklärung abgegeben und planen konkrete Aktionen gegen die türkische Besatzung.

Kannst Du etwas dazu sagen, was die quasi-Aufspaltung des Gebietes durch einen türkischen Korridor für die Medya-Verteidigungsgebiete bedeutet?

Natürlich behindert die Präsenz der türkischen Armee in den Medya-Verteidigungsgebieten die Bewegungsfreiheit der Guerilla. Zu einer kompletten Aufspaltung ist es noch nicht gekommen. Aber inwieweit und wie konkret so eine Aufspaltung die Medya-Verteidigungsgebiete beeinflussen würde, kann ich momentan nicht beurteilen.

Wie verhält sich die Dorfbevölkerung in der Region? Inwieweit sind sie von den Bombardements und Angriffen betroffen? Wie ist ihr Verhältnis zur den HPG und der Frauenguerilla YJA-Star?

Vor einigen Tagen ist ein Video veröffentlicht worden, dass türkische Soldaten im Dorf Bermizê zeigt. Dies wurde in einer Dauerschleife ausgestrahlt. Es gab Aufnahmen, auf denen zu sehen war, dass türkische Soldaten Lebensmittelpakete und ähnliches verteilen, sowie eine Versammlung mit den Dorfbewohnern abhalten. Dies deutet darauf hin, dass das türkische Militär versucht, die Zivilisten in der Region mit Geschenken zu kaufen. Die Versammlung zeigt, dass versucht wird, die Dorfbevölkerung zu überzeugen. Kurz darauf hat das Militär das Dorf verlassen. Ich habe gehört, dass die PDK das türkische Militär dazu aufgefordert hat, die Dorfbevölkerung selbst zu überzeugen. Das zeigt eigentlich, dass die Dorfbewohner*innen gegen solch einen Angriff und die Präsenz des türkischen Militärs sind und die PDK alleine nicht in der Lage dazu ist, ihre Meinung zu beeinflussen.

Vertrauensverhältnis zwischen Guerilla und Bevölkerung

Die Menschen in der Region leben seit Jahrzehnten mit der Guerilla zusammen. Sie wissen um deren Lebensstil, Prinzipien, Verhältnisse etc. Oft suchen sie zuerst bei ihnen Hilfe, wenn sie etwas brauchen oder jemand krank ist. Das ist ein Vertrauensverhältnis. Klar gibt es immer wieder Einzelne, die mit den Besatzern kollaborieren, oder Menschen, die Angst davor haben, dass man ihre Rente kürzt, sollten sie nicht kooperieren. Aber der Großteil der Menschen ist sich über die Natur und das Ziel der türkischen Angriffe bewusst.

Man sollte auch nicht vergessen, dass diese Menschen Bombardements und Angriffe nicht erst mit der PKK, sondern schon viel vorher erlebt haben. Diese Berge sind in den 1970er und 1980er Jahren vom irakischen und iranischen Staat aus der Luft und vom Boden angegriffen worden, weil die Peschmerga ihren Widerstand von dort aus organisiert hat. Dass jetzt von PDK-Kreisen gesagt wird, Grund für die türkischen Angriffe sei die PKK, ist in diesem Kontext ein Witz, weil dieser Logik nach Grund für die Anfal-Kampagne des Baath-Regimes in den 1980er Jahren die Präsenz der Peschmerga gewesen wäre.

Aber natürlich sind die Menschen von den Angriffen betroffen, in den vergangenen Monaten sind mindestens sieben Zivilisten von türkischen Kampfjets gezielt getötet worden. Außerdem werden immer wieder Häuser, Gärten, Felder und Vieh der Zivilbevölkerung bombardiert. Das hat System, denn so soll von Seiten der Bevölkerung Druck auf die PKK ausgeübt werden. Aber die gewünschten Ergebnisse bringt diese Politik nicht.

Auch die Region Şengal steht ständig auf der Agenda der türkischen Armee. Nach wie vor ist die Hälfte des Gebietes, unter anderem die Stadt, ohnehin von der irakischen Armee besetzt. Wie groß ist die Gefahr eines Angriffs auf Şengal? Auch hier stellt sich die Frage, inwieweit die irakische Regierung eine Besetzung akzeptieren würde.

Şengal hat noch einmal einen Sonderstatus, da es verwaltungstechnisch nicht zur Autonomen Region Kurdistan gehört und nach dem Unabhängigkeitsreferendum im Oktober 2017 erneut unter irakische Kontrolle geraten ist. Die PKK-Guerillaeinheiten haben sich im März aus Şengal zurückgezogen. Dadurch ist eine militärische Auseinandersetzung mit der Türkei abgewendet worden. Die Verteidigungskräfte der YBŞ und YJŞ befinden sich aber weiterhin in Şengal und sorgen für die Selbstverteidigung der ezidischen Gemeinschaft dort. Eine Besatzung durch die türkische Armee ist sehr unwahrscheinlich.

Wie verhalten sich die USA und Europa angesichts der Besatzung des Nordirak?

Wie eben schon gesagt, muss man sich die Rolle der NATO vor Augen halten. Sowohl in der Vergangenheit als auch heute hat die Türkei ihre militärischen Angriffe auf Südkurdistan nie ohne Einverständnis oder Koordinierung mit der NATO geführt. Das ist ganz klar. Sowohl Besatzungsversuche als auch Luftangriffe finden in diesem Rahmen statt. Die Türkei handelt nicht unabhängig, sondern weiß die NATO hinter sich. Spätestens seit 1985 führt die Türkei einen NATO-Kampf gegen die kurdische Freiheitsbewegung. Das haben wir zuletzt in Efrîn gesehen.

Ein Chinese reist nach Kurdistan

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In der Hamburger „Galerie Gemüse“ ist eine Ausstellung mit Bildern aus Kurdistan des chinesischen Künstlers Ting Zhang eröffnet worden.

ANJA FLACH HAMBURG Sonntag, 3 Jun 2018, 12:04

Der Künstler Ting Zhang stammt aus Dalian in China. Er studierte Malerei in China und Japan sowie an der Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg. Seine Bilder von Guerillakämpfer*innen mit den großen Augen ziehen dich sofort in den Bann. Sie zeigen Ruhe, Entschlossenheit, Stärke und Gemeinschaft.

Ting wohnt nur einen Steinwurf von mir entfernt, trotzdem haben wir uns nie getroffen. Nun stellt er seine Bilder in der „Galerie Gemüse“ aus, einem Gemüseladen auf St. Pauli mit regionalen Bioprodukten. Die Ladengalerie ist ein Ort, an dem die Nachbarschaft zusammenkommt. Und nun auch wir. Es rührt ihn sehr an, als ich ihm Fotos aus den kurdischen Bergen zeige.

„Ich bin nach Hamburg gekommen, um Kunst zu studieren. Im Deutschkurs fragte man sich gegenseitig, woher man kommt. ‚Ich bin Ting aus China‘, sagte ich, andere sagten: ‚Ich komme aus Syrien, aber eigentlich bin ich Kurde‘ oder ‚Ich komme aus der Türkei, aber eigentlich bin ich Kurde‘. Als ich türkische Mitschüler fragte, sagten sie: ‚Das sind Terroristen‘. Dieser Konflikt hat mich interessiert, auch das Thema Identität. Auch ich frage mich manchmal, wer ich bin. Die Frauen auf dem Bild tragen keine Waffen, aber Uniformen. Auch die Polizisten tragen Uniformen. Wer entscheidet, wer von ihnen Terroristen sind? Mit meinen Bildern möchte ich Fragen stellen. Wofür kämpfen sie? Warum tragen sie Uniformen? Sie stehen eher symbolisch für Konflikte im Allgemeinen. Mich interessiert der Widerspruch.“

Über seine Reise nach Kurdistan erzählt er: „Mein Deutsch war zu schlecht, ich bestellte mir Bücher in Japan über die Kurden. 2012 reiste ich in die Türkei. 15 Tage bin ich alleine dort herumgereist. Ich war in Bitlis, Diyarbakir, Batman, Van und Urfa. Ich brauchte kein Hotel, überall wurde ich eingeladen. Sogar auf einer Beschneidungsfeier war ich, die Menschen waren sehr freundlich zu mir.“

Guerillakämpfer habe er nicht getroffen, die Bilder entstanden aus Fotorecherchen. 2013 wurden die Bilder schon einmal in der HFBK ausgestellt. „Auch in Berlin habe ich viele Kurden kennengelernt, in Dönerbuden zum Beispiel. In ihren Wohnungen hängen die Bilder von Öcalan, aber an ihren Geschäften kannst du nicht erkennen, dass sie Kurden sind. “

„Ich mag meine kurdischen Bilder“

„Da ich für mein Studium nach Hamburg gekommen bin, darf ich hier nur als Künstler arbeiten. Ich hatte mal einen Job in einer Küche, damit konnte ich meine Miete bezahlen und meinen Lebensunterhalt. Aber das wurde mir behördlich verboten. Ich darf nur von meiner Kunst leben, daher mache ich inzwischen alles, was gewünscht wird. Ich portraitiere sogar deine Katze.

Die kurdischen Bilder mag ich sehr, es würde mir schwerfallen, mich davon zu trennen, aber ich muss wie gesagt von der Kunst leben, daher würde ich sie auch verkaufen.“

Ting Zhangs Bilder sind noch bis zum 16. Juni in der Lange Straße 3 im Hamburger Stadtteil St. Pauli zu sehen.

»Afrin wird wieder aufblühen«

Gülistan Kalo und Lydia Gottschalk informierten in Hamburg über Frauenorganisierung unter Kriegsbedingungen in Rojava

Von Anja Flach und Julia Miller
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Demonstration gegen Verbote kurdisch-internationalistischer Organisationen und Flaggen am 24. März in Hamburg

Im Rahmen der feministischen Kampagne »Gemeinsam Kämpfen – für Selbstbestimmung und demokratische Autonomie«, deren Schwerpunkt auf internationalistischer Vernetzung liegt, informierten am Sonntag Aktivistinnen im Hamburger Curio-Haus über die Frauenorganisierung im syrisch-kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava.

Eine der Referentinnen, Gülistan Kalo, stammt aus einem Dorf in der Region Afrin im Norden Syriens, ihr Sohn ist im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) in Kobani gefallen, ihre Familie musste während des Angriffskrieges der Türkei aus Afrin fliehen. »Von den 365 Dörfern Afrins wurden etwa 300 von den Dschihadisten, die als Hilfstruppen der Türkei eingesetzt wurden, geplündert«, so Gülistan Kalo. Ihr Bruder versuche seit Wochen, in sein Dorf zurückzukehren, jedoch verlangten die Dschihadisten an Kontrollpunkten Zölle und bedrohten die Menschen. In den Dörfern werden Dschihadisten auch aus der Region Ghuta angesiedelt. Zudem häufen sich Entführungen durch die Besatzungstruppen. So berichtete Kalo von aktuell 56 Menschen, die verschleppt wurden, darunter auch sehr junge Mädchen. Etwa 3.000 Menschen sind bisher im Kampf gefallen oder durch Angriffe getötet worden. Viele mussten aufgrund der heftigen Attacken zurückgelassen werden, die Leichen konnten nicht beerdigt werden. 250.000 Menschen seien geflohen. Die Menschen aus Afrin befinden sich größtenteils in der Region Schahba. Da der IS in dem Gebiet viele Minen verlegt hat, ist ihre Bewegungsfreiheit sehr stark eingeschränkt. Obwohl die Städte Nubl und Zahra, nur einen Steinwurf entfernt sind, seien sie unerreichbar. Viele schlafen neben ihren Autos, Leishmaniose und Tuberkulose seien ausgebrochen. Die Weltgemeinschaft schaue konsequent weg. Kalo betonte die Notwendigkeit jeglicher Solidarität mit der Bevölkerung Afrins. Sie werde nicht aufgeben, nachdem so viel Blut für die Verteidigung geflossen sei. »Afrin wird wieder aufblühen«, so Kalo.

Lydia Gottschalk, die mehrere Jahre in Rojava in verschiedenen Projekten der kurdischen Frauenbewegung gearbeitet hatte, begann mit der Frage, wieso die autonome Selbstverwaltung Nordsyriens überhaupt angegriffen wird. Die Revolution werde von Akteuren wie der türkischen Regierung und anderen als Bedrohung wahrgenommen, da sie zeige, dass eine reale Alternative zum patriarchalen Kapitalismus möglich ist. Auch Gottschalk hob die Kraft der Bevölkerung hervor und berichtete von ihrem ersten Besuch in Kobani nach der Befreiung vom IS, als sie eine blühende Stadt vorfand, die in unglaublichem Tempo aus den Trümmern wieder aufgebaut worden sei. Sie stellte einige Projekte vor, die die Menschen, vor allem Frauen, in Rojava geschaffen haben. Neben den militärischen Einheiten der YPG und YPJ existieren auch Frauensicherheitskräfte, die Asayis, die Betroffene von häuslicher Gewalt unterstützen und regulär die Aufgabe des Schutzes der Bevölkerung in den Stadtteilen übernehmen.

Neben dem Aufbau eines neuen muttersprachlichen Bildungssystems sind Fakultäten für »Jineoloji«, die Wissenschaft der Frau, eingerichtet worden. Auch vom Frauendorf Jinwar wurde berichtet. Dieses wird von Frauen, die ihre Ehemänner im Krieg verloren haben, oder einfach autonom leben möchten, aufgebaut und ermöglicht einen Alltag jenseits herkömmlicher Familienstrukturen.

Lydia Gottschalk betonte mehrfach, dass eine der Besonderheiten Rojavas der Aufbau basisdemokratischer Strukturen sei, der nicht nur in, sondern vor allem mit der gesamten Gesellschaft erfolgt. Demokratie funktioniere nur, wenn sich alle beteiligten, miteinander sprächen und partizipierten.

Die Frauen Afrins sind frei in ihren Köpfen

https://www.jungewelt.de/artikel/331738.die-frauen-afrins-sind-frei-in-ihren-k%C3%B6pfen.html

Verändertes Bewusstsein trotzt Repression und sexueller Gewalt im besetzten Teil Rojavas. Ein Gespräch mit Lydia Gottschalk
Interview: Anja Flach

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Foto: Mahmoud Hebbo/Reuters

Lydia Gottschalk hat einige Jahre im syrisch-kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava gelebt. In Hamburg informiert sie darüber am Sonntag, den 29. April, auf einer Veranstaltung ab 16.00 Uhr im Curio-Haus, Rothenbaumchaussee 13
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nach Kurdistan zu gehen, und was haben Sie dort getan?

Die Entscheidung war eng mit meinem Lebenslauf verbunden und auch ein Resultat der gesellschaftlich-politischen Entwicklungen. Ich habe früh begonnen, für Frauenrechte, gegen Atomenergie und gegen Rassismus zu kämpfen. Ich verstand damals, dass wir weder die Geschichte sozialer Bewegungen in Europa wirklich kennen, noch unsere Forderungen im eigenen Leben in die Tat umsetzen. Ich sah imperiale und postkoloniale Strukturen, die von den Staaten mit aller Kraft aufrecht gehalten werden. So fragte ich mich, wenn es eine Situation wie damals in Spanien und Katalonien gäbe, könnten dann alle antikapitalistischen Bewegungen an einem Strang ziehen? Ich reiste durch die Welt und lernte viele Ideen kennen, doch nie hatte ich eine so starke Frauenbewegung gesehen wie die kurdische. Ich musste selbst nach Kurdistan reisen, sammelte Eindrücke, lernte Kurdisch und die Situation der Menschen in vielen Städten und Regionen kennen. Ich arbeitete in Frauenräten und im Bildungsbereich an Konzepten für ein neues Schulsystem mit, lernte, in Kommunen zu leben und zuzuhören. Heute sehe ich es als meine wichtigste Aufgabe, meine Erfahrungen, teils aus dem Krieg, aber auch die Kraft und Hoffnung aus der Revolution in Rojava zurück nach Europa zu bringen.

Wie ist die Situation der Frauen in Rojava verglichen mit der in anderen Gebieten des Mittleren Ostens?

In Rojava haben ganz klar die Frauen das Sagen. Sie sind die ersten, die bei den Versammlungen das Wort ergreifen. Sie sind die Mutigen, die die Waffen gegen den IS und jetzt gegen die Türkei zur Hand nehmen. Warum? Weil sie das Leben und die Menschen lieben. Sie haben Stolz und Anmut und ergreifen in allen Bereichen der Gesellschaft Initiative. Nicht nur die Kurdinnen. Genauso die Araberinnen, Turkmeninnen, Jesidinnen, Assyrerinnen.

Sie haben auch in Flüchtlingslagern gearbeitet. Was waren das für Orte und wie organisiert sich die Frauenbewegung dort?

In Machmur befinden sich Menschen, die in den 1990er Jahren aus Nordkurdistan in den Irak geflohen sind, weil die türkische Armee ihre Dörfer niedergebrannt und die Bevölkerung gefoltert hat. Im nordirakischen Sengal hat der »Islamische Staat« nach dem Abzug der »Demokratischen Partei Kurdistans« einen Genozid an der jesidischen Bevölkerung begangen.

Nicht nur beim Schutz der Überlebenden haben die Frauenverteidigungskräfte YPJ aus Rojava eine führende Rolle gespielt, auch bei der Versorgung im zivilen Bereich kam viel Unterstützung von dort. Es wurden sowohl autonome Frauenräte als auch gemeinsame Räte gegründet.

Wie funktioniert die autonome Frauenorganisierung?

In allen Bereichen des Lebens, sei es Kommune, Bildung, Kunst und Kultur, Verteidigung, Diplomatie gibt es sowohl gemeinsame Räte mit Doppelspitze, als auch autonome Frauenräte. Aber es gibt Schwierigkeiten beim Überwinden von Rollenbildern. Es wollen sich immer noch weniger Frauen an der Diplomatiearbeit beteiligen, als am Aufbau von Kooperativen und Kommunen.

Aktuell wird ein Frauenfern­sehsender aufgebaut: Jin TV. Warum?

Jin TV kann die Kraft der Frauen Rojavas in die Welt tragen und die Grenzen in den Köpfen überwinden. Frauen können hier alles selbst auf die Beine stellen: von der Journalistin bis zur Regisseurin, von der Redakteurin bis zur Kamerafrau, von Technikerin bis zur Moderatorin. Das hat es so noch nicht gegeben.

Wie ist die Lage der Frauen im Kanton Afrin seit dem türkischen Einmarsch?

Ich stehe selbst im Kontakt mit Bekannten vor Ort – die Lage ist sehr kritisch. Unter den Geflüchteten breiten sich Krankheiten aus. Viele kleine Kinder sind gestorben, weil die Frauen keine Milch mehr geben können. Es mangelt an allem, aber sie haben ihre Würde nicht verloren. Die Frauen, die in Afrin geblieben sind, erleben noch viel Schlimmeres. Dort werden Mädchen ab neun Jahren entführt und mit Dschihadisten verheiratet. Auch einer mir bekannten Familie erging es so. Frauen, die ohne männliche Begleitung auf die Straße gehen, sind immer wieder von sexueller Gewalt betroffen.

Doch die Frauen Afrins sind frei in ihren Köpfen. Sie werden die Besatzung durch die Türkei und andere Dschihadisten nie akzeptieren.

„Angriff auf eine Revolution der Frauen“

Gestern Abend fand in Hamburg eine Informations- und Diskussionsveranstaltung zu dem völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei in Efrîn statt. Im Mittelpunkt standen dabei die kurdische Frauenbewegung und die Frage, wieso dieser Krieg auch ein Angriff auf die Revolution der Frauen ist. Die AG Queer Studies lud hierfür die Ethnologin, Autorin und Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung Anja Flach ein und veranstaltete den Abend im Rahmen der Vorlesungsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“.

Anja Flach leitete ihren Vortrag mit einigen Informationen zur aktuellen Lage in Rojava ein. Seit dem 20. Januar wird dieses einzigartige Projekt durch die türkische Armee und mit ihr verbündete Dschihadisten bedroht. Unter dem Deckmantel „FSA“ führen diese einen Angriffskrieg gegen die Demokratische Föderation Nordsyrien/Rojava durch und haben einen der selbstverwalteteten Kantone, nämlich Efrîn, überrannt. Für die Bevölkerung Efrîns hat dies gravierende Folgen: Menschen müssen fliehen, Bauten von großem historischen und kulturellen Wert werden zerstört. Die ezidischen Dörfer werden in eine besonders dramatische Lage gebracht.

Das Bild kurdischer Frauen hat einen radikalen Wandel durchlebt

Dieser Krieg ist als ein Angriff auf die Revolution in Rojava und die Befreiung der Frauen als einen fundamentalen Bestandteil zu werten. Diese begann im Juli 2012, als die Bevölkerung das geschwächte Baath-Regime weitgehend unblutig vertrieb. In Anlehnung an das Konzept des demokratischen Konföderalismus, verfasst von Abdullah Öcalan, organisiert sich die Bevölkerung seither in einem Räte- und Kommunesystem selbst. Das Bild kurdischer Frauen hat in der westlichen Öffentlichkeit seitdem einen radikalen Wandel durchlebt. Wurden Frauen im Mittleren Osten bisher überwiegend als unterdrückt dargestellt, stehen vor allem die Kämpferinnen der YPJ, der unabhängigen Fraueneinheiten, im Fokus des Interesses. Frauen in Rojava kämpften von Anfang an mit, parallel zu Volksräten wurden Frauenräte aufgebaut. Frauen haben eine Verfassung auf der Basis von Frauenrechten durchgesetzt, haben eigene militärische Einheiten und sind mit einer Geschlechterquote von 40 Prozent in jeder Institution vertreten.

Anja Flach stellte in ihrem Vortrag verschiedene Projekte vor, in denen sich Frauen selber organisieren. So sprach sie zum Beispiel von der Basisorganisation der Frauen in Rojava, Yekîtiya Star, und der Presseakademie der Frauen in Rojava, die sich als Ziel gesetzt hat, jenseits patriarchaler Berichterstattung zu agieren. Dabei spielt Bildung eine zentrale Rolle. Patriarchale Hegemonien müssen überwunden werden und die Frauen Rojavas nehmen diese Aufgabe selbst in die Hand, indem sie politische Bildung, Medien und auch die Schreibung von Geschichte eigens organisieren und bereitstellen.

Ökonomische Unabhängigkeit und Selbstverteidigungsstrukturen

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der durch die Revolution ermöglicht wurde, ist die neue ökonomische Unabhängigkeit, welche sich Frauen durch eigens aufgebaute Frauenkooperativen nehmen. Es werden Beispiele von Käseproduktionen, Bäckereien, landwirtschaftlichen Betrieben und auch Kindergärten, die von Frauen geführt werden, gezeigt. Dabei konnte Anja Flach viele anschauliche Bilder von den Frauen vor Ort zeigen, die durch ihre Aufenthalte in Rojava entstanden sind. Diese Informationen aus erster Hand waren sehr beeindruckend.

Zum Schluss des Vortrages berichtete Anja Flach von der Selbstverteidigung, ohne diese es Rojava nicht gebe, in denen auch Frauen mit der YPJ selbst organisiert und vertreten sind und seit Wochen an vorderster Front für den Erhalt einer realen Alternative zum patriarchalen Kapitalismus kämpfen.

Die Veranstaltung war mit etwa 40 Personen gut besucht. In einer anschließenden Diskussions- und Fragerunde zeigte sich das Publikum sehr interessiert und stellte beispielsweise Fragen zu weiteren kurdischen Widerstandsgruppen, zu der Frage, wie Männer mit der neuen Selbstbestimmtheit der Frauen umgehen sowie zu Herausforderungen der Selbstverwaltung nach der Revolution. Eine der vermutlich wichtigsten Fragen ging auf die Schuld der deutschen Regierung, die die Türkei mit Waffen ununterbrochen versorgt, ein und fragte, was Menschen in Deutschland tun können. Die Unterstützung von Hilfsorganisationen, die vor Ort agieren, sei dabei von großer Bedeutung. Weiterhin wichtig bleibt allerdings die Verbreitung von Informationen über Rojava. Viele Menschen seien sich noch immer nicht bewusst darüber, was in Rojava geschehen ist, dass eine Alternative zu den vorherrschenden kapitalistischen und patriarchalen Systemen aufgebaut wurde, die Basisdemokratie, Ökologie und die Frauenbefreiung tief verankert hat. Wie auch, dass diese einzigartige Alternative bedroht wird, während die Welt schweigend dabei zusieht. Das Wissen über Rojava muss weiterhin verbreitet und der Protest aufrechterhalten werden.

Die Veranstaltung mit Anja Flach war die erste Veranstaltung des neuen Programms der Vorlesungsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ der die AG Queer Studies an der Hamburger Universität.

 

 

Mein Name ist Barin Kobani

Mein Name ist Barîn Kobanî, diesen Namen habe ich mir gegeben, als ich zur Freiheitskämpferin wurde. Zuhause war mein Name Amina Omar. 2012 mußte meine Familie nach Afrin fliehen. Islamisten haben unser Dorf bei Aleppo eingenommen, meinen Vater entführt. Als die Islamisten 2014 die Eziden im Sinjar angegriffen und 4000 Frauen entführt und versklavt haben, habe ich mich den YPJ angeschlossen, da war ich 22 Jahre alt. Ich konnte nicht länger zusehen, wie all diese Grausamkeiten passieren. Meine Familie ist nach Europa geflohen, sie leben in Sicherheit in Frankfurt, aber ich wollte meine Heimat nicht kampflos den patriarchalen Mördern überlassen. Auch einer meiner Brüder ist hier mit mir an der Front. Ich habe fleißig gelernt, schnell habe ich eine Einheit von 25 Frauen geleitet. In Kobani habe ich gegen den Islamischen Staat gekämpft, hunderte junge Menschen haben dort ihr Leben gelassen. Kobani war fast verloren, als endlich die internationale Koalition und mit Luftschlägen unterstützt hat und wir unser Land befreien konnten, aber alles war zerstört, kein Stein auf dem anderen.
Am 30. Januar haben die Islamisten mit der türkischen Armee das Dorf Qurde bei Bilbil angegriffen, wir haben uns verteidigt, so gut es ging, aber die Islamisten kamen immer näher, haben unsere Stellung eingenommen. Da habe ich mich mit meiner letzten Kugel selbst erschossen. Ich wollte ihnen nicht lebendig in die Hände fallen, denn eine Fatwa erlaubt ihnen uns als Freiwild zu sehen, uns zu vergewaltigen, uns zu benutzen wie Dinge.
Als sie die Stellung einnahmen, war ich schon tot. Da wurden sie so wütend, dass sie mich entkleidet haben, sie haben meine Brüste abgeschnitten, meine nackte zerstümmelte Leiche gefilmt und den Film ins Internet gestellt. Blutüberströmt stehen die bärtigen Männer um mich herum, rufen „Allahu Akbar“, erheben den Zeigefinger als Mahnung an die „Ungläubigen“. sie posieren mit meinem toten Körper wie mit einer Trophäe. Sie legen Olivenzweige neben meine verstümmelte Leiche. Denn höhnisch nennen sie ihren Eroberungsfeldzug „Olivenzweig“
Ich klage die deutsche Regierung an, ihr habt mich mit ermordet und verstümmelt, wieso arbeitet ihr mit Erdogans AKP zusammen, die solche Verbrechen möglich macht?

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Kampf um Befreiung Kurdische Frauen feiern den 8. März und setzen sich gegen türkischen Angriff auf Afrin zur Wehr

Kurdische Frauen feiern den 8. März und setzen sich gegen türkischen Angriff auf Afrin zur Wehr
Von Anja Flach

Für die eigene Zukunft streiten: Eine Kämpferin der Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Syrien (2016)
Foto: Kurdishstruggle via flickr.com

Auch in kurdischen Gebieten in Syrien wird am heutigen 8. März der internationale Frauentag begangen. In der Erklärung der »Kurdischen Frauenbewegung in Europa« (TJKE) heißt es dazu: »Der türkische Staatsfaschismus, der jahrelang den sogenannten islamischen Staat aufgebaut hat, tut dies vor allem aus Angst. Die Angst vor dem freien Menschen, der freien Frau und der freien Gesellschaft«. Vor allem wird der Aufbruch der kurdischen Frauen gefürchtet, die das patriarchale System nicht nur im Nahen Osten in Frage stellen. Insbesondere die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) haben weit über die Region hinaus das Bild einer basisdemokratischen Veränderung geprägt, die nicht selten als Revolution bezeichnet wird.

Die YPJ wurden offiziell im März 2013 in Afrin gegründet, in dem Gebiet, das seit Wochen im Kreuzfeuer der türkischen Armee steht. Als Ziel haben sie sich die Befreiung und Verteidigung vor allem der Frauen in Rojava und anderen Teilen Syriens gesetzt. Dabei geht es nicht nur um die physische Befreiung, sondern auch die vom Patriarchat. Einer ihrer Grundsätze ist: Nur eine Frau, die organisiert ist, kann sich schützen und verteidigen.

Die YPJ waren an allen großen Kämpfen beteiligt: von Sengal über Kobani bis Rakka. Wenn ein Gebiet von den YPJ befreit wurde, begann die Aufbauarbeit. Beispielsweise in Minbidsch, von wo im August 2016 der »Islamische Staat« vertrieben wurde. Sofort begann die politische Bildung, aber auch die Ausbildung an Waffen. An der Sehid-Rojhat-Akademie der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) wurden auch arabische Frauen in die Ausbildungseinheit integriert.

»Sehen die Frauen in den befreiten Gebieten die Kämpferinnen, kommt automatisch der Gedanke: Auch ich möchte eine starke freie Frau sein«, so Nesrin Abdullah, eine der Sprecherinnen der YPJ. Besonders in den arabischen Gebieten, die inzwischen große Teile der demokratischen Föderation Nordsyrien ausmachen, war es bisher keineswegs üblich, dass Frauen kämpften. Während sich in der kurdischen Bewegung schon in den 1980er Jahren Frauen an der Guerilla beteiligten.

»Ich bin davon überzeugt, wenn nur 100 Frauen in Sengal organisiert gewesen wären, wäre es im August 2014 nicht in die Hände des IS gefallen«, erklärt Abdullah. Die Frauen in Sengal bauten die Fraueneinheiten von Ezidikhan (YJE) auf. Das Beispiel der YPJ macht überall Schule. Auch in anderen Gebieten wurden Frauen an der Waffe ausgebildet und Verteidigungseinheiten von ihnen gebildet.

Afrin ist seit dem 20. Januar das Zentrum der Kämpfe der YPJ. Seit 48 Tagen leisten die YPJ und die Volksverteidigungseinheiten (YPG) Widerstand gegen die zweitgrößte NATO-Armee, die mit modernster Technik ausgestattet ist. Doch die Opfer sind hoch. Mehr als 200 Zivilisten, darunter viele Kinder, und wohl mehr als 100 Kämpfer wurden bisher getötet.

Zur Unterstützung der Verteidigung von Afrin wurde eine Frauenplattform gegründet. Die gemeinsame Parole für den 8. März lautet: »Afrin verteidigen, heißt die Frauenrevolution verteidigen«. »Allein in Deutschland finden in 48 Städten Aktivitäten der kurdischen Frauenbewegung statt«, so Songül Ömürcan von der TJKE.

In der Stadt Afrin ist am 8. März eine große Demonstration geplant, zahlreiche Besucherinnen aus Sengal, Minbidsch, Aleppo, Damaskus und dem Libanon werden dazu erwartet. Außerdem finden noch bis 9. März viele Veranstaltungen zum Thema Widerstand statt. In Europa geht der neugegründete Frauensender Jin TV am heutigen Donnerstag mit einer Testphase auf Sendung.

»Wir sind bereit, unsere Erfahrungen mit den Frauen zu teilen, die sich organisieren wollen«, erklärten die YPJ zum 8. März. Doch das befeuert die Angst der Herrschenden, weswegen nicht nur Europa zum türkischen Angriff auf Afrin geschwiegen wird. Damit zeigen die Regierungen, dass die angebliche Freiheit der Frauen, die Demokratie, die sie sich auf die Fahnen schreiben, nichts als hohle Phrasen sind. Denn nichts fürchten sie mehr, als dass auch in Europa Frauen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

„Ich bin verliebt in diesen Kampf“

Der dritte Band des Buches „Mein ganzes Leben war ein Kampf“ von Sakine Cansız ist auf Deutsch erschienen.

Vor fünf Jahren, am 9. Januar 2013, wurde die kurdische Revolutionärin Sakine Cansız zusammen mit ihren Freundinnen Fidan Doğan und Leyla Şaylemez in Paris vom türkischen Geheimdienst MIT ermordet. Jetzt ist der dritte Band der Biographie von Sakine Cansız im Verlag Mezopotamien auf Deutsch erschienen.

Wir haben mit Agnes v. Alvensleben und Anja Flach gesprochen, die alle drei Bände aus dem türkischsprachigen Original in die deutsche Sprache übersetzt haben.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, das Buch „Mein ganzes Leben war ein Kampf“ von Sakine Cansız zu übersetzen?

Agnes: Die Idee entstand, als ein Jahr nach Sakines Tod eine Neuauflage des ersten Bandes der türkischen Ausgabe erschien. Ich blätterte das Buch durch und dachte sofort, dass es weiter verbreitet werden sollte. Wir beide haben Sakine gekannt und hier in Hamburg mit ihr zusammengearbeitet. Die Morde in Paris waren für uns alle unfassbar. Wie in vielen anderen Städten auch haben wir als Frauenrat Rojbîn in Hamburg wöchentliche Kundgebungen abgehalten, auf denen wir eine lückenlose Aufklärung der Morde von Paris gefordert haben. Viele Frauen haben in dieser Zeit erstmals in der Öffentlichkeit ein Mikrofon in die Hand genommen und geredet. Auch nach ihrem Tod hat Sakine also immer noch Einfluss auf die Weiterentwicklung von Frauen gehabt.

Anja: Ihr Buch ist vor allem für die kurdische Frauenbewegung ein wertvolles Zeitdokument. Sakine wurde in den 1990er Jahren von Abdullah Öcalan dazu aufgefordert, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Es ist ein Segen, dass sie diese von ihr teilweise ungeliebte Aufgabe tatsächlich übernommen hat, denn ihr Buch zeigt auf, wie die kurdische Frauenbewegung entstanden ist und wie sie sich entwickelt hat.

Ihr habt mit mehreren Frauen an dem Buch gearbeitet, wie lange hat es gedauert?

Anja: Die Übersetzungsarbeit hat allein Agnes gemacht, ich kann ja auch gar kein Türkisch. Ich habe den Text lektoriert, also sprachlich überarbeitet und an einigen Stellen Fußnoten eingefügt, um den Text für Menschen ohne kurdischen Hintergrund oder Kenntnissen dieser Zeit verständlicher zu machen. Zuletzt hat noch Anita Friedetzky, eine Journalistin, Übersetzerin und Autorin, die hoffentlich letzten Tipp- und Rechtschreibfehler korrigiert.

Agnes: Ohne diese Teamarbeit wäre die Übersetzung für mich gar nicht machbar gewesen. Wir haben sehr viel miteinander diskutiert. Gerade beim dritten Band, der von Sakines Zeit an der Parteiakademie und in den Bergen handelt, war Anja unersetzlich, weil sie zur gleichen Zeit wie Sakine dort gewesen ist und daher einen ganz anderen Einblick in die damaligen Gegebenheiten hat. Es gibt auch noch weitere Freundinnen und Freunde, die an der Übersetzung mitgewirkt haben. Mehmet Zahit Ekinci hat mir zum Beispiel oft die Bedeutung bestimmter Redewendungen erklärt. Wir haben auch alte Freunde von Sakine wie Fuat Kav und FerdaÇetin mehrmals um Rat gefragt. Annett Bender hat schließlich das Layout sehr liebevoll gestaltet.

Anja: Wir haben für jeden Band einschließlich Korrekturen, Layout und Druck jeweils ein knappes Jahr gebraucht.

Agnes: Das Buch ist aus der deutschen Fassung zeitgleich in die italienische Sprache übersetzt worden. Auch in Italien sind alle drei Bände bereits erschienen. Es gibt auch englische und spanische Übersetzungen.

Was waren die Schwierigkeiten bei der Übersetzung?

Agnes: Es war das erste Mal, dass ich ein Buch übersetzt habe. Und es ist ja nicht irgendein Buch, sondern die Lebensgeschichte von Sakine Cansız, die auch in meinem Leben eine besondere Rolle gespielt hat. Sprachliche Verständnisprobleme ließen sich durch die Unterstützung anderer bewältigen, aber ich hatte auch emotionale Schwierigkeiten. Zum Beispiel hatte ich gegen Ende der Übersetzung das Gefühl, Sakine endgültig zu verlieren. Inzwischen weiß ich natürlich, dass es nicht so ist, aber es war für mich sehr wertvoll, mich drei Jahre lang mit Sakine auseinanderzusetzen. Ich habe mit ihr zusammen Glück, Wut, Traurigkeit, Empörung, Hass und Freude empfunden. Eigentlich habe ich die ganze Zeit Dialoge mit ihr geführt. Die größte Schwierigkeit war wohl der Anspruch, Sakine gerecht werden zu wollen. Und das geht nur, wenn man ihren Kampf tatsächlich weiterführt. Sie selbst sagt an einer Stelle im Buch: „Ich bin verliebt in diesen Kampf.“

Welche Wirkung hat das Buch auf euch gehabt?

Anja: Für mich war es ein großes Glück, Sakine Cansız‘ Erfahrungen nun selbst lesen zu können. Ich habe sie 1995 im Zap getroffen und dort mit eigenen Augen gesehen, unter welch schwierigen Bedingungen sie an dem Buch arbeitete. Es war Winter, sie schrieb auf einer klapprigen alten Schreibmaschine und einige Männer wie Şemdin Sakık oder Osman Öcalan versuchten, ihre Moral durch verbale Attacken zu unterminieren. Auch Hamili Yıldırım kannte ich gut, er war Kommandant meiner Einheit, als wir damals ins Land gingen. Er war ziemlich von sich selbst eingenommen und hatte schon in der Zentralen Parteischule schlecht über Sakine gesprochen, was mehr über ihn selbst aussagte, als über sie. Sie hatte einen sehr schweren Stand. Mitte der 1990er Jahre wurde die Frauenbewegung stark, aber einige Männer versuchten, einzelne Frauen zu attackieren, insbesondere die Frauen, die sich ihnen nicht unterordneten. Es wurde versucht, Frauen aus der Guerilla auszuschließen, ihnen die Schuld an allen Problemen zu geben, sie zu spalten. Sakine, als zentrale Persönlichkeit des Gefängniswiderstandes, wurde zur Zielscheibe zahlreicher Attacken. Sie war ein sehr emotionaler Mensch und im dritten Band beschreibt sie diese schwierige Phase. Wie auch schon in den ersten beiden Bänden schreibt sie sehr offen über ihre eigenen Fehler und Probleme. Das ist beeindruckend, aber auch teilweise schwer auszuhalten. Diesen dritten Band hat sie mit wenig zeitlichem Abstand zu den Ereignissen geschrieben. Vielleicht stehen negative Erfahrungen daher manchmal zu sehr im Vordergrund. Aus Interviews und Gesprächen mit ihr weiß ich, wie sehr sie die Frauen und das Guerillaleben geliebt hat. Aber sie schreibt eher über die schwierigen Zeiten, die sie erlebte. Der dritte Band ist wahrscheinlich für europäische Leser*innen manchmal schwierig zu verstehen. Die Methode der Kritik und Selbstkritik in der Persönlichkeitsfrage sind kein Teil linker deutscher Praxis. Auch für mich war es, als ich 1995 in die Zentrale Parteischule kam, eine ganz neue Erfahrung. Zunächst war ich erschrocken, dass sich erfahrene Kommandant*innen vor einer Plattform einfacher Kämpfer*innen so harter Kritik stellen mussten. Ich hatte fast Mitleid mit ihnen. Dieser Umwandlungsprozess steht in allen Lebens- und Arbeitsbereichen der PKK im Vordergrund, sei es innerhalb der Guerilla, in der Arbeit mit der Bevölkerung oder in der Leitung. Ziel ist eine Persönlichkeit, die wirklich die Werte der PKK vertritt und damit zum Vorbild für die Bevölkerung wird. Das ist ein schmerzhafter Prozess.

Sakine war eine wundervolle Frau. Hier in Europa hat sie ständig versucht, weitere Menschen in die Arbeit einzubinden. Sie war auch eine große Internationalistin. Als sie in Hamburg in Auslieferungshaft kam, sind viele verschiedene Menschen auf die Straße gegangen. Daran sah man, welch großen Eindruck sie bei den Menschen hinterlassen hatte. Es macht mich unglaublich wütend, dass die europäischen Staaten sich aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen davor drücken, die Morde des türkischen Staates an Sakine Cansız, Leyla Şaylemez und Fidan Doğan aufzuklären. Dieses Verbrechen darf nicht ungesühnt bleiben. Wie schon Martin Luther King sagte: „Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.“

Agnes: Übersetzen heißt, in die Wörter einzutauchen und sie emotional zu verstehen, bevor sie in einer anderen Sprache ausgedrückt werden können. Für mich hat es bedeutet, Sakines Stimme zu hören und ihren Gesichtsausdruck vor Augen zu haben. Wer sich intensiv mit Sakine beschäftigt, wird von ihrer unbeirrbaren Entschlossenheit angesteckt. Sakine hat niemals aufgegeben. Von ihr lernt man auch, dass das Leben schöner ist, wenn wir aufmerksam und liebevoll miteinander umgehen.

Anja: In naher Zukunft werden noch weitere Bücher auf Deutsch erscheinen, so zum Beispiel das Tagebuch von Gurbetelli Ersöz, das auch Agnes übersetzt hat, und eines der Bücher von Halil Uysal. Alle sind in derselben Phase geschrieben worden, Mitte der 1990er Jahre. Viele Personen, die in den Büchern beschrieben werden, kannte ich persönlich. Es ist sehr interessant für mich, eine Phase, die ich selbst erlebt habe, mit ihren Augen zu sehen, zumal mein Kurdisch damals noch nicht sehr gut war und ich vieles nicht verstand. Ich brannte damals schon darauf, die Bücher von Sakine zu lesen. Ich konnte nicht verstehen, warum sie nicht in großer Auflage und vielen Sprachen verbreitet wurden. Damals wurden nur einige wenige Exemplare gedruckt, die dann auch schnell vergriffen waren. Auf der anderen Seite ist es natürlich wunderbar, dass Abdullah Öcalan sie gebeten hatte, ihre Erfahrungen aufzuschreiben, denn so können wir nun noch die Parteigeschichte mit den Augen einer der wichtigsten weiblichen Protagonistinnen erleben. Das ist ein sehr großes Geschenk.

Wie wird das Buch vertrieben?

Agnes: Alle drei Bände werden vom Verlag Mezopotamien herausgegeben und können außerdem über das kurdische Frauenbüro CENÎ und die Informationsstelle Kurdistan (ISKU) bestellt werden. Die ersten beiden Bände sind in mehreren Städten auf Veranstaltungen vorgestellt worden. In Hamburg werden wir am 10. Januar mit dem Frauenrat Rojbîn und der Kampagne TATORT KURDISTAN eine Lesung im Gedenken an Sakine, Fidan und Leyla veranstalten.

 

»Gemeinsam kämpfen« Zum Tag gegen Gewalt an Frauen startet eine Kampagne internationalistischer Feministinnen

Am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, startet in der Bundesrepublik eine Kampagne von internationalistischen Feministinnen unter dem Motto »Gemeinsam kämpfen für Selbstbestimmung und demokratische Autonomie«. Die Initiatorinnen möchten die Erfahrungen der Frauen, die an den gesellschaftlichen Fortschritten in der kurdischen Region Rojava im Norden Syriens maßgeblich beteiligt sind, mit einer Perspektive für den feministischen Kampf in Europa verbinden.

Im Westen wird vielfach suggeriert, Gewalt gegen Frauen sei hauptsächlich ein Problem im Mittleren Osten bzw. in Ländern des »Globalen Südens«. Doch auch in Europa hat jede dritte Frau körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Das ergab eine EU-Studie. Nach Überzeugung linker Feministinnen ist das kapitalistisch-patriarchale System die Ursache für Gewalt, Kriege und Naturzerstörung. Die kurdische Frauenbewegung sieht diese Ausbeutungs- und Eroberungsverhältnisse als »Vergewaltigungskultur« an, die nur mit einer Gesellschaft überwunden werden kann, die auf Prinzipien wie Kommunalität, ökologischer Ökonomie und Basisdemokratie beruht. Seit 2012 versucht sie, ein solches System der demokratischen Autonomie mit Frauenräten, -kommunen, -akademien und -kooperativen in Rojava zu initialisieren. Das hat weltweit Feministinnen inspiriert, sich mit diesem Gesellschaftsmodell auseinanderzusetzen.

In einer Resolution zur Kampagne heißt es daher auch: »Basisdemokratie, Autonomie und Selbstbestimmung sind für uns keine Utopien, sondern konkrete emanzipatorische Konzepte und Ziele, die wir in unseren Gesellschaften erreichen wollen – das können wir nur gemeinsam.« Die Initiatorinnen sehen es als unabdingbar an, auch hierzulande eine Alternative zu entwickeln und sich dafür zu organisieren. »Die Verhältnisse in Rojava sind sicher anders als die in der BRD. Dennoch wollen wir die Erfahrungen und Analysen der kurdischen Frauenbewegung mit den feministischen Kämpfen in der BRD und Europa zusammenbringen«, heißt es in ihrem Aufruf. Und weiter: »Uns selbst zu ermächtigen bedeutet, uns ein gemeinsames, eigenes Wissen über die geschichtlichen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verschaffen, uns körperlich und mental vor Angriffen zu schützen und tatsächlich selbstbestimmt in unserem Alltag zu sein. Lasst uns gemeinsam nach Alternativen suchen und dabei voneinander lernen und füreinander da sein. In den folgenden Wochen und Monaten möchten wir mit euch gemeinsam diskutieren, uns bilden, auf die Straße gehen, kämpfen und lachen – wir freuen uns auf euch!« Die in der Kampagne Engagierten haben feministische Gruppen in ganz Europa aufgefordert, ihren Aufruf zu unterschreiben und eigene Veranstaltungen zu organisieren.

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