»Afrin wird wieder aufblühen«

Gülistan Kalo und Lydia Gottschalk informierten in Hamburg über Frauenorganisierung unter Kriegsbedingungen in Rojava

Von Anja Flach und Julia Miller
Demonstration_in_Ham_56755936.jpg

Demonstration gegen Verbote kurdisch-internationalistischer Organisationen und Flaggen am 24. März in Hamburg

Im Rahmen der feministischen Kampagne »Gemeinsam Kämpfen – für Selbstbestimmung und demokratische Autonomie«, deren Schwerpunkt auf internationalistischer Vernetzung liegt, informierten am Sonntag Aktivistinnen im Hamburger Curio-Haus über die Frauenorganisierung im syrisch-kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava.

Eine der Referentinnen, Gülistan Kalo, stammt aus einem Dorf in der Region Afrin im Norden Syriens, ihr Sohn ist im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) in Kobani gefallen, ihre Familie musste während des Angriffskrieges der Türkei aus Afrin fliehen. »Von den 365 Dörfern Afrins wurden etwa 300 von den Dschihadisten, die als Hilfstruppen der Türkei eingesetzt wurden, geplündert«, so Gülistan Kalo. Ihr Bruder versuche seit Wochen, in sein Dorf zurückzukehren, jedoch verlangten die Dschihadisten an Kontrollpunkten Zölle und bedrohten die Menschen. In den Dörfern werden Dschihadisten auch aus der Region Ghuta angesiedelt. Zudem häufen sich Entführungen durch die Besatzungstruppen. So berichtete Kalo von aktuell 56 Menschen, die verschleppt wurden, darunter auch sehr junge Mädchen. Etwa 3.000 Menschen sind bisher im Kampf gefallen oder durch Angriffe getötet worden. Viele mussten aufgrund der heftigen Attacken zurückgelassen werden, die Leichen konnten nicht beerdigt werden. 250.000 Menschen seien geflohen. Die Menschen aus Afrin befinden sich größtenteils in der Region Schahba. Da der IS in dem Gebiet viele Minen verlegt hat, ist ihre Bewegungsfreiheit sehr stark eingeschränkt. Obwohl die Städte Nubl und Zahra, nur einen Steinwurf entfernt sind, seien sie unerreichbar. Viele schlafen neben ihren Autos, Leishmaniose und Tuberkulose seien ausgebrochen. Die Weltgemeinschaft schaue konsequent weg. Kalo betonte die Notwendigkeit jeglicher Solidarität mit der Bevölkerung Afrins. Sie werde nicht aufgeben, nachdem so viel Blut für die Verteidigung geflossen sei. »Afrin wird wieder aufblühen«, so Kalo.

Lydia Gottschalk, die mehrere Jahre in Rojava in verschiedenen Projekten der kurdischen Frauenbewegung gearbeitet hatte, begann mit der Frage, wieso die autonome Selbstverwaltung Nordsyriens überhaupt angegriffen wird. Die Revolution werde von Akteuren wie der türkischen Regierung und anderen als Bedrohung wahrgenommen, da sie zeige, dass eine reale Alternative zum patriarchalen Kapitalismus möglich ist. Auch Gottschalk hob die Kraft der Bevölkerung hervor und berichtete von ihrem ersten Besuch in Kobani nach der Befreiung vom IS, als sie eine blühende Stadt vorfand, die in unglaublichem Tempo aus den Trümmern wieder aufgebaut worden sei. Sie stellte einige Projekte vor, die die Menschen, vor allem Frauen, in Rojava geschaffen haben. Neben den militärischen Einheiten der YPG und YPJ existieren auch Frauensicherheitskräfte, die Asayis, die Betroffene von häuslicher Gewalt unterstützen und regulär die Aufgabe des Schutzes der Bevölkerung in den Stadtteilen übernehmen.

Neben dem Aufbau eines neuen muttersprachlichen Bildungssystems sind Fakultäten für »Jineoloji«, die Wissenschaft der Frau, eingerichtet worden. Auch vom Frauendorf Jinwar wurde berichtet. Dieses wird von Frauen, die ihre Ehemänner im Krieg verloren haben, oder einfach autonom leben möchten, aufgebaut und ermöglicht einen Alltag jenseits herkömmlicher Familienstrukturen.

Lydia Gottschalk betonte mehrfach, dass eine der Besonderheiten Rojavas der Aufbau basisdemokratischer Strukturen sei, der nicht nur in, sondern vor allem mit der gesamten Gesellschaft erfolgt. Demokratie funktioniere nur, wenn sich alle beteiligten, miteinander sprächen und partizipierten.

Die Frauen Afrins sind frei in ihren Köpfen

https://www.jungewelt.de/artikel/331738.die-frauen-afrins-sind-frei-in-ihren-k%C3%B6pfen.html

Verändertes Bewusstsein trotzt Repression und sexueller Gewalt im besetzten Teil Rojavas. Ein Gespräch mit Lydia Gottschalk
Interview: Anja Flach

RTR4TVAW.jpg
Foto: Mahmoud Hebbo/Reuters

Lydia Gottschalk hat einige Jahre im syrisch-kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava gelebt. In Hamburg informiert sie darüber am Sonntag, den 29. April, auf einer Veranstaltung ab 16.00 Uhr im Curio-Haus, Rothenbaumchaussee 13
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nach Kurdistan zu gehen, und was haben Sie dort getan?

Die Entscheidung war eng mit meinem Lebenslauf verbunden und auch ein Resultat der gesellschaftlich-politischen Entwicklungen. Ich habe früh begonnen, für Frauenrechte, gegen Atomenergie und gegen Rassismus zu kämpfen. Ich verstand damals, dass wir weder die Geschichte sozialer Bewegungen in Europa wirklich kennen, noch unsere Forderungen im eigenen Leben in die Tat umsetzen. Ich sah imperiale und postkoloniale Strukturen, die von den Staaten mit aller Kraft aufrecht gehalten werden. So fragte ich mich, wenn es eine Situation wie damals in Spanien und Katalonien gäbe, könnten dann alle antikapitalistischen Bewegungen an einem Strang ziehen? Ich reiste durch die Welt und lernte viele Ideen kennen, doch nie hatte ich eine so starke Frauenbewegung gesehen wie die kurdische. Ich musste selbst nach Kurdistan reisen, sammelte Eindrücke, lernte Kurdisch und die Situation der Menschen in vielen Städten und Regionen kennen. Ich arbeitete in Frauenräten und im Bildungsbereich an Konzepten für ein neues Schulsystem mit, lernte, in Kommunen zu leben und zuzuhören. Heute sehe ich es als meine wichtigste Aufgabe, meine Erfahrungen, teils aus dem Krieg, aber auch die Kraft und Hoffnung aus der Revolution in Rojava zurück nach Europa zu bringen.

Wie ist die Situation der Frauen in Rojava verglichen mit der in anderen Gebieten des Mittleren Ostens?

In Rojava haben ganz klar die Frauen das Sagen. Sie sind die ersten, die bei den Versammlungen das Wort ergreifen. Sie sind die Mutigen, die die Waffen gegen den IS und jetzt gegen die Türkei zur Hand nehmen. Warum? Weil sie das Leben und die Menschen lieben. Sie haben Stolz und Anmut und ergreifen in allen Bereichen der Gesellschaft Initiative. Nicht nur die Kurdinnen. Genauso die Araberinnen, Turkmeninnen, Jesidinnen, Assyrerinnen.

Sie haben auch in Flüchtlingslagern gearbeitet. Was waren das für Orte und wie organisiert sich die Frauenbewegung dort?

In Machmur befinden sich Menschen, die in den 1990er Jahren aus Nordkurdistan in den Irak geflohen sind, weil die türkische Armee ihre Dörfer niedergebrannt und die Bevölkerung gefoltert hat. Im nordirakischen Sengal hat der »Islamische Staat« nach dem Abzug der »Demokratischen Partei Kurdistans« einen Genozid an der jesidischen Bevölkerung begangen.

Nicht nur beim Schutz der Überlebenden haben die Frauenverteidigungskräfte YPJ aus Rojava eine führende Rolle gespielt, auch bei der Versorgung im zivilen Bereich kam viel Unterstützung von dort. Es wurden sowohl autonome Frauenräte als auch gemeinsame Räte gegründet.

Wie funktioniert die autonome Frauenorganisierung?

In allen Bereichen des Lebens, sei es Kommune, Bildung, Kunst und Kultur, Verteidigung, Diplomatie gibt es sowohl gemeinsame Räte mit Doppelspitze, als auch autonome Frauenräte. Aber es gibt Schwierigkeiten beim Überwinden von Rollenbildern. Es wollen sich immer noch weniger Frauen an der Diplomatiearbeit beteiligen, als am Aufbau von Kooperativen und Kommunen.

Aktuell wird ein Frauenfern­sehsender aufgebaut: Jin TV. Warum?

Jin TV kann die Kraft der Frauen Rojavas in die Welt tragen und die Grenzen in den Köpfen überwinden. Frauen können hier alles selbst auf die Beine stellen: von der Journalistin bis zur Regisseurin, von der Redakteurin bis zur Kamerafrau, von Technikerin bis zur Moderatorin. Das hat es so noch nicht gegeben.

Wie ist die Lage der Frauen im Kanton Afrin seit dem türkischen Einmarsch?

Ich stehe selbst im Kontakt mit Bekannten vor Ort – die Lage ist sehr kritisch. Unter den Geflüchteten breiten sich Krankheiten aus. Viele kleine Kinder sind gestorben, weil die Frauen keine Milch mehr geben können. Es mangelt an allem, aber sie haben ihre Würde nicht verloren. Die Frauen, die in Afrin geblieben sind, erleben noch viel Schlimmeres. Dort werden Mädchen ab neun Jahren entführt und mit Dschihadisten verheiratet. Auch einer mir bekannten Familie erging es so. Frauen, die ohne männliche Begleitung auf die Straße gehen, sind immer wieder von sexueller Gewalt betroffen.

Doch die Frauen Afrins sind frei in ihren Köpfen. Sie werden die Besatzung durch die Türkei und andere Dschihadisten nie akzeptieren.

„Angriff auf eine Revolution der Frauen“

Gestern Abend fand in Hamburg eine Informations- und Diskussionsveranstaltung zu dem völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei in Efrîn statt. Im Mittelpunkt standen dabei die kurdische Frauenbewegung und die Frage, wieso dieser Krieg auch ein Angriff auf die Revolution der Frauen ist. Die AG Queer Studies lud hierfür die Ethnologin, Autorin und Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung Anja Flach ein und veranstaltete den Abend im Rahmen der Vorlesungsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“.

Anja Flach leitete ihren Vortrag mit einigen Informationen zur aktuellen Lage in Rojava ein. Seit dem 20. Januar wird dieses einzigartige Projekt durch die türkische Armee und mit ihr verbündete Dschihadisten bedroht. Unter dem Deckmantel „FSA“ führen diese einen Angriffskrieg gegen die Demokratische Föderation Nordsyrien/Rojava durch und haben einen der selbstverwalteteten Kantone, nämlich Efrîn, überrannt. Für die Bevölkerung Efrîns hat dies gravierende Folgen: Menschen müssen fliehen, Bauten von großem historischen und kulturellen Wert werden zerstört. Die ezidischen Dörfer werden in eine besonders dramatische Lage gebracht.

Das Bild kurdischer Frauen hat einen radikalen Wandel durchlebt

Dieser Krieg ist als ein Angriff auf die Revolution in Rojava und die Befreiung der Frauen als einen fundamentalen Bestandteil zu werten. Diese begann im Juli 2012, als die Bevölkerung das geschwächte Baath-Regime weitgehend unblutig vertrieb. In Anlehnung an das Konzept des demokratischen Konföderalismus, verfasst von Abdullah Öcalan, organisiert sich die Bevölkerung seither in einem Räte- und Kommunesystem selbst. Das Bild kurdischer Frauen hat in der westlichen Öffentlichkeit seitdem einen radikalen Wandel durchlebt. Wurden Frauen im Mittleren Osten bisher überwiegend als unterdrückt dargestellt, stehen vor allem die Kämpferinnen der YPJ, der unabhängigen Fraueneinheiten, im Fokus des Interesses. Frauen in Rojava kämpften von Anfang an mit, parallel zu Volksräten wurden Frauenräte aufgebaut. Frauen haben eine Verfassung auf der Basis von Frauenrechten durchgesetzt, haben eigene militärische Einheiten und sind mit einer Geschlechterquote von 40 Prozent in jeder Institution vertreten.

Anja Flach stellte in ihrem Vortrag verschiedene Projekte vor, in denen sich Frauen selber organisieren. So sprach sie zum Beispiel von der Basisorganisation der Frauen in Rojava, Yekîtiya Star, und der Presseakademie der Frauen in Rojava, die sich als Ziel gesetzt hat, jenseits patriarchaler Berichterstattung zu agieren. Dabei spielt Bildung eine zentrale Rolle. Patriarchale Hegemonien müssen überwunden werden und die Frauen Rojavas nehmen diese Aufgabe selbst in die Hand, indem sie politische Bildung, Medien und auch die Schreibung von Geschichte eigens organisieren und bereitstellen.

Ökonomische Unabhängigkeit und Selbstverteidigungsstrukturen

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der durch die Revolution ermöglicht wurde, ist die neue ökonomische Unabhängigkeit, welche sich Frauen durch eigens aufgebaute Frauenkooperativen nehmen. Es werden Beispiele von Käseproduktionen, Bäckereien, landwirtschaftlichen Betrieben und auch Kindergärten, die von Frauen geführt werden, gezeigt. Dabei konnte Anja Flach viele anschauliche Bilder von den Frauen vor Ort zeigen, die durch ihre Aufenthalte in Rojava entstanden sind. Diese Informationen aus erster Hand waren sehr beeindruckend.

Zum Schluss des Vortrages berichtete Anja Flach von der Selbstverteidigung, ohne diese es Rojava nicht gebe, in denen auch Frauen mit der YPJ selbst organisiert und vertreten sind und seit Wochen an vorderster Front für den Erhalt einer realen Alternative zum patriarchalen Kapitalismus kämpfen.

Die Veranstaltung war mit etwa 40 Personen gut besucht. In einer anschließenden Diskussions- und Fragerunde zeigte sich das Publikum sehr interessiert und stellte beispielsweise Fragen zu weiteren kurdischen Widerstandsgruppen, zu der Frage, wie Männer mit der neuen Selbstbestimmtheit der Frauen umgehen sowie zu Herausforderungen der Selbstverwaltung nach der Revolution. Eine der vermutlich wichtigsten Fragen ging auf die Schuld der deutschen Regierung, die die Türkei mit Waffen ununterbrochen versorgt, ein und fragte, was Menschen in Deutschland tun können. Die Unterstützung von Hilfsorganisationen, die vor Ort agieren, sei dabei von großer Bedeutung. Weiterhin wichtig bleibt allerdings die Verbreitung von Informationen über Rojava. Viele Menschen seien sich noch immer nicht bewusst darüber, was in Rojava geschehen ist, dass eine Alternative zu den vorherrschenden kapitalistischen und patriarchalen Systemen aufgebaut wurde, die Basisdemokratie, Ökologie und die Frauenbefreiung tief verankert hat. Wie auch, dass diese einzigartige Alternative bedroht wird, während die Welt schweigend dabei zusieht. Das Wissen über Rojava muss weiterhin verbreitet und der Protest aufrechterhalten werden.

Die Veranstaltung mit Anja Flach war die erste Veranstaltung des neuen Programms der Vorlesungsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ der die AG Queer Studies an der Hamburger Universität.

 

 

Frauen in Rojava – aus „Revolution in Rojava“ 3. Auflage 2016

 

 

»Vielleicht ist dies das erste Mal in der Geschichte, dass Frauen eine solch aktive Rolle in der Organisierung einer Revolution gespielt haben. Sie kämpfen an der Front, fungieren in Kommandopositionen und nehmen an der Produktion teil. Es gibt keinen Ort in Rojava, an dem keine Frauen zu sehen sind. Sie sind überall und ein Teil von allem.«[1]

 

Der Kampf um Kobanî und Şengal im zweiten Halbjahr 2014 hat ein Schlaglicht auf eine Tatsache geworfen, die im Westen bis dahin weitgehend unbekannt war: Eine Gesellschaft mit Frauen im Zentrum konnte im Mittleren Osten, der weltweit als patriarchal und rückständig gilt, etabliert werden. Das Bild der kurdischen Bewegung und damit der Frauen hat sich durch den Widerstand in Kobanî und ganz Rojava radikal gewandelt. Die Entschlossenheit und Selbstsicherheit, mit der Frauen wie die Kommandantin der Kobanî-Front, Meysa Abdo, oder die Ko-Vorsitzende der PYD, Asya Abdullah, auftreten, zeigen jedoch, dass Frauen in der kurdischen Bewegung seit Jahrzehnten bedeutende Akteurinnen sind.

Selbst die konservative Zeitung Die Welt brachte einen Artikel mit der Überschrift »Der kurdische Widerstand verkörpert das Gute« und schrieb: »Die Kurden, Männer und Frauen gleichberechtigt, [sind] ein ernsthafter, säkularer Akteur im Nahen Osten geworden, bei dem enorme zivilgesellschaftliche Fortschritte möglich wurden.«[2] In Frauenzeitschriften wie Elle und Marie Claire erschienen plötzlich mehrseitige Reportagen über die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), ein bekannter australischer Fernsehsender zeigt einen Dokumentarfilm unter dem Titel Female State, Modeketten wie H&M oder die Modezeitung Madame präsentierten Models in Kleidung, die derjenigen der Kämpfer_innen der bewaffneten Organisatio­nen der PKK- und der YPG/YPJ-Kämpfer_innen nachempfunden ist. Ein inzwischen 30 Jahre andauernder Kampf ist plötzlich auf der Weltbühne sichtbar geworden und erscheint en vogue. Doch was steht wirklich dahinter?

Wie überall in gesellschaftlichen Aufbrüchen der letzten Jahre im Mittleren Osten beteiligen sich Frauen von Anfang an an den Aufständen und Aktionen – so auch in Rojava. In den Ländern des Arabischen Frühlings werden sie jedoch nicht an den neu entstandenen Strukturen beteiligt, sondern geraten nach der Machtübernahme radikalislamischer Organisatio­nen in eine noch viel ausweglosere Situation als zuvor. Laut einer Studie von Care Deutschland zur Rolle der Frauen im Arabischen Frühling, in der 300 Frauen zu den Aufständen in Ägypten, Marokko, Jemen und den paläs­tinensischen Gebieten befragt wurden, überboten sich nach den Aufständen politische Gruppierungen gegenseitig an Konservatismus und patriarchale Machtstrukturen blieben bestehen.[3] Auch Frauen in Rojava waren und sind vielfacher Unterdrückung ausgesetzt. Als Kurd_innen wurden ihnen vor der Revolution die elementarsten Grundrechte, die eigene Muttersprache oder sogar die Staatsbürgerinnenschaft verweigert. Sie waren gegenüber der arabischen Bevölkerung ökonomisch stark benachteiligt. Dazu kommt aber auch noch die patriarchale Unterdrückung, aus der sie sich unter den gegebenen Bedingungen nicht befreien konnten. Wie in allen Teilen Kurdistans und in großen Teilen des Mittleren und Nahen Ostens wurden zahlreiche Frauen der Generation der heute über Vierzigjährigen jung verheiratet, auch als Zweit- oder Drittfrau an viel ältere Männer. Die »Ehre« eines Mannes bzw. einer Familie manifestierte sich in der traditionellen Gesellschaft über die »Reinheit« der Frau. Frauen bzw. Mädchen wurde oft nicht erlaubt, einen Beruf zu erlernen und ökonomisch unabhängig zu sein – auch wenn viele junge Frauen studiert hatten. Nur eine geringe Anzahl fand Arbeit im Gesundheits- oder Bildungsbereich. Da es in Rojava nur wenige Arbeitsplätze gab, mussten die Männer häufig in arabischen Städten arbeiten, für Frauen kam dies nicht infrage. Sie waren gezwungen, zu heiraten und eine Rolle als Hausfrau einzunehmen, vom öffentlichen Leben waren sie damit weitgehend ausgeschlossen.

Gewalt in der Familie war und ist auch heute noch verbreitet. Ökonomische, politische und sexuelle Unterdrückung, die Männer erfahren, kompensieren sie häufig durch Gewalt in der Familie. Sie gefährden sich weniger, wenn sie ihre Ressentiments gegen die eigene Familie statt gegen die Unterdrücker richten. Im Übrigen werden Männer durch die Gesellschaft in der Annahme bestätigt, ihre Ehre hänge hauptsächlich von der Kontrolle über Frau und Kinder ab. Dieses Phänomen ist nicht nur in der islamischen Welt weit verbreitet.[4] Eine 49-jährige Vertreterin von TEV-DEM berichtet mir, dass sie zwangsverheiratet wurde, da ihre Eltern befürchtet hatten, sie würde sich der PKK-Guerilla anschließen. Sie war eine der ersten Frauen im syrisch besetzten Kurdistan, die sich 2007 scheiden ließ.

 

 

6.1 Frauen in der PKK der 1990er Jahre in Rojava und Syrien

 

Die unglaubliche Energie, die die Menschen und insbesondere die Frauen in Rojava aufwenden, um die zahlreichen gewaltigen Probleme zu lösen und das System der Demokratischen Autonomie aufzubauen, beeindruckt uns immer wieder und sehr häufig hören wir während unserer Reise: »Du darfst nicht vergessen, hier ist der Ort, an dem der Vorsitzende der PKK zwanzig Jahre lang gelebt hat. Seine Arbeit hat die Menschen hier geprägt, ist das Fundament der Revolution.« Die Philosophie und die Arbeitsweise von Abdullah Öcalan, insbesondere seine Bemühungen zur Stärkung der Frauen, scheinen in der Tat auch 15 Jahre nach seinem Verlassen des Landes eine Basis und Haupttriebfeder der Revolution zu sein. Schon in den 1980er und 90er Jahren beteiligten sich Tausende Frauen an der sogenannten Basis- und Organisierungsarbeit, bei der die Mitarbeiterinnen von Haus zu Haus gehen, jede einzelne Frau besuchen und in die Arbeit einbinden. Auch damals fanden schon regelmäßig Bildungsarbeit und Frauenversammlungen statt.

1995 im Alter von 16 Jahren schloss sich Evîn in Rojava der Bewegung an, blieb einige Jahre in den Bergen bei der PKK-Guerilla und kam 2012 zurück, um sich der Revolution anzuschließen. Sie beschreibt die Rolle der Frauen in der PKK in den 1990er Jahren in Syrien und den Einfluss des Vorsitzenden Abdullah Öcalan: »Natürlich herrschte das Patriarchat auch hier und von Gleichberechtigung konnte keine Rede sein. Aber es gab sehr große Spielräume, in denen sich Frauen bewegten. Sie konnten sich an allen politischen Arbeiten beteiligen, rausgehen. […] Der Einfluss des Vorsitzenden war dabei sehr groß. Und überhaupt waren es auch damals in ganz Rojava vor allem Frauen, die die Bewegung aufbauten.«[5]

Ich selbst hielt mich Mitte der 1990er Jahre zweimal für mehrere Monate in den kurdischen Gebieten Syriens auf und kann diese Bewertung unterstützen. Zwar hatten viele Frauen gegenüber den Männern gesellschaftliche Nachteile, aber sie beteiligten sich vor allem an der PKK-Organisierung, weil die Bewegung ihnen einen besonderen Platz einräumte, ihnen besondere Bildungsmöglichkeiten bot und es zu den Grundlagen der Ideologie der PKK-Bewegung gehört, dass eine Befreiung der Gesellschaft ohne Befreiung der Frauen nicht möglich ist. Sie förderte die Organisierung und Bildung der Frauen, daher beteiligten sich schon seit den späten 1980er Jahren Tausende an der Bewegung und später an der Frauenarmee der PKK, die 1993 gegründet wurde. Ihr Ziel bestand unter anderem darin, die traditionelle Sozialisierung und die Eigenschaften der feudalen Gesellschaft zu überwinden, die sich zunächst auch in der Guerilla reproduzierten. Die Frauen, die sich 1995 in der YAJK (Verband der Freien Frauen Kurdistans) organisierten, tauschten sich mit Frauenbewegungen weltweit aus. Prinzipien wie die autonome Frauenorganisierung, die 40%-Beteiligung von Frauen in allen Bereichen, die Doppelspitze etc., die heute in allen vier Teilen Kurdistans für alle Bereiche der kurdischen Bewegung gelten, wurden hier in den Bergen bei der Guerilla entwickelt. Eines der Ziele der Frauenbewegung ist es, die Entfremdung kurdischer Frauen zu überwinden und damit auch die kolonialistische Herabsetzung der eigenen Kultur. Frauen sollen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen und dazu befähigt werden, Entscheidungen selbst zu treffen. Die Bewegung organisiert die Frauen auf der Grundlage des Bewusstseins, dass das patriarchale Herrschaftssystem seine Macht durch die Spaltung und Vereinzelung von Frauen aufrechterhält. Frauen sollen auf allen Ebenen und mit den geeigneten Mitteln einen entschlossenen Kampf für die Frauenbefreiung führen.[6] Abdullah Öcalan, der Vorsitzende der PKK, hatte die kurdische Frauenbewegung insbesondere in Syrien immer unterstützt und gefördert, oft auch gegen den Willen der eigenen Genossen, die Frauen in der Guerilla in den ersten Jahren eher als ein Hindernis begriffen.

 

 

6.2 Frauen in den drei Kantonen Rojavas

 

Aufgrund des Totalembargos der Türkei gegen Rojava hatten wir im Mai 2014 keine Möglichkeit, nach Afrîn oder Kobanî zu fahren. Dennoch wurde uns gesagt, es sei von Bedeutung, die Unterschiede der Frauenorganisierung in den drei Teilen Rojavas zu beachten. So berichtet Evîn: »Während in Afrîn Clanstrukturen keine besondere Rolle spielen und die kurdische Gesellschaft eher kleinbourgeoise Züge trägt, bestehen in der Region Kobanî mehr feudale Clanstrukturen; dies hat auf der einen Seite stark patriarchale Strukturen zur Folge, auf der anderen Seite sind kommunale Werte nicht zerstört wie in der kapitalistischen Gesellschaft.« Afrîn ist der westlichste der drei Kantone und vollkommen isoliert von den anderen beiden. Nach Informationen von Ilham Ahmed sind die Frauen dort sehr selbstbewusst, denn sie verrichteten mit den Männern gemeinsam die schwere Arbeit in der Landwirtschaft. Auch in Institutionen seien Frauen gleichberechtigt vertreten: »Innerhalb der Familie und der Gesellschaft wird das Zusammenleben von Frauen organisiert. Die Kinder versammeln sich um die Frauen. Der Einfluss des Mannes ist innerhalb der Gesellschaft sehr schwach. Daher haben die Frauen aus Afrîn ein großes Entwicklungspotenzial. Die Haltung, dass die Frauen zu Hause bleiben und nur den Haushalt führen sollen, ist in Afrîn sehr selten.«[7] Die Frauen von Afrîn haben daher eine gute Basis, sich weiterzubilden und zu organisieren. Viele beteilig­ten sich an den Organisationsstrukturen der Demokratischen Autonomie und den Frauenräten und seien sehr engagiert. Natürlich gebe es Kräfte in der Gesellschaft, die dies verhindern und diese Entwicklung zurückdrehen wollen. Ilham Ahmed weist darauf hin, dass die Kurd_innen sich auch durch den Krieg nicht aus ihrer Heimat vertreiben ließen. Doch als Folge des Krieges seien viele Menschen aus den umkämpften Gebieten Syriens nach Afrîn gekommen. Dadurch seien Strukturen entstanden, die Prostitution und Gewalt gegen Frauen auf die Tagesordnung gebracht hätten. Es seien Kräfte, die keine Bindung an Afrîn hätten und diese Übergriffe auf Frauen verüben würden. »Dies ist mittlerweile zu einem großen Problem geworden«, so Ilham Ahmed. »Die Führung der in Afrîn aufgebauten demokratischen Selbstverwaltung versucht, mit Bildung, Seminaren, Projekten und Workshops auf diese Vorfälle aufmerksam zu machen und die Probleme in den Griff zu bekommen.«

In Kobanî seien die Aşîretstrukturen vor dem Krieg stark gewesen, durch die Revolution habe sich die Gesellschaft jedoch geöffnet, so Ilham Ahmed: »Wir können sagen, dass die Revolution dort den größten Einfluss gehabt hat. Vor der Revolution war es unmöglich, dass Frauen und Mädchen allein in die Stadt gehen konnten.« Grund dafür sei u.a. die negative Rolle der Schule gewesen. Vonseiten der staatlichen Lehrer habe es sexuelle Übergriffe auf Mädchen gegeben. Der Staat habe das bewusst zugelassen und Frauen und Mädchen hätten sich daher nicht unabhängig bewegen, organisieren oder arbeiten können: »Die sexuellen Übergriffe wurden bekämpft, die betroffenen Schulen geschlossen und die Verantwortlichen bestraft. Das hat dazu geführt, dass ein positives gesellschaftliches Klima entstand. Frauen in Kobanî konnten sich nun ohne Probleme an der revolutionären Arbeit beteiligen.«

Die vormals starke Unterdrückung von Frauen führte dazu, dass sich nun ein großes revolutionäres Potenzial etablieren konnte. Wie in Afrîn sympathisiert der größte Teil der Bevölkerung in Kobanî mit der Befreiungsbewegung. Andere Parteien gibt es, aber sie haben wenig Einfluss und eine unbedeutende Anhänger_innenschaft. »Die Aşîretstrukturen sind bedeutender als die politischen Parteien, sie verhindern das Auseinanderdriften der Gesellschaft und stehen anders als diese Parteien der Revolution nahe. Die Arbeit der politischen Parteien gegen die Revolution war wirkungslos, da die Bewegung schnell über diese Angriffe informiert wurde und sie verhindern konnte«, so Ilham Ahmed. Sie fährt fort, dass der Einfluss der Bewegung in Kobanî vor der Revolution sehr schwach gewesen sei und daher viele Probleme beim Aufbau der Demokratischen Autonomie aufträten. Insbesondere die Frauen würden sich jedoch mit Herz und Seele und voller Kraft einbringen. In Kobanî beispielsweise haben die Mitarbeiter_innen eines Frauenzentrums (Mala Jin) erfolgreich den Aufbau des Frauenrates vorangetrieben, damit alle Frauen die Möglichkeit haben, Entscheidungen selbst zu treffen. Zuvor waren die Frauen ausschließlich in den insgesamt neun gemischten Stadtteilräten von Kobanî aktiv gewesen. In jedem der Räte gibt es eine feste Geschlechterquote; eine von zwei Sprecher_innen des Rates sei eine Frau. Im Frühjahr 2013 waren 135 Frauen im Frauenrat von Kobanî aktiv. Sie versuchen, die Probleme der Frauen vor Ort zu lösen. Mit dem Überfall des IS von 2014 wurde vieles zerschlagen, inzwischen aber reorganisiert. Am 27. Oktober 2015 verabschiedete Kobanî eine Frauengesetzgebung, die verbindlich für alle Menschen im Kanton ist, so z.B. Kinderheirat verbietet.[8] Die Cizîre ist im Gegensatz zu Kobanî und Afrîn, die sehr ländlich sind, eine eher kleinbürgerlich geprägte Region. Cizîre ist der einzige der drei Kantone, in dem die südkurdische PDK das Geschehen beeinflusst. »Sie lässt Millionen von Dollar fließen, um die Arbeit der Selbstverwaltung zu sabotieren«, so Ilham Ahmed.

 

 

6.3 Frauen in der Revolution

 

Von Anfang an haben Frauen in der Revolution in Rojava eine Führungsrolle gespielt. Es gibt mehrere Gründe dafür, warum das so sein konnte. Einer davon ist die schon beschriebene Rolle der PKK, die in den 1990er Jahren Tausende Frauen ausgebildet und gefördert hatte. In allen Teilen von Rojava habe sich das Wissen der Frauen durchgesetzt, dass ihnen eine besondere Aufgabe in der Revolution zukommt und sie die Vorkämpferinnen sein müssen, erklärt Ilham Ahmed: »So gibt es sechzigjährige Frauen, die sich seit dreißig Jahren aktiv am Befreiungskampf beteiligen. Auch wenn sie nicht lesen und schreiben können, so können sie die Philosophie der Bewegung und ihren Wissensstand mitteilen.« Inzwischen können die meisten lesen und schreiben. Syrien war bildungspolitisch einst ein Vorzeigeland in der arabischen Welt. Bis 2011 besuchten mehr als 90% der Kinder eine Grundschule und mehr als zwei Drittel weiterführende Schulen. Im Gegensatz zu Nordkurdistan, wo zu Beginn des Befreiungskampfes in den 1980er Jahren 80% der Frauen Analphabetinnen waren, sind die Frauen in Rojava überwiegend gebildet. Viele jüngere Frauen haben studiert. Analphabetismus gibt es in der Generation der heutigen Jugend fast gar nicht mehr. Die starke Präsenz von Frauen in den Rätestrukturen in Rojava lässt sich jedoch auch durch ihre Rolle während der Revolution erklären. Da die Männer starker Repression ausgesetzt waren, übernahmen sie den Großteil der Organisierungsarbeit.

Als die Revolution in Rojava begann, kamen, um den Aufbau zu unterstützen, nach und nach Hunderte von Frauen aus den anderen Teilen Kurdistans zurück, die dort oft Jahrzehnte bei der PKK-Frauenarmee (YJA Star) gekämpft hatten. Diese Frauen brachten Kampf- und Organisierungserfahrung mit und vor allem hatten sie sich jahrelang theoretisch und praktisch mit den Konzepten der Demokratischen Autonomie beschäftigt. »Der Vorsitzende [Öcalan] hat das Modell der Organisierung in seinen Büchern bis ins Detail beschrieben, mit diesen Büchern waren wir sehr vertraut. Wir mussten es nur noch umsetzen«, so Amara, eine Aktivistin der Frauenbewegung in Dêrîk.

 

 

6.4 Kongreya Star: Die Basisorganisation der Frauen in Rojava

 

Der Dachverband der kurdischen Frauen in Rojava wurde 2005 gegründet und hieß zunächst Rojavayê Kurdistanê Yekîtiya Star, zu Deutsch »Westkurdischer Verband Star«. Star ist in der kurdischen Mythologie der Name der Göttin Ischtar (Inanna) und bedeutet im heutigen Sprachgebrauch auch Stern. Im Februar 2016 wurde der Verband auf dem 6. Kongress in Kongreya (Kongress) Star umbenannt, entsprechend der Umgestaltung der kurdischen Frauenbewegung insgesamt, die sich seit Februar als 2015 Kongreya Jinên Azad (Kongress Freier Frauen) organisiert. Ihre Aktivistinnen waren bis zur Revolution massiven Repressionen wie Verhaftung und Folter durch das Baath-Regime ausgesetzt.[9]

Alle Frauen, die sich in Rojava in sozialen, politischen oder militärischen Bereichen engagieren, sind stets auch Kongreya Star-Mitglieder. Es ist das Grundverständnis der kurdischen Frauenbewegung, in allen Bereichen eigene Strukturen zu schaffen, damit Frauen sich gedanklich, emotional und seelisch von der Verfügungsgewalt patriarchaler Herrschaft lösen können.

 

Kongreya Star in der Kommune

Hilelî ist ein eher armes Viertel von Qamişlo, innerhalb dessen die Unterstützung für die Rätebewegung sehr groß ist. Somit ist Hilelî auch ein sicherer Stadtteil, in dem sich die Menschen gegenseitig kennen. Şirîn Ibrahim Ömer, eine 45-jährige Frau aus dem Stadtteil Hilelî, berichtet uns über die Frauenarbeit in ihrer Kommune: »Wir sind sechzig aktive Frauen in der Kommune, einmal in der Woche machen wir Bildungsarbeit, wir lesen gemeinsam Bücher und diskutieren darüber. Zweimal im Monat besuchen wir die Frauen im Stadtteil, erklären die Aufgaben der Revolution. Viele sind stark von der Logik des Staates beeinflusst, sie sehen sich nicht als Menschen, die selbst politisch handeln können. Sie haben zahlreiche Kinder und es gibt viele Auseinandersetzungen zu Hause.« Die Frauen der Kommune besuchen jede einzelne Frau zu Hause, dabei ist es vollkommen unbedeutend, ob diese der kurdischen Bewegung nahesteht oder nicht. »Egal, ob es Christinnen oder andere sind, wir gehen sogar zur PDK«, so Adile, eine Vertreterin des Frauenzentrums von Dêrîk. Die Frauen bekommen eine zehntägige Ausbildung zum Thema Kommunen und Räte. »Wir wollen, dass sie selbstständig werden. Wir gehen auch in die Dörfer und sprechen dort mit ihnen. Manche trauen sich nicht zu sprechen, wenn wir sie besuchen, und kommen heimlich zu uns«, so Adile weiter. »Wir sammeln auch ein bisschen Geld ein, das ist eher eine symbolische Hilfe. Wir verteilen auch die Zeitung [Ronahî; Anm. d. Verf.], die einmal die Woche erscheint. Sie ist sehr preiswert, damit alle sie lesen können, in arabischer und kurdischer Sprache. Wenn wir jetzt zusammenkommen, sind unsere Themen nicht Klatsch und Tratsch wie früher, sondern die politischen Entwicklungen und die Frauenorganisierung. Wir kennen alle hier im Stadtteil«, erläutert Şirîn die so genannte Basisarbeit.

Eine allein von der Frauenbewegung publizierte Zeitung ist die Dengê Jiyan. Ihre Themen drehen sich um die Frauengeschichte, aktuelle politische Analysen, wie z.B. zum Thema »demokratische Familie«, auch die Veröffentlichung der Familiengesetzgebung des Rates gehört dazu. Frauen hatten den Gesetzesvorschlag bei der Hohen Verfassungskommission eingereicht; nachdem er beschlossen wurde, ist das Gesetz für alle in Rojava verbindlich. Kinder- oder Zwangsheirat z.B. wurde verboten, ebenso wie berdel[10] oder Polygamie. Die Ethik und die Werte der Bewegung haben großen Einfluss auf die Gesellschaft, die von einem revolutionären Aufbruch bestimmt wird. Menschen, die in der Bewegung aktiv sind, versuchen auch nach diesen Werten zu leben.[11] »Wenn ein Mann seine Frau schlägt, dann kommt er mindestens einen Monat ins Gefängnis. Es gab früher keine individuellen Frauenrechte. Wir haben jetzt auch Frauengerichte. Das Mala Jin (Frauenhaus), die Asayîşa Jin (Frauen-Sicherheitskräfte) und das Gericht helfen sich gegenseitig. An jeder Stelle sind Frauen aktiv, in der Regierung, im Gericht. Es geht hier nichts mehr ohne die Frauen. Das Mala Gel (Volks­haus) kümmert sich um ökonomische Belange, wir um gesellschaftliche. Ob Witwen oder Verlassene – wir kümmern uns um alle. Wir pflegen hier Beziehungen zu allen, sogar zum Feind. Wir setzen uns hier vor allem mit Problemen zwischen Männern und Frauen auseinander. Wir dokumentieren sie, reden mit den Männern. Wenn das Problem hier nicht gelöst werden kann, dann gehen wir vor Gericht – z.B. wenn der Mann keinen Unterhalt zahlt. Außerdem beschäftigen wir uns mit der Verheiratung von kleinen Mädchen. Es gibt einen richtigen Heiratsmarkt in der Türkei. Die Mädchen werden über das Internet verkauft.«[12]

Şirîn erklärt, dass sich mit dem Aufbau von Kongreya Star viel verändert habe. Friedens- und Konsenskomitees lösten familiäre Probleme. Die Frauen-Asayîş könnten von den Frauen im Falle von Gewalt in der Familie zu Hilfe geholt werden. In Hilelî sei es inzwischen gesellschaftlich geächtet, seine Frau zu schlagen, so Şirîn. Das habe quasi ganz aufgehört. »Hier war es üblich, dass in den Wohnungen 24 Stunden täglich der Fernseher läuft, mit vielen türkischen Sendungen in arabischer Sprache, das war ein großes Problem. Als es plötzlich keinen Strom mehr gab, waren die Köpfe auch frei für etwas anderes«, beschreibt Şirîn die Veränderungen in ihrem Stadtteil. »Viele Frauen wurden sehr jung, im Kindesalter, verheiratet, damit es nicht zu außerehelichen Schwangerschaften kommt. Jetzt sehen sie, dass Bildung gut für sie ist, dass sie dann ein besseres Leben haben.«

Politische Bildung ist das Herzstück der gesamten Frauenarbeit. Das Ziel ist es, jede einzelne Frau zu erreichen, in das System der Frauenbefreiung einzubinden. Jede Frau, die an das System angebunden ist, nimmt einmal in der Woche an einer zweistündigen Bildungseinheit teil. »Wenn du dich nicht auskennst, kannst du nicht arbeiten«, so Zelal Ceger, Mitglied von Kongreya Star auf einer Stadtteilversammlung in Dêrîk im Mai 2014. »Frauen müssen sich bilden, um überall mitbestimmen zu können.«

Fast jeden Tag wird über den Aufbau neuer Frauenkommunen in den Medien in Rojava berichtet, nicht nur in kurdischen, auch in arabischen Stadtteilen und Dörfern. Im Mai 2016 sind es schon 622 allein im Kanton Cizîre.[13] Die Kommunen schicken Vertreterinnen in die Frauenratsversammlung (Meclîs).

 

Die Frauenräte – Meclîsên Jin

Die Kommunen konnten nicht überall sofort aufgebaut werden. Zunächst wurde in jeder Stadt ein Rat gebildet, dann in jedem Stadtteil bzw. bildeten mehrere Dörfer einen Dörfergemeinschaftsrat. »Kongreya Star baute Frauenräte nicht nur in allen Städten Rojavas, sondern auch in den syrischen Städten, in denen viele Kurd_innen leben, auf, um die politischen Interessen von Frauen zu vertreten, so z.B. in Damaskus, Aleppo, Raqqa und Hesekê. Sie sind das verbindende und beschlussfassende Gremium aller Frauen.«[14] Es entstanden Friedenskomitees, Gerechtigkeitskommissionen und Friedensmüttervereinigungen. Ziel ist es u.a., die gesamte Gesellschaft politisch zu bilden und Werte zu vermitteln. Rechtsprechung und Gesetze sollen nur eine Übergangsphase darstellen. Sie sollen überflüssig sein, sobald eine ethisch und stark politisierte Gesellschaft entstanden ist. Nûha Mahmud, eine 35-jährige Aktivistin in Qamişlo, erklärt, dass sich zahlreiche Opfer sexueller Gewalt an die Frauenräte wenden. Im Mittleren Osten würden vergewaltigte Frauen oft von ihren Familien verstoßen, manchmal sogar ermordet. Daher hätten Frauen logischerweise oft geschwiegen, nun sehe es jedoch anders aus.[15] »Wenn wir dieses Potenzial der Frauen nicht ausschöpfen können, ist das eine große Schwäche unserer Gesellschaft«, erklärt die Ko-Vorsitzende des Volksrates von Qamişlo, Remziye Muhamed. »Wir führen gerade den Kampf, diese Tatsache in das Bewusstsein der Menschen hier hineinzutragen. Denn, ob frau will oder nicht, das Regime und die arabische Mentalität haben das Denken unserer Männer über die Jahre sehr stark beeinflusst. Wir müssen nun diese alte Mentalität mit aller Kraft überwinden. Wir werden große Anstrengungen unternehmen, damit die Frauen in dieser Stadt ihre Vorreiterrolle spielen können. In den Städten trägt unsere Arbeit bereits Früchte. Viele Familien motivieren bereits ihre Töchter, sich gesellschaftlich zu engagieren.«[16]

 

Zentrum für Frauenbildung und -forschung und Frauenhäuser

(Navenda Perwerde û Zanistiya Jinê und Mala Jin)

Nicht nur in den westkurdischen Städten, sondern auch in den arabischen Städten mit hohem kurdischem Anwohnerinnenanteil bauen die Frauen Bildungseinrichtungen unter dem Namen Navenda Perwerde û Zanistiya Jinê auf. Seit 2011 wurden zwei Frauenakademien sowie 26 Bildungszentren eröffnet. Die Akademien möchten in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Geschichte, Kultur, Philosophie und soziale Entwicklungen schaffen. Durch ein tiefes Geschichtsbewusstsein sollen die Frauen in die Lage versetzt werden, Lösungen für aktuelle Fragen selbst entwickeln zu können. Dies wird als notwendig angesehen, da der Staat die Wahrnehmung jahrzehntelang geformt hat. Jede Akademie wird auch als ein Gesellschaftsforschungszentrum angesehen.

Alle Teilnehmerinnen werden aktiv in die Bildung einbezogen. Je nach Bedarf können Bildungseinheiten von drei Wochen bis zu drei Monaten oder sogar ein Jahr dauern. In allen Akademien finden Seminare zum gesellschaftlichen Sexismus statt, Diskussionen und Reflexionen zu seiner Überwindung werden angeregt. Bei der Guerilla in den Bergen wurde der Begriff Jineolojî entwickelt. Er bedeutet »Frauenwissenschaft«. »Jin« ist Kurdisch und bedeutet »Frau«. »Logie« stammt vom griechischen Begriff für Wissen ab. »Jin« wiederum stammt vom kurdischen Begriff »Jiyan« ab, welcher »Leben« bedeutet. Ziel von Jineolojî und den damit zusammenhängenden Diskussionen ist es, Frauen und der Gesellschaft allgemein im momentan noch von den Herrschenden kontrollierten Bereich des Wissens und der Wissenschaft einen Zugang zu schaffen. Die kurdische Frauenbewegung sieht es als wichtig an, Wissen und Wissenschaft nicht vom sozialen Feld loszulösen, nicht zu elitisieren, nicht zur Grundlage von Macht zu machen, sondern die Verbindungen zur Gesellschaft zu stärken. Wissensmonopole sollen abgeschafft werden. Unter anderem möchte die Jineolojî die Vision eines guten Lebens entwickeln, die Räte wiederum setzen es in der Praxis um – so sind Theorie und Praxis ständig im Austausch. Dorşîn Akîf, Leiterin einer Akademie in Rimelan, berichtet: »Vor drei Jahren haben Frauen die Jineolojî als Frauenwissenschaft entwickelt.« Sie sehen sie als Ergebnis einer Jahrzehnte andauernden Erfahrung an. In der Akademie in Rimelan bekommen die Schülerinnen zunächst einen Überblick über die Jineolojî. »Es ist das Wissen, dass den Frauen gestohlen wurde und das sie nun wiederentdecken. Wir wollen die Nichtexistenz der Frauen in der Geschichte überwinden und verstehen, wie Konzepte innerhalb existierender sozialer Beziehungen produziert und reproduziert werden, dann wollen wir unser eigenes Verständnis entwickeln«, so Dorşin weiter.[17]

In die Frauenzentren (Mala Jin) kommen Frauen, um mit anderen Frauen über ihre familiären und sozialen Probleme zu sprechen und um gemeinsam Lösungen zu finden. In den Zentren werden Computer-, Sprach-, Näh- oder Erste-Hilfe-Kurse, Gesundheitsseminare, Kurse zur Kindergesundheit, Kultur- und Kunst-Workshops organisiert. Die Frauen selbst entscheiden, was sie brauchen. »Damit schaffen wir buchstäblich die Grundlage dafür, dass in Zukunft nur Frauen über Frauenthemen entscheiden und nicht jemand anderes. Es wird ein neues Bewusstsein und Selbstbewusstsein geschaffen«, so Ilham Ahmed. Die Mala Jin sind als Stadtteilzentren der Frauenorganisation zu verstehen. Wenn die Probleme von Frauen nicht direkt in der Kommune gelöst werden können, kommen diese dorthin. »Wir haben hier Kontakt zu allen 2.000 Häusern in diesem Stadtteil«, berichtet Adile in Dêrîk. »Die Frauen kommen zu uns, wenn sie Probleme haben. Nicht nur die kurdischen, auch die arabischen Frauen«, erklärt eine Vertreterin des Navenda Perwerde û Zanistiya Jinê in Serêkaniyê. Wir werden selbst Zeug_innen einer solchen Anfrage. Zwei ältere arabische Frauen sind gekommen und bitten die Frauen des Mala Jin um Hilfe. Nach einer Trennung verlangen sie Entschädigung. »Durch das Kommunesystem kennen wir jede einzelne Familie, wir kennen ihre wirtschaftliche Situation, wir wissen, wer seine Frau und seine Kinder schlägt. Wir gehen direkt dorthin und sprechen mit den Betroffenen, bis es zu einer Lösung kommt«, so die Vertreterin des Frauenhauses von Serêkaniyê. Um eine Lösung zu finden, vereinbart sie mit den beiden Frauen vor Ort einen Termin. Die 55-jährige Faiza Mahmud, eine Aktivistin des Frauenrates in Qamişlo, sagt, dass sie seit der Gründung des Frauenzentrums in Qamişlo vor zwei Jahren schon 150 Frauen beraten und unterstützt hätten.[18]

Die Frauenbildungszentren wollen die patriarchale Wissenschaftslogik durchbrechen und eigene gesellschaftliche Alternativen entwickeln. Frauen sollen ermutigt werden, »die Wirklichkeit zu untersuchen, um mit unserem Wissen und dem neu Gelernten diese Wirklichkeit zu verändern und neu gestalten zu können; um ein schöneres Leben und eine freie Gesellschaft zu erreichen«,[19] heißt es in einem Papier von Cenî, dem kurdischen Frauenbüro für Frieden in Düsseldorf. Immer wieder wird auch die Entwicklung einer eigenen Ästhetik betont. Die Frauen in der kurdischen Bewegung wollen eigene Ausdrucksformen finden, Kunst und Kultur aus einer Frauenpers­pektive neu gestalten. Dies wurde in dem jahrzehntelangen Kampf der Frauenbewegung mit Sicherheit auch erreicht. War das Bild der kurdischen Frauen in den 1980er Jahren das einer unterdrückten, passiven Frau, ist es heute das einer starken Frau, die für ihre Rechte kämpft.

 

 

6.5 Das Hevserok-System (die Doppelspitze) und die 40%-Quote

 

Überall gilt das Prinzip der Doppelspitze. Egal ob in einer Kommunalverwaltung oder in einem Gericht, überall teilen sich zwei Personen die Koordination, eine von ihnen eine Frau. So ist auch eine der beiden Vorsitzenden der Partei der Demokratischen Einheit (PYD) weiblich: Asya Abdullah. Sie äußert sich zur Rolle der Frauen: »Schauen Sie sich die vermeintliche Opposition in Syrien an. Sie werden so gut wie keine Frau unter ihnen finden. Ich frage mich, was für eine Revolution sie durchführen wollen, in der nicht alle Teile der Gesellschaft vertreten sind! Wie können sie von Freiheit und Demokratie sprechen und dabei die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einfach übergehen? Wie kann eine Gesellschaft frei sein, in der die Frauen nicht frei sind? […] Wir sind noch lange nicht an unserem Ziel angekommen. Dessen sind wir uns durchaus bewusst. Wir haben aus den Fehlern vergangener Revolutionen gelernt. Es hieß immer: ›Lass uns die Revolution zum Erfolg bringen, danach werden wir den Frauen schon ihre Rechte geben.‹ Nach der Revolution ist das natürlich nie geschehen. Wir werden allerdings nicht zulassen, dass sich das bei unserer Revolution wiederholt.«[20] Für alle gemischtgeschlechtlichen Gremien gilt eine Geschlechterquote. Es müssen in jedem Bereich, z.B. in den Räten, Verwaltungen, in der Justiz etc., Frauen und Männer jeweils zu mindestens 40% vertreten sein. Welch hohen Anteil Frauen an der Aufbauarbeit in Rojava haben, zeigt ein Artikel der kurdischen Nachrichtenagentur ANF, laut dem in Afrîn 65% der sich in zivilgesellschaftlichen, politischen und militärischen Einrichtungen organisierenden Personen Frauen sind. Dazu zählen Kommunalverwaltungen, Räte und Komitees. In den 44 städtischen Einrichtungen arbeiten zu 55% Frauen, in der Landwirtschaft sind es 56% und in den Einrichtungen zur Förderung der kurdischen Sprache sowie der Lehrer_innenvereinigung beträgt der Frauenanteil 70%.[21] Im Bildungsbereich ist ebenfalls ein großer Anteil Frauen unter den Lehrer_innen, in Kobanî liegt er z.B. bei 80%,[22] in Tirbespî sogar bei 90%.[23] Frauen gründen eigene Radio­stationen – so z.B. in Kobanî, in der zehn jugendliche Frauen eine solche Station betreiben –, die sich mit den Problemen und Schwierigkeiten von Frauen beschäftigen.[24]

 

 

6.6 Beispiele für Frauenorganisationen

 

Im Folgenden werden verschiedene Frauenorganisationen vorgestellt, die exemplarisch dafür stehen, wie Frauen in der Region darum kämpfen, ihre Rechte und Interessen durchzusetzen und sich ihr eigenes, freiheitliches Leben aufbauen zu können.

 

Die Jungen Revolutionären Frauen (Jinên Ciwanên Şoreşger)

Doz Kobanî, eine Vertreterin der Jugendföderation, bewertet die Aufgabe der Jungen Revolutionären Frauen folgendermaßen: »Den wichtigsten Teil unserer Arbeit macht die Frauenarbeit aus. Denn unser Vorsitzender [Abdullah Öcalan] sagte nicht zu Unrecht, dass sich ohne die Freiheit der Frau auch die Gesellschaft nicht befreien kann«, so Doz Kobanî, eine Vertreterin der Jugendföderation. »Deswegen richten wir uns vor allem an junge Frauen und bieten auf sie ausgerichtete Bildungsarbeit an. Zudem setzen wir uns mit der Zivilisationsgeschichte auseinander und behandeln tiefgehend die 5000-jährige Geschichte des Patriarchats. Wir klären also die jungen Menschen darüber auf, welche Stellung der Frau in der Gesellschaft vor dem Beginn des Patriarchats zukam und was in der Zeit danach der Mann aus ihr gemacht hat. Diese Diskussionen sind für uns sehr wichtig.«

Während unseres Aufenthaltes in Rojava hatte ich die Möglichkeit, an der 3. Konferenz der Jungen Frauen des Kantons Cizîre am 16. Mai 2014 in Rimelan teilzunehmen. Etwa 230 junge Frauen aus allen Teilen des Kantons waren zusammengekommen, um die Arbeit eines Jahres zu bewerten und sich neue Ziele für das nächste Jahr zu setzen. Auf der Konferenz wird die Rolle der Frauen im Mittleren Osten im Allgemeinen analysiert und sowohl die kapitalistische Moderne mit ihrer Vermarktung des Frauenkörpers als auch das islamistische Rollenbild für Frauen abgelehnt: »Als kurdische Frauen im Mittleren Osten wehren wir uns gegen diese Vorstellungen. Wenn wir heute eine demokratische, gleichwertige Gesellschaft aufbauen wollen, müssen wir die Frauenfrage zuerst lösen. Das System der Unterdrückung der Frau, das sich mit der kapitalistischen Moderne verbunden hat, ist die Basis aller Unterdrückung«, so Hanife Hisên in ihrer Eröffnungsrede.

»Wir haben mit der Jugend begonnen und mit der Jugend werden wir zum Erfolg kommen« – dies ist einer der Leitsätze dieser Veranstaltung. Alle Frauen sprechen mit großer Entschlossenheit und viel Selbstbewusstsein. Sie bewerten, welche Hindernisse ihnen bei der Organisierungsarbeit im Wege stehen, dass sich z.B. immer noch Familien gegen die politische Arbeit junger Frauen stellten. Daher wird gefordert, noch mehr in den Familien selbst zu arbeiten. Bildungsarbeit wird sehr positiv bewertet. Einige berichten, dass es immer noch zu Zwangsverheiratungen von Frauen im jungen Alter komme. Insgesamt wird sehr offen und vor allem sehr engagiert diskutiert. Als Ergebnis der Konferenz wählen die jungen Frauen eine 15-köpfige Koordination. Sie beschließen, den ideologischen und politischen Kampf gegen Rückständigkeit und Unterdrückung durch Organisierung und Bildung zu verstärken.

 

Syrische Fraueninitiative

Der Kongreya Star hat unter großem Einsatz eine Grundlage für eine Zusammenarbeit mit Frauen verschiedener in Westkurdistan lebender Volksgruppen gelegt. Im März 2013 fand die Gründungskonferenz der Syrischen Fraueninitiative statt. Daran sind neben kurdischen auch arabische, ezidische und Suryoye-Frauen beteiligt. Die Initiative ist kein Teil des Rätesystems. Gemeinsam arbeiten kurdische, arabische und Suryoye-Frauen an einer neuen demokratischen Verfassung für Syrien, die die Rechte aller Frauen und Bevölkerungsgruppen in Syrien garantieren soll.[25] Die Vereinigung hat viele Gesetze erarbeitet und führt zahlreiche Veranstaltungen zum Thema Frauenbefreiung durch.

Zîhan Dawud, Vorsitzende der Syrischen Frauenvereinigung, erläutert uns bei einem Treffen im Frauenzentrum in Dêrîk nähere Hintergründe über ihre Arbeit: »Als die Revolution begann, wollten wir nicht dieselben negativen Erfahrungen wie im Arabischen Frühling machen. Wir wollen, dass die Rechte der Frauen auch auf der gesetzlichen Ebene geändert werden. Individuelle Frauenrechte gab es bisher nicht, das wollen wir ändern, nicht nur in Rojava, sondern in ganz Syrien. Wir arbeiten seit einem Jahr und haben uns auch an der Konferenz der Frauen des Mittleren Ostens in Amed beteiligt. Hier sind es die Frauen, die am meisten arbeiten und sich organisieren. Das Assad-Regime hat keine freien Menschen hervorgebracht, sondern den Menschen alles abgenommen. Das Frauenbild war: Du sollst schön sein, aber selbst keine Entscheidungen treffen. Besonders schwierig ist es, die arabischen Frauen hier in Rojava zu erreichen, sie kennen ihre Rechte nicht; um an einem Treffen teilzunehmen, brauchen sie die Erlaubnis ihres Ehemannes. Aber sehr langsam schaffen wir es, Kontakt zu ihnen aufzubauen. Inzwischen haben wir sehr viele arabische Frauen in unserer Organisation.«

 

Suryoye Frauenunion (Huyodo da Nesge Suryoye b’Suriya)

Später begleitet Zîhan Dawud uns noch zu der Suryoye Frauenunion. Dort können wir mit zwei jungen Frauen sprechen. Eine von ihnen berichtet: »Wir beginnen, die Suryoye-Frauen zu organisieren. Seitdem hat sich ihre gesellschaftliche Stellung verbessert. Wir haben uns in der Huyodo da Neshe Suryoye b’Suriya (Syriac Women Union in Syria) organisiert. Es waren einzelne Suryoye-Frauen, inspiriert von Yekîtiya Star. Immer mehr haben sich angeschlossen, vor allem in Qamişlo.« Eine der beiden jungen Frauen erzählt uns, dass sich Suryoyas immer als fortschrittlich gegenüber den kurdischen Frauen gesehen hätten, nun aber sei ihnen bewusst, dass diese durch ihre Organisationen und den Diskurs der Frauenbewegung viel freier seien als sie selbst.

Früher habe man schon an der Kleidung sehen können, wer kurdisch und wer christlich sei, auch das habe sich nun geändert. Suryoye-Frauen würden nun durch das Beispiel der kurdischen Frauen zu ganz neuen Rollen inspiriert, z.B. bei den Sicherheitskräften. Gewalt in der Familie gebe es in der Suryoye-Gesellschaft genauso wie in der kurdischen, würde jedoch viel mehr tabuisiert. Bei den Suryoye gebe es einige Frauen, die als Ärztinnen oder Anwältinnen arbeiteten und ein ökonomisch unabhängiges Leben führten, berichten uns die Frauen. Das könne auch als Rollenvorbild für kurdische Frauen gelten, so Zîhan Dawut. Die Revolution habe dazu geführt, dass Frauen sich austauschen, voneinander lernen und sich gegenseitig ergänzen, so das Fazit der assyrischen Frauen. Da besonders viele Suryoye in Hesekê leben, sei im Oktober 2013 zuerst hier ein Zentrum der Suryoye-Frauen eröffnet worden. »Unsere Gemeinschaft ist leider sehr zersplittert, es gibt viele Parteien und Organisationen, die in Konkurrenz zueinanderstehen«, erklärt eine der beiden Frauen.

 

Presseverband der Frauen: RAJIN Rojava

»Die patriarchale Hegemonie überwinden«

Frauen sollen sichtbar gemacht werden und ihre eigene Geschichte schreiben. Dieses Prinzip wird in der Frauenbewegung Rojavas sehr ernst genommen. Frauen sind sowieso in allen Medienbereichen wie Radio, Fernsehen oder Nachrichtenagenturen überdurchschnittlich vertreten.

Es ist ihnen jedoch wichtig, auch in einem Journalistinnenverband organisiert zu sein. Im Mai 2014 wurde die erste Konferenz der kurdischen Journalistinnen von Rojava in Qamişlo abgehalten und der Presseverband der Frauen aus Kurdistan Rojava (RAJIN Rojava) unter dem Motto »Die freie Frau für die demokratische Nation im Gedenken an Gurbetelli Ersöz«[26] gegründet.

An der Konferenz nahmen 70 Delegierte teil, u.a. die Yekîtiya-Star-Koordinationsmitglieder Ilham Ahmed, Zelal Ceger, Medya Mihemed sowie die Pressestelle der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ). Die Konferenz erklärte den 7. Oktober, den Todestag von Gurbetelli Ersöz, zum Tag der Journalistinnen von Kurdistan.

»Wir kämpfen, um unsere historische freie Identität, die uns genommen wurde, zurückzuerlangen«, sagte Medya Mihemed in der Eröffnungsrede. »Mit der Entscheidung, in den Reihen der PKK für Freiheit zu kämpfen, haben sich die kurdischen Frauen für das freie Leben entschieden. Wir haben entscheidende Schritte in Richtung einer freien Gesellschaft gemacht. Wenn wir jetzt von der Presse sprechen, verbinden wir sie mit einer patriarchalen Mentalität. Weil die männliche Hegemonie in allen Bereichen der Medien dominiert. Nur mit dem jetzt geführten Kampf bricht dies langsam auf. […] Der Kampf, den die Frauen in der Presse geführt haben, wird die Basis der freien Presse bilden.« Auf der Konferenz wurde entschieden, dass RAJIN-Mitglieder an einer politischen und organisatorischen Ausbildung teilnehmen, alle männlichen Mitglieder des Presseverbandes (Azad-YRA) sollen über die Themen Geschlechterbewusstsein und Alltagssprache aufgeklärt, Frauen in die technischen und professionellen Möglichkeiten der Medien eingearbeitet werden und auch dass eine Frauenradiostation von Rojava auf Sendung gehen sowie eine Frauenmedienakademie eröffnet werden soll.

 

 

6.7 Die Geschlechterfrage ist vor allem auch eine Männerfrage

 

»Wenn eine Frau sich in die Revolution einbringen will, sieht sie sich mit vielen Hindernissen konfrontiert,« so Ilham Ahmed. Die Familie bereitet ihr große Schwierigkeiten, insbesondere die Männer. »Wenn ein Mann von der Arbeit nach Hause kommt, soll alles für ihn bereitstehen, die Frau soll für ihn da sein, sie ist die Garantie für seine Bequemlichkeit, daher soll sie das Haus nicht verlassen.«

Ehefrauen werden wie ein Besitz angesehen. Die gesellschaftlichen Regeln und Konventionen unterstützen den Mann in dieser Haltung, seine Ehefrau auszubeuten. Vielfach haben Männer ihre Frauen vor die Wahl gestellt: »Entweder die politische Arbeit oder ich.« Viele Frauen, die sich engagierten, hatten dieses Problem. Zudem schlagen viele Männer ihre Frauen. »Es gibt viele Frauen, die sich für ihre politische Arbeit und gegen ihre Männer entscheiden. Wenn sie einmal das Haus verlassen haben und sich engagieren, lernen sie die Freiheit kennen und wollen nicht mehr darauf verzichten. Viele Frauen stehen an diesem Punkt«, so Ilham Ahmed. Durch die neu gewonnene Unabhängigkeit lassen sich viele Frauen scheiden, befreien sich aus nicht gewollten Ehen. So berichtete eine Delegationsteilnehmerin im Frühjahr 2015, von den 58 weiblichen Asayîş in Dêrîk hätten sich 30 scheiden lassen. »Dazu kommt, dass die Frauen in ihrem Kampf auch ein Umdenken bei den Männern erreicht haben. Diese sind gezwungen, Realitäten zu akzeptieren, Tatsachen anzuerkennen. Sie begreifen, dass die Frauen für ihre Arbeit in der Gesellschaft viel Anerkennung bekommen, sie erkennen, dass sie ihre Frauen unterstützen sollten, anstatt sie zu unterdrücken. Die Veränderungen haben auch die Männer erreicht«, fährt Ilham Ahmed fort.

In langen Jahren des Kampfes haben Frauen in Kurdistan an Selbstbewusstsein gewonnen. Das ist der Grund, warum sich in allen Teilen Kurdistans Frauen aller Altersgruppen in großer Zahl an den unterschiedlichsten Bereichen des Kampfes beteiligen: Sie betätigen sich als Friedens- oder Samstagsmütter[27] im türkischen Teil der Region, kämpfen als Guerillas in den Bergen, als YPS-Kämpferinnen in den Städten von Nordkurdistan oder YPJ-Kämpferinnen in Rojava. Sie verweigern sich der traditionellen patriarchalen Frauenrolle, in der sie die Ehre der Familie darstellen. Es fällt ihnen daher nicht schwer, ihre alte Rolle abzustreifen und in die Rolle der Freiheitskämpferin zu schlüpfen, denn sie haben am meisten zu gewinnen und wenig zu verlieren. Auch junge Männer erleben neue Rollen; in den militärischen Einheiten müssen sie dieselben Aufgaben übernehmen wie Frauen, sie müssen lernen zu kochen, Brot zu backen und Wäsche zu waschen. Zunächst ist es eine Revolution, dass Frauen innerhalb so kurzer Zeit zu Tausenden in kämpfenden Einheiten, in Stadt- und Dorfräten tätig sind. Aber es handelt sich um einen langwierigen Prozess, den Sexismus in der Gesellschaft vollständig zu bekämpfen. Osman Kobanî, Mitglied des Volksgerichts von Kobanî, betont bei der Lösung der Gleichberechtigungsproblematik zudem die Rolle der Justiz: »Eines der wichtigsten Probleme in unserer Stadt ist die Geschlechterfrage. Es gibt Männer, die mehrere Frauen haben. Oft wertschätzen diese Männer dann auch mehr diejenigen Frauen, die Söhne und keine Töchter gebären. Das ist eine tragische Situation, denn die Frau wird wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt. Wir als Volksgerichte tragen auch eine Verantwortung, dieses Verständnis zu durchbrechen. Die meisten Fälle, die an uns herangetragen werden und an denen auch Frauen beteiligt sind, sind Scheidungsklagen. Wir versuchen, für diese Fälle gerechte Lösungen zu finden.«[28] Die revolutionären Umwälzungen und die rasante Veränderung der Frauenrolle ist für manche Männer fast so etwas wie ein Schock. Nicht selten hören wir Sätze wie »Die Frauen haben hier alles übernommen«. Gleichzeitig findet auch viel Bildungsarbeit in den gemischten Strukturen statt, damit die Männer sich mit der Geschlechterfrage auseinandersetzen. Doz Kobanî erklärt, dass auch in Kurdistan die Gewalt des Staates oft von den Männern, die diese erleiden mussten, in die Familien getragen worden ist: »Vor allem die Frauen hier in Kobanî haben stets viel Leid erfahren. Das Baath-Regime hat vor allem die Männer unterdrückt. Diese haben das anscheinend von ihm übernommen und dann wieder unsere Frauen unterdrückt. Darum haben wir unsere Bildungsarbeit auch auf die Männer hier zugeschnitten. Mit der Revolution hat sich im Verhalten der Männer vieles verändert. Die Männer haben wieder angefangen, ihre Identität zu schützen. Und was genauso wichtig ist, sie haben angefangen, ihre Frauen wieder zu respektieren. Vor allem diese Tatsache erfüllt uns mit Stolz. Wir werden als Jugendkonföderation genau an diesem Punkt weiterarbeiten und unsere politische Bildungsarbeit fortsetzen.«[29]

 

 

6.8 Radikaler Islamismus versus Frauenbefreiung

 

Der aktuelle Angriff radikalislamischer Kräfte auf Rojava und Südkurdistan ist auch ein extremer Angriff auf die Sicherheit und das Leben von Frauen – ein Feminizid. Etwa 7.000 Frauen und Mädchen wurden vom IS im August 2014 beim Angriff auf ezidische und christliche Dörfer und Städte verschleppt. Sie wurden vielfach vergewaltigt, auf Sklav_innenmärkten wie ein Stück Ware verkauft, Jihadisten als Kriegsbeute überlassen oder zwangsverheiratet. Auch Kinder werden als Sexsklav_innen verkauft. Verschleppte Frauen riefen ihre Familien an und forderten die Armeen auf, die Orte zu bombardieren, an denen sie gefangen gehalten wurden, weil sie den Tod den wiederholten Vergewaltigungen vorzogen. Für die Mitglieder des IS ist es halal,[30] Frauen und sogar Kinder, die nicht ihrer Ideologie anhängen, zu vergewaltigen. Dies sei in von Jihadisten eingenommenen Städten über Moscheelautsprecher verkündet worden, berichtete Axîn Amed,[31] eine Vertreterin des Menschenrechtsvereins. Vergewaltigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist ein bewusst eingesetztes Mittel der Kriegsführung, das zur absoluten, langfristigen Missachtung und Folter ihrer körperlichen und persönlichen Integrität dient. Die Vergewaltigung soll demonstrieren, dass männliche Familienmitglieder ihrem patriarchalen Schutzauftrag nicht nachkommen; hierbei wird die »Ehre« (namûs) der betreffenden Familien zerstört, eine vergewaltigte Frau gilt in den meisten Gesellschaften des Mittleren Ostens als Schande. So ist die Androhung von Vergewaltigung ein zielgerichtetes Mittel der Kriegsführung zum Zweck der Rache und Vertreibung. Asya Abdullah beschreibt das furchtbare Vorgehen des IS gegen die Frauen: »In der Region Hesekê wurde [im Sommer 2013] eine große Anzahl armenischer Frauen [vom IS] entführt, vergewaltigt und ermordet. In dieser Region haben Kurd_innen, Araber_innen, Christ_innen, Drus_innen, Sunnit_innen und Alawit_innen friedlich miteinander gelebt. Diese [radikalislamischen] Gruppen greifen zugleich auch dieses friedliche Zusammenleben an. Heute fallen sie über die Kurd_innen her, doch ihr Ziel ist es, das Zusammenleben der Menschen zu zerstören. Die kurdischen Frauen haben sie besonders im Visier. Das liegt daran, dass die sich auch aktiv an den Kämpfen beteiligen. Diese Frauen verteidigen nicht nur sich selbst, sondern eigentlich alle Frauen Syriens.«[32] 2010 begann die kurdische Frauenbewegung mit einer Kampagne, das kapitalistische Patriarchat als »Vergewaltigungskultur«[33] zu bezeichnen. »Wir sind gezwungen, an zwei Fronten zu kämpfen – gegen männliche Dominanz und das politische System«, so eine Aktivistin.[34]

Der IS ist wohl eine der extremsten Formen dieser auf die Spitze getriebenen Ausbeutungskultur des kapitalistischen Patriarchats. Wie auch Dilar Dirik schreibt: »Viele der Methoden und Mechanismen des IS sind Kopien der dominanten nationalstaatsorientierten, kapitalistischen, patriarchalen Weltordnung, die im Jahr 2014 überall auf der Welt herrscht. In vielerlei Hinsicht ist der IS eine extremere Version der Gewalt an Frauen überall auf der Welt, der Welt, die als fortschrittlich betrachtet wird. Der IS bedient sich derselben Mechanismen der Rückständigkeit des globalen Patriarchats und seiner kapitalistischen Ausdrücke.«[35] Viele politisch aktive Frauen in Rojava taten uns gegenüber den Wunsch kund, dass Frauen sich überall organisieren, gegen die von den Islamisten ausgehenden Gräuel wehren und sie für eine neue Frauenrolle kämpfen sollen.

 

 

6.9 Ausblick

 

Natürlich gibt es auch Frauen, die sich nicht an den Frauenorganisationen beteiligen. Zahlreiche Akademikerinnen aus der oberen Mittelschicht haben Rojava verlassen. Viele Studentinnen waren zunächst begeistert engagiert, zogen sich dann aber zurück, da sie ihre individuellen Träume nicht umsetzen können und aufgrund der Kriegssituation auf vieles verzichten müssen. Insbesondere Frauen und auch Männer, die zuzeiten des Regimes privilegiert waren, sehnen sich nach dieser Zeit zurück. Das Selbstverwaltungssystem bedeutet viel Arbeit, für die es keine Bezahlung gibt. Nach 60 Jahren Diktatur und Baathismus erwarten viele, dass nach einiger Zeit wieder ein Staat entsteht und sie sich wieder ins Privatleben zurückziehen können. Die Demokratische Autonomie erfordert viel Engagement. Natürlich wurde die Mentalität von Frauen, sich in ihr Schicksal zu fügen, nicht komplett überwunden, aber es sind viele Schritte entwickelt worden, vor allem, so Ilham Ahmed, seien von Frauen erhebliche Opfer für das Erreichte erbracht worden, darum seien sie nicht bereit zurückzuweichen.

Frauen sind vielerorts noch immer ökonomisch abhängig von ihren Ehepartnern und Familien. Viele Fragen sind noch ungeklärt; wie soll z.B. eine freie Familie aussehen, eine freie Beziehung? Unter den aktuellen Kriegsbedingungen harren eine Menge Fragen noch einer Lösung. Zahlreiche bedeutende Schritte wurden jedoch schon gemacht. Das wichtigste Moment der Befreiung für Frauen ist die Organisierung. Wenn Frauen starke Organisationen schaffen, in denen sie klären, wie sie sich ein anderes Leben vorstellen, und wenn sie die Kraft der Organisation nutzen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen, verfügen sie über einen Hebel, um sich dagegen zu wehren, dass sie in zukünftigen Strukturen wieder zurückgedrängt werden. Entscheidend ist auch, dass die Frauenorganisierung in Rojava als strategisch angesehen wird. Das Patriarchat wird als ein System der Rechtfertigung von Ausbeutung der Natur und der Gesellschaft verstanden, das nur durch eine Gesellschaft überwunden werden kann, die auf nicht-patriarchalen Prinzipien wie Kommunalität, ökologischer Ökonomie und Basisdemokratie beruht.

Seitdem die Revolution in Rojava stattfindet, ist Abdullah Öcalans Paradigma einer frauenbefreiten Gesellschaft jenseits von Staat, Macht und Gewalt für die kurdische Community greifbarer geworden. Eine Aktivistin des Frauenrates in Köln erklärte beispielsweise: »Seit 30 Jahren bin ich in der PKK-Bewegung organisiert, ich habe die Bücher von Öcalan alle gelesen, aber in meinem Inneren habe ich immer gedacht, ›wir sollten für einen kurdischen Staat kämpfen‹. Erst mit der Revolution in Rojava, mit dem Aufbau der Frauenkommunen mit Araber_innen und Suryoye habe ich ihn wirklich verstanden, was es bedeutet, eine frauenzentrierte, multiethnische Gesellschaft ohne Staat aufzubauen.« Die Revolution in Rojava mit der Avantgarde ihrer Frauenaktivistinnen kann Auslöser für ein neues Frauenbild im gesamten Mittleren Osten werden. Schon beginnen auch ezidische Frauen in Şengal oder Araberinnen sich nach diesem Vorbild zu organisieren. Auch in Europa hat diese Entwicklung viel Begeisterung ausgelöst. In Anlehnung an das Akademie-System in Rojava beginnen auch Feministinnen in Deutschland diese Bildungs- und Organisierungsarbeit für sich zu entdecken.[36] Die kurdische Frauenbewegung in Rojava ist ideologisch mit dem KJA (Komalên Jinên Azad), dem Dachverband kurdischer Frauenorganisationen, verbunden, d.h. sie setzt sich für die Ziele der KJA-Vereinbarung ein.[37] Erklärtes Ziel des KJA ist es unter anderem »von Kurdistan beginnend die Revolution der Frauenbefreiung im Mittleren Osten zu verwirklichen und eine Weltfrauenrevolution anzustreben«. Die kurdische Frauenbewegung hat sich noch nie kleine Ziele gesetzt. Als sie 1993 beschloss, eine Frauenarmee aufzubauen, haben nur wenige Frauen wirklich daran geglaubt. Heute sind sie die erfolgreichste Frauenbewegung im Mittleren Osten, vielleicht sogar weltweit.

 

 

 

[1] Zübeyde Sarı. In: Özgür Gündem, »Women of Rojava«, 8.9.2013.

 

[2] Die Welt, 18.10.2014.

 

[3] Care Deutschland-Luxemburg E.V.: Arabischer Frühling oder arabischer Herbst für Frauen? CARE-Bericht zur Rolle von Frauen nach den Aufständen im Mittleren Osten und Nordafrika, presseportal.de/pm/6745/2554259/arabischer-fruehling-oder-arabischer-herbst-fuer-frauen-care-bericht-zur-rolle-von-frauen.

 

[4] Mernissi, Fatima: Geschlecht, Ideologie, Islam, München 1987.

 

[5] Unveröffentlichtes Interview mit Evîn, die sich 1995 als Sechzehnjährige der Bewegung anschloss. Es wurde von einer deutschen Internationalistin im Sommer 2013 in Südkurdistan geführt.

 

[6] Cenî Fokus Nr. 1, »Der Hohe Frauenrat Koma Jinên Bilind«, Düsseldorf 2011.

 

[7] Interview mit Ilham Ahmed am 26.5.2014.

 

[8] www.bestanews.com/13447/kobani-canton-declares-women8217s-laws&dil =en.

 

[9] Gespräch mit Hanife Hisên, 16.5.2014.

 

[10] Berdel ist ein traditioneller Heiratsbrauch, bei dem eine Frau einer anderen Familie übergeben wird, entweder im Tausch gegen eine andere Frau oder zur Beilegung einer Familienfehde. Begünstigt wird die Tradition durch die patriarchale Familienstruktur und die feudalen Besitz- und Aşîretstrukturen.

 

[11] Malbata Demokratik û hevratiya azad. In: Xweseriyademokratik a jin [Die demokratische Familie und das freie Zusammenleben. In: Demokratische Autonomie der Frauen], Dengê Jiyan 2013.

 

[12] www.azadiyawelat.info/?p=31446

 

[13] http://en.hawarnews.com/yekitiya-star-establishes-all-women-commune-in-til-temir/; http://en.hawarnews.com/women-establish-commune-center-in-efrin/

 

[14] Rosa Zîlan in Cenî-Informationsdossier zu Rojava, 13.9.2013.

 

[15] Karlos Zurutuza: »For Kurdish Women, It’s a Double Revolution«, IPS, Qamişlo, 5.11.2013.

 

[16] Die Revolution in Westkurdistan – Teil 8, civaka-azad.org/die-revolution-in-westkurdistan-teil-8.

 

[17] Janet Biehl: »Two Academies in Rojava«, in: Ecology or Catastrophe, 2015; www.biehlonbookchin.com/revolutionary-education/.

 

[18] Ebd.

 

[19] www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/erklaerungen/2012/02/08.htm.

 

[20] Öğünç Pınar: Ohne die Freiheit der Frau keine Demokratie, Radikal 22.8.2013, nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2013/34/16.htm.

 

[21] ANF, 24.9.2013.

 

[22] Hawarnews, 3.10.2013.

 

[23] Hawarnews, 26.10.2013.

 

[24] Hawarnews, 21.9.2013.

 

[25] Cenî-Informationsdossier zu Rojava, 13.9.2013.

 

[26] Gurbetelli Ersöz war Chefredakteurin der kurdischen Zeitung »Özgür Gündem« in der Türkei und wurde am 10. Dezember 1993 festgenommen. Die Zeitung wurde verboten. Nach sechs Monaten wurde Gurbetelli entlassen, das Verfahren gegen sie lief weiter. Als Journalistin konnte sie aufgrund der täglichen Repressalien nicht mehr arbeiten. 1995 schloss sie sich der PKK-Guerilla an. Am 7. Oktober 1997 verlor sie ihr Leben in einem Hinterhalt der PDK.

 

[27] Die Samstagsmütter fordern eine Aufklärung des »Verschwindens« von 18.000 Menschen. Die meisten wurden in den 1990er Jahren durch »unbekannte Täter«, durch den Staat ermordet.

 

[28] Revolution in Westkurdistan – Teil 5, civaka-azad.org/die-revolution-in-westkurdistan-teil-5.

 

[29] Revolution in Westkurdistan – Teil 7, civaka-azad.org/die-revolution-in-westkurdistan-teil-7.

 

[30] Halal (arabisch) im Sinne von »erlaubt« oder »zulässig« nach islamischem Recht.

 

[31] Gespräch, 11.10.2013, Komela Mafên Mirovan (Menschenrechtsverein) mit Michael Knapp.

 

[32] Pınar Öğünç.

 

[33] Konzept der feministischen Bewegung seit den 1970ern, versteht sexuelle Übergriffe/Gewalt nicht nur als individuelle Verbrechen, sondern auch als Resultat diverser gesellschaftlicher Faktoren. Die kurdische Frauenbewegung erklärt auch Landraub, das Aufstellen von Armeen, die Ausbeutung von Boden und Menschen als Vergewaltigungskultur; vgl. Anja Flach: Kurdistan Report 173, Mai/Juni 2014.

 

[34] http://efendisizler.blogsport.de/2010/07/06/kurdische-frauen-kaempfen-gegen-die-vergewaltigungskultur/.

 

[35] Kurdistan Report 176, Nov./Dez. 2014.

 

[36] Anja Flach: »Ansätze für eine feministische Neuorganisierung in der BRD, feministische Akademien«, www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2015/182/352-feministische-akademien.

 

[37] www.kongreyajinenazad.org/kja-agreement-free-women-congress-convention /?lang=en.

 

Mein Name ist Barin Kobani

Mein Name ist Barîn Kobanî, diesen Namen habe ich mir gegeben, als ich zur Freiheitskämpferin wurde. Zuhause war mein Name Amina Omar. 2012 mußte meine Familie nach Afrin fliehen. Islamisten haben unser Dorf bei Aleppo eingenommen, meinen Vater entführt. Als die Islamisten 2014 die Eziden im Sinjar angegriffen und 4000 Frauen entführt und versklavt haben, habe ich mich den YPJ angeschlossen, da war ich 22 Jahre alt. Ich konnte nicht länger zusehen, wie all diese Grausamkeiten passieren. Meine Familie ist nach Europa geflohen, sie leben in Sicherheit in Frankfurt, aber ich wollte meine Heimat nicht kampflos den patriarchalen Mördern überlassen. Auch einer meiner Brüder ist hier mit mir an der Front. Ich habe fleißig gelernt, schnell habe ich eine Einheit von 25 Frauen geleitet. In Kobani habe ich gegen den Islamischen Staat gekämpft, hunderte junge Menschen haben dort ihr Leben gelassen. Kobani war fast verloren, als endlich die internationale Koalition und mit Luftschlägen unterstützt hat und wir unser Land befreien konnten, aber alles war zerstört, kein Stein auf dem anderen.
Am 30. Januar haben die Islamisten mit der türkischen Armee das Dorf Qurde bei Bilbil angegriffen, wir haben uns verteidigt, so gut es ging, aber die Islamisten kamen immer näher, haben unsere Stellung eingenommen. Da habe ich mich mit meiner letzten Kugel selbst erschossen. Ich wollte ihnen nicht lebendig in die Hände fallen, denn eine Fatwa erlaubt ihnen uns als Freiwild zu sehen, uns zu vergewaltigen, uns zu benutzen wie Dinge.
Als sie die Stellung einnahmen, war ich schon tot. Da wurden sie so wütend, dass sie mich entkleidet haben, sie haben meine Brüste abgeschnitten, meine nackte zerstümmelte Leiche gefilmt und den Film ins Internet gestellt. Blutüberströmt stehen die bärtigen Männer um mich herum, rufen „Allahu Akbar“, erheben den Zeigefinger als Mahnung an die „Ungläubigen“. sie posieren mit meinem toten Körper wie mit einer Trophäe. Sie legen Olivenzweige neben meine verstümmelte Leiche. Denn höhnisch nennen sie ihren Eroberungsfeldzug „Olivenzweig“
Ich klage die deutsche Regierung an, ihr habt mich mit ermordet und verstümmelt, wieso arbeitet ihr mit Erdogans AKP zusammen, die solche Verbrechen möglich macht?

Bild könnte enthalten: 1 Person, steht, Himmel und im Freien

Kampf um Befreiung Kurdische Frauen feiern den 8. März und setzen sich gegen türkischen Angriff auf Afrin zur Wehr

Kurdische Frauen feiern den 8. März und setzen sich gegen türkischen Angriff auf Afrin zur Wehr
Von Anja Flach

Für die eigene Zukunft streiten: Eine Kämpferin der Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Syrien (2016)
Foto: Kurdishstruggle via flickr.com

Auch in kurdischen Gebieten in Syrien wird am heutigen 8. März der internationale Frauentag begangen. In der Erklärung der »Kurdischen Frauenbewegung in Europa« (TJKE) heißt es dazu: »Der türkische Staatsfaschismus, der jahrelang den sogenannten islamischen Staat aufgebaut hat, tut dies vor allem aus Angst. Die Angst vor dem freien Menschen, der freien Frau und der freien Gesellschaft«. Vor allem wird der Aufbruch der kurdischen Frauen gefürchtet, die das patriarchale System nicht nur im Nahen Osten in Frage stellen. Insbesondere die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) haben weit über die Region hinaus das Bild einer basisdemokratischen Veränderung geprägt, die nicht selten als Revolution bezeichnet wird.

Die YPJ wurden offiziell im März 2013 in Afrin gegründet, in dem Gebiet, das seit Wochen im Kreuzfeuer der türkischen Armee steht. Als Ziel haben sie sich die Befreiung und Verteidigung vor allem der Frauen in Rojava und anderen Teilen Syriens gesetzt. Dabei geht es nicht nur um die physische Befreiung, sondern auch die vom Patriarchat. Einer ihrer Grundsätze ist: Nur eine Frau, die organisiert ist, kann sich schützen und verteidigen.

Die YPJ waren an allen großen Kämpfen beteiligt: von Sengal über Kobani bis Rakka. Wenn ein Gebiet von den YPJ befreit wurde, begann die Aufbauarbeit. Beispielsweise in Minbidsch, von wo im August 2016 der »Islamische Staat« vertrieben wurde. Sofort begann die politische Bildung, aber auch die Ausbildung an Waffen. An der Sehid-Rojhat-Akademie der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) wurden auch arabische Frauen in die Ausbildungseinheit integriert.

»Sehen die Frauen in den befreiten Gebieten die Kämpferinnen, kommt automatisch der Gedanke: Auch ich möchte eine starke freie Frau sein«, so Nesrin Abdullah, eine der Sprecherinnen der YPJ. Besonders in den arabischen Gebieten, die inzwischen große Teile der demokratischen Föderation Nordsyrien ausmachen, war es bisher keineswegs üblich, dass Frauen kämpften. Während sich in der kurdischen Bewegung schon in den 1980er Jahren Frauen an der Guerilla beteiligten.

»Ich bin davon überzeugt, wenn nur 100 Frauen in Sengal organisiert gewesen wären, wäre es im August 2014 nicht in die Hände des IS gefallen«, erklärt Abdullah. Die Frauen in Sengal bauten die Fraueneinheiten von Ezidikhan (YJE) auf. Das Beispiel der YPJ macht überall Schule. Auch in anderen Gebieten wurden Frauen an der Waffe ausgebildet und Verteidigungseinheiten von ihnen gebildet.

Afrin ist seit dem 20. Januar das Zentrum der Kämpfe der YPJ. Seit 48 Tagen leisten die YPJ und die Volksverteidigungseinheiten (YPG) Widerstand gegen die zweitgrößte NATO-Armee, die mit modernster Technik ausgestattet ist. Doch die Opfer sind hoch. Mehr als 200 Zivilisten, darunter viele Kinder, und wohl mehr als 100 Kämpfer wurden bisher getötet.

Zur Unterstützung der Verteidigung von Afrin wurde eine Frauenplattform gegründet. Die gemeinsame Parole für den 8. März lautet: »Afrin verteidigen, heißt die Frauenrevolution verteidigen«. »Allein in Deutschland finden in 48 Städten Aktivitäten der kurdischen Frauenbewegung statt«, so Songül Ömürcan von der TJKE.

In der Stadt Afrin ist am 8. März eine große Demonstration geplant, zahlreiche Besucherinnen aus Sengal, Minbidsch, Aleppo, Damaskus und dem Libanon werden dazu erwartet. Außerdem finden noch bis 9. März viele Veranstaltungen zum Thema Widerstand statt. In Europa geht der neugegründete Frauensender Jin TV am heutigen Donnerstag mit einer Testphase auf Sendung.

»Wir sind bereit, unsere Erfahrungen mit den Frauen zu teilen, die sich organisieren wollen«, erklärten die YPJ zum 8. März. Doch das befeuert die Angst der Herrschenden, weswegen nicht nur Europa zum türkischen Angriff auf Afrin geschwiegen wird. Damit zeigen die Regierungen, dass die angebliche Freiheit der Frauen, die Demokratie, die sie sich auf die Fahnen schreiben, nichts als hohle Phrasen sind. Denn nichts fürchten sie mehr, als dass auch in Europa Frauen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

»Gemeinsam kämpfen« Zum Tag gegen Gewalt an Frauen startet eine Kampagne internationalistischer Feministinnen

Am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, startet in der Bundesrepublik eine Kampagne von internationalistischen Feministinnen unter dem Motto »Gemeinsam kämpfen für Selbstbestimmung und demokratische Autonomie«. Die Initiatorinnen möchten die Erfahrungen der Frauen, die an den gesellschaftlichen Fortschritten in der kurdischen Region Rojava im Norden Syriens maßgeblich beteiligt sind, mit einer Perspektive für den feministischen Kampf in Europa verbinden.

Im Westen wird vielfach suggeriert, Gewalt gegen Frauen sei hauptsächlich ein Problem im Mittleren Osten bzw. in Ländern des »Globalen Südens«. Doch auch in Europa hat jede dritte Frau körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Das ergab eine EU-Studie. Nach Überzeugung linker Feministinnen ist das kapitalistisch-patriarchale System die Ursache für Gewalt, Kriege und Naturzerstörung. Die kurdische Frauenbewegung sieht diese Ausbeutungs- und Eroberungsverhältnisse als »Vergewaltigungskultur« an, die nur mit einer Gesellschaft überwunden werden kann, die auf Prinzipien wie Kommunalität, ökologischer Ökonomie und Basisdemokratie beruht. Seit 2012 versucht sie, ein solches System der demokratischen Autonomie mit Frauenräten, -kommunen, -akademien und -kooperativen in Rojava zu initialisieren. Das hat weltweit Feministinnen inspiriert, sich mit diesem Gesellschaftsmodell auseinanderzusetzen.

In einer Resolution zur Kampagne heißt es daher auch: »Basisdemokratie, Autonomie und Selbstbestimmung sind für uns keine Utopien, sondern konkrete emanzipatorische Konzepte und Ziele, die wir in unseren Gesellschaften erreichen wollen – das können wir nur gemeinsam.« Die Initiatorinnen sehen es als unabdingbar an, auch hierzulande eine Alternative zu entwickeln und sich dafür zu organisieren. »Die Verhältnisse in Rojava sind sicher anders als die in der BRD. Dennoch wollen wir die Erfahrungen und Analysen der kurdischen Frauenbewegung mit den feministischen Kämpfen in der BRD und Europa zusammenbringen«, heißt es in ihrem Aufruf. Und weiter: »Uns selbst zu ermächtigen bedeutet, uns ein gemeinsames, eigenes Wissen über die geschichtlichen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verschaffen, uns körperlich und mental vor Angriffen zu schützen und tatsächlich selbstbestimmt in unserem Alltag zu sein. Lasst uns gemeinsam nach Alternativen suchen und dabei voneinander lernen und füreinander da sein. In den folgenden Wochen und Monaten möchten wir mit euch gemeinsam diskutieren, uns bilden, auf die Straße gehen, kämpfen und lachen – wir freuen uns auf euch!« Die in der Kampagne Engagierten haben feministische Gruppen in ganz Europa aufgefordert, ihren Aufruf zu unterschreiben und eigene Veranstaltungen zu organisieren.

 https://www.jungewelt.de/artikel/322388.gemeinsam-k%C3%A4mpfen.html?sstr=

Wiedersehen in Rojava

2014 reiste ich nach Rojava, dort traf ich mehrere Frauen aus meiner Einheit in Beytüşşebab wieder, vor allem Frauen, die sich damals in den 1990er Jahren aus Rojava, das damals noch Başûrê Piçuk (Kleiner Süden) hieß, der Guerilla angeschlossen hatten. Eine von ihnen ist Hanife Hîsen. Damals noch ein sehr junges Mädchen, aber eine starke Guerilla, ist sie heute im Leitungsrat von TEV DEM… 

YÖP 26 Eylül 2017

Die Weltpresse konnte es kaum glauben, als kurdische Frauen in der YPJ selbstbewusst in der militärischen Leitung bei der Befreiung Kobanês teilnahmen, in vielen Bereichen, ob militärisch oder zivil, ganz selbstverständlichs vor die Kameras traten und Erklärungen abgaben, Panzer fuhren und Frontabschnitte befehligten. Das war nicht die Rolle, die sie von kurdischen Frauen erwartet hatten. Plötzlich erscheinen in Modezeitschriften wie Elle und Marie Claire mehrseitige Reportagen über die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), ein bekannter australischer Fernsehsender zeigt einen Dokumentarfilm unter dem Titel Female State, Modeketten wie H&M oder die Modezeitung Madame zeigen Models in Kleidung, die derjenigen der KämpferInnen der bewaffneten Organisationen der PKK- und der YPG/YPJ-KämpferInnen nachempfunden ist. Für KurdInnen ist es jedoch schon seit Jahrzehnten nichts Ungewöhnliches mehr, wenn Frauen Kommandantinnen, Bürgermeisterinnen oder Sprecherinnen von Parteien und Organisationen sind.

Traum vom freien Leben der Guerilla

1978 als die PKK gegründet wurde, nahmen nur zwei Frauen an ihrem ersten Kongress teil, eine von ihnen war Sakine Cansiz, die andere Kesire Yildirim, die später die PKK verließ. Sakine wurde 1979 wurde verhaftet, kurz vor dem vom Westen unterstützten Militärputsch von 1980, der die aufkeimenden Träume der Linken und KurdInnen für eine gerechte und demokratische Türkei unter Verhaftungen, Krieg und unbeschreiblicher Folter begrub. Während Sakine im Gefängnis von Diyarbakir einen eisernen Willen entwickelte und sich schwor, dass keine der Frauen mit denen sie gemeinsam inhaftiert war, unter der Folter zusammenbrechen und Verrat begehen werde, was ihr auch gelang, gründete die PKK 1984 eine Guerillaarmee, die den Kampf gegen die faschistische Diktatur aufnahm. 12 Jahre träumte Sakine von dem freien Leben der Guerilla. Nach ihrer Entlassung beteiligte sie sich dort am Aufbau von Frauenstrukturen. Als sie 1998 nach Europa kam, um hier politisch für die kurdische Frauenbewegung zu arbeiten, verlangte der türkische Staat ihre Auslieferung. 2007 wurde sie in Hamburg festgenommen, aber man musste sie wieder freilassen. Der türkische Geheimdienst MIT setzte einen Agenten, Ömer Günay, auf Sakine Cansiz an.

Autonome Frauenstruktur der PKK

Die kurdische Freiheitsbewegung, die aus den revolutionären Aufbrüchen der 1970 Jahre hervorgegangen war, sah die Unterdrückung von Frauen von Anfang an nicht als Nebenwiderspruch, sondern als tragenden Pfeiler des Kolonialismus in Kurdistan. Noch in den 1980er Jahren waren laut einer Studie von Özgür Halk von 1991 80 % der Frauen und Mädchen im türkisch besetzten Kurdistan Analphabetinnen, sie waren ökonomisch abhängig, wurden oft schon als Kinder einem Mann versprochen, Zwangsheirat und Polygamie waren vielerorts verbreitet.

Mit der Gründung der Guerillaorganisation 1984 gingen tausende oft sehr junge Frauen „in die Berge“. Für sie war es eine Möglichkeit gegen die Vernichtung ihres Volkes durch den türkischen Staat zu kämpfen und gleichzeitig aus den feudalen Unterdrückungsverhältnissen auszubrechen. Dies ist keineswegs ein kurdisches Phänomen, auch andere Guerillaorganisationen, wie der FARC in Kolumbien oder die Naxaliten in Indien haben einen sehr hohen Frauenanteil. Frauen sind neben der Jugend der Teil der Gesellschaft, dessen Wunsch nach Freiheit am größten ist. In Kolumbien oder Indien jedoch entwickelten sich keine autonomen Frauenstrukturen wie in der PKK-Guerilla.

1995: Frauenarmee YAJK

Der Guerillakampf in Nordkurdistan fand schnell breite Unterstützung in der Bevölkerung. Zunächst reorganisierten sich auch hier feudale Verhältnisse, Frauen fanden sich statt im Kampf in Logistik- oder Kücheneinheiten wieder. „Der schwerste Kampf war der Kampf gegen unsere eigene Sozialisation“, erklärte mir eine Kämpferin 1995. „Wir mussten lernen uns selbst und damit auch den anderen Frauen zu vertrauen, Verantwortung zu übernehmen.“ Viele Männer versuchten, die Frauen aus den bewaffneten Einheiten herauszuhalten, denn es war ihnen klar, wenn ihr Herrschaftssymbol, die Waffe, aus der Hand geben, müssen sie über kurz oder lang auch die Macht teilen. Frauen begannen jedoch mit der Unterstützung des Vorsitzenden der PKK, Abdullah Öcalan, eigene Bataillone aufzubauen, 1993 wurde das erste Mal darüber diskutiert eine Frauenarmee zu schaffen, welche dann im März 1995 tatsächlich praktisch wurde. Die Frauen stellten eine eigene Kommandantur auf und begannen das Leben unabhängig von Männern zu organisieren, von der Logistik bis hin zu Kampfeinsätzen. Die Guerilla gilt seither als befreites Gebiet für Frauen in Kurdistan. Immer mehr junge Frauen schlossen sich dem „Verband der Freien Frauen Kurdistans“ (YAJK) an. Nachts gingen sie heimlich in die Dörfer, um den Kontakt zu der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Die Augen der Dorffrauen begannen zu leuchten, wenn sie die starken Frauen sahen, die Reden vor der versammelten Dorfbevölkerung hielten, Befehle an Männer gaben und die Bevölkerung verteidigten.

Kommandantin Rûken 

Eine dieser Kommandantinnen war Rûken vom Jirik Aşîret. Ich lernte sie 1996 in Beytüşşebab kennen. Sie war höchstens 17 oder 18 Jahre alt, aber in dieser schroffen Gegend groß geworden. Selbstbewusst leitete sie die Einheit gemeinsam mit dem etwa 20 Jahre älteren Kommandanten auf Augenhöhe. Die Frauen aus den Aşîrets der Jirik und Goyî machen mich zweifeln, dass das Patriarchat in Kurdistan sehr tief verwurzelt ist, denn sie zögerten nicht einen Augenblick an ihren Fähigkeiten eine Einheit zu führen, schwere Waffen zu bedienen oder auch Ansprachen auf großen Versammlungen zu halten.

Wenn wir nachts in die Dörfer gingen, um mit den BewohnerInnen zu sprechen und Lebensmittel für die Guerilla zu holen, sprach Rûken zu den Frauen, sie erklärte ihnen, dass es ehrlos sei, Kinder zu verheiraten oder Frauen zu schlagen. Jede Frau im Dorf sagte sich: Wenn diese Kommandantin so selbstbewusst auftreten kann, dann kann auch ich das. Nachts kamen viele zu uns hoch in die Berge und schlossen sich uns an.

Kurdische Frauenforschung: Jineoloji

In den Bergen erforschen die Guerilleras die Rolle der Frauen in den matriarchalen Kulturen des Neolithikums und entwickeln die „Jineoloji“, die kurdische Variante der Frauenforschung, die Praxis und Theorie immer miteinander verbindet. In „Akademien“, die in Hinterhöfen kurdischer Städte genauso wie in den Bergen, eröffnet wurden, lernen Frauen, wie Organisationen geschaffen werden kann, demokratische Autonomie, eine frauenzentrierte Gesellschaft ohne Staat.

In der Zivilgesellschaft organisieren sich Mütter, Ehefrauen oder Schwestern von gefangenen KämpferInnen, von Gefallenen und Verschwundenen. Im Verborgenen wurden Frauenräte aufgebaut, aus denen später der KJA hervorging. Ein Mann, der in der kurdischen Bewegung organisiert ist und eine Frau schlägt, wird ausgeschlossen.

In selbstorganisierten Schulen lernen Jungen und Mädchen Selbstbestimmung genauso wie gemeinsam kochen, unterrichtet wird in der verbotenen Sprache Kurdisch. In einer Presseakademie wird eine herrschaftsfreie, geschlechtsneutrale Sprache auch an die angehenden männlichen Journalisten vermittelt. In Nord- und Westkurdistan wurden neue Werte definiert, eine neue Ästhetik geschaffen. Freie Frauen gelten als schön, nicht Frauen, die sich nur als bemaltes und geschmücktes Anhängsel von Männern sehen, wie es in Südkurdistan oft scheint.

Demokratischer Könföderalismus

2014 reiste ich nach Rojava, dort traf ich mehrere Frauen aus meiner Einheit in Beytüşşebab wieder, vor allem Frauen, die sich damals in den 1990er Jahren aus Rojava, das damals noch Başûrê Piçuk (Kleiner Süden) hieß, der Guerilla angeschlossen hatten. Eine von ihnen ist Hanife Hîsen. Damals noch ein sehr junges Mädchen, aber eine starke Guerilla, ist sie heute im Leitungsrat von TEV DEM, der Demokratischen Gesellschaftsbewegung in Rojava. „Wir haben das System des demokratischen Könföderalismus hier in Rojava eins zu eins nach dem Modell von Öcalan, wie er es in seinen Büchern beschreibt, umgesetzt“, erklärt sie mir. „Du darfst nicht vergessen, der Vorsitzende hat 20 Jahre hier in Rojava gearbeitet, sonst wäre die Revolution hier nicht möglich gewesen, es gibt hier Frauen, die seit 30 Jahren die Arbeit der kurdischen Bewegung unterstützen.“

Auch Rûken meine Kommandantin aus Beytüşşebab treffe ich an der Front von Til Koçer wieder, sie leitet dort den ganzen Frontabschnitt. Mit einem Pickup fährt sie uns in die gerade befreite arabische Stadt, in der sich einige Frauen den YPJ angeschlossen haben. Mit den Kopftüchern sehen sie sehr ungewohnt aus in ihren Uniformen, aber sie wollen ihr Land gegen Daesch verteidigen und freie Frauen werden, in der feudalen Gesellschaft des Şammar Aşîret ist dies noch ein weiter Weg.

Auch Çinar aus meiner alten Einheit aus Beytüşşebab treffe ich in Qamishlo, auch sie stammt ursprünglich aus Rojava. Angesichts der gewaltigen Aufgaben der Rojava Revolution stelle ich ihr die Frage, ob sie glaubt, dass Rojava eine Zukunft habe. „Natürlich Heval, daran habe ich gar keine Zweifel.“

Auch meine Zweifel sind nun wie weggewischt, klar mit diesen Frauen, die seit 30 Jahren die Ideologie des Vorsitzenden Apo leben, kann es gar nicht anders sein. Auf sie blicken die Frauen im gesamten Mittleren Osten. Wie glücklich die Gesichter der Frauen in Manbij, als YPJ Einheiten sie von Daesch befreit haben. Sie rissen sich die Niqabs herunter und ihre Augen leuchteten, als sie die YPJ sahen, wie vor 20 Jahren die Augen der Frauen in den Dörfern von Beytüşşebab.

Wahrscheinlich wird es noch einmal 20 Jahre dauern, bis auch sie Frauenräte und eine eigene Frauenarmee aufgebaut haben, aber sie werden es zweifellos tun.

Weiterlesen: Ceni-Kurdisches Frauenbüro für Frieden e.V: Widerstand und gelebte Utopien: Frauenguerilla, Frauenbefreiung und Demokratischer Konföderalismus in Kurdistan, Köln 2015
Anja Flach: Jiyaneke din, ein anderes Leben, 2003; Frauen in der kurdischen Guerilla: Motivation, Identität und Geschlechterverhältnis, Köln 2007
Anja Flach, Michael Knapp, Ercan Ayboğa: Revolution in Rojava, Hamburg, 2015
Kampagne Tatort Kurdistan: Demokratische Autonomie in Nordkurdistan, Hamburg 2012
Sakine Cansiz: Mein ganzes Leben war ein Kampf, Band 1 und 2, Köln 2015

1132

YENİ ÖZGÜR POLİTİKA

Witnesses to the Revolution in Rojava

by Janet Biehl

Revolution in Rojava is the first book-length account of the unique and extraordinary political situation in Rojava, Syria. In this article, Janet Biehl talks to the authors and discusses how and why the new society in Rojava so inspired them.

——————

For decades, three million Syrian Kurds have lived under brutal repression by the Assad regime, Revolution in Rojavatheir identity denied, access to education and jobs refused, imprisonment and torture a way of life for those who dared object. Yet resistance has grown. By developing organisations, after the Arab Spring arrived in Syria in March 2011, the Kurds seized the moment to create a pioneering, democratic revolution. The liberation of northern Syria—Rojava—began at Kobanî on July 19th 2012, and the global history of social and political revolution would never be the same again.

In May 2014, three Kurdish solidarity activists from Germany and Turkey decided to visit Rojava. ‘I wanted to see it, to learn from its practice’, says Michael Knapp, ‘to understand the contradictions and research the system’s difficulties. Because we can learn a lot from it for revolutionary projects in Western countries.’ With their combined language skills, contacts, and extensive knowledge of the movement, they were able to do close fieldwork and interview many people.

Upon their return, they compiled their observations into a book, Revolution in Rojava, which has just been published in English.

One of the three authors, Anja Flach, was particularly interested in studying women’s role in the revolution. Twenty years earlier, Flach had spent several years the Qandil Mountains of Northern Iraq, where she participated in the Kurdish women’s guerrilla army, the PAJK. There, she focused on political education and struggle. She observed, ‘it’s part of everyday life, in between military training, to do political analysis, to read and discuss together’. Inspired, Flach came home and immediately began to write about her experiences.

Only with the defense of Kobanî in late 2014, however, did the world finally became aware of the existence of Kurdish women fighters and commanders, equipped only with light weapons, yet successfully running IS out of the city at great risk.

But what were they actually fighting for? Little was known, says Flach, about the wide-reaching system of gender-equality that they were defending. She discovered that the implementation of these principles had been successful throughout the revolutionary society. Across the stateless democratic self-administration and throughout political organisations, leadership is dual (male-female) for every speaker position, and every committee and meeting has a forty percent gender quota. Indeed, Flach recognised these principles from her years in the Qandil Mountains. Polygamy and underage marriage have been banned, and women’s cooperatives are being constructed throughout Cizire canton, to give women economic independence, usually for the first time in their lives.

Flach found that the women in Rojava are determined to remake gender relations throughout northern Syria. She saw ‘a women’s committee in every street, and in every neighborhood a women’s council, a women’s academy, women’s security forces, and armed units’. These indefatigable activists go from house to house, informing the women at home that they have access to women’s institutions. ‘The women’s movement would like to win over and organise every woman,’ Flach says, ‘regardless of whether she is a Kurd’. Syriac women too are forming autonomous councils and military units.

For Flach, visiting Rojava was like a dream come true. ‘It was what we had been fighting for all
rojavathose years—a free society that administers itself.’  Most astoundingly, ‘in Rojava I came across many of my onetime fellow fighters again. As young women they had left Rojava to join the PKK, and now they’ve returned to defend the revolution.’

Ercan Ayboğa, a Kurd living in Diyarbakir, works with the Mesopotamian Ecology Movement in North Kurdistan, Southeastern Turkey, and is a key organiser against the construction of a dam at Hasankeyf, a site of major historical, ecological, and cultural importance that is poised to be flooded by the dam’s reservoir. In Rojava, with his ecologist’s eye, he was shocked by the lack of trees and biological diversity in agriculture, for example, the crops in Cizire canton were a wheat monoculture. Trained as a hydraulic engineer, he was appalled by the water crisis: ‘All the rivers were dry—even in May—or else very polluted.’

In Rojava, Ayboğa studied the communes-and-councils structure, which was set in motion by the revolution’s chief organizations: the MGRK (People’s Council of West Kurdistan), the Democratic Society Movement (TEV-DEM), and the PYD (Democratic Union Party). Shortly before the 2012 liberation, he says, they instituted a system of radical democracy that combines council and grassroots democracy. ‘On the ground are the communes, which are organised in the residential streets of cities and villages. Above them are the people’s councils in three other levels. The lower level is represented in the higher level through its coordination. At each level are nine commissions that cover the whole life like defense, women, civil society, diplomacy/politics, economy, education, and health. This system has empowered hundreds of thousands of people in a very effective way; people have started to govern themselves and to make decisions about their lives.’

As the Kurdish forces fighting IS liberate numerous villages, this system of democratic self-administration is spreading farther into northern Syria. ‘TEV-DEM activists go the villages and cities and describe themselves and what they’ve done in the past few years,’ says Ayboğa. ‘They propose that the people organise themselves in communes. We have dozens of new communes, very soon hundreds of them, with a mainly Arab population.’  He was greatly impressed by the will of the many political activists, including young people and women, hoping that their struggle be successful, overcome all challenges, and build up a new society.

The group’s third member, Michael Knapp, is a veteran of the German left since the 1990s. He describes himself not as a solidarity activist but as part of the movement for radical democracy. He took great interest in Rojava’s ‘social economy’, based on the understanding that a democratic polity requires for its existence democratic control over the economy. In contrast to neoliberalism, and to state socialism where the state administers the economy, Rojava’s social economy administers production through the democratic self-administration: the economic commissions are accountable to the communes and councils at all levels.

The revolution demands that new enterprises should be organised as structured cooperatives. ‘Cooperatives exist in all sectors of society, even the refining sector’, says Knapp. ‘Most of those the enterprises we visited were small, with some five to ten persons producing textiles, agricultural products, and groceries. But some were bigger, like a cooperative near Amûde that guarantees subsistence for more than 2,000 households’. Under the regime, Northern Syria was not industrialised, instead it is maintained as a source of raw materials and foodstuffs. However, the social economy is planning future alternative industrialisation built around ecological and communalist principles.

However, this process hasn’t yet been possible because of the war. Moreover, Rojava is under an economic embargo, imposed by hostile Turkey to the north, the Turkey-dependent KRG to the east, and the murderous IS and other Salafi-jihadist groups to the south.

Yet Rojava survives, says Flach, partly because the people have no alternative but to fight, and partly because of their organisations and their ideological background. Rojava needs international support, especially from doctors, midwives and engineers willing to go there. Financial support is also crucial, as is political support. But most importantly, says Flach, is for sympathisers to learn from the Rojava model and organise in their own countries. ‘War and industrialism, and the social and ecological disasters connected with it, are destroying the foundations of life,’ she says. ‘It is urgently necessary to organise and to construct an alternative to the capitalist patriarchy. The survival of humankind depends on it.’

————————————–

Janel Biehl is a writer, editor and translator. She was Murray Bookchin’s copyeditor for the last two decades of his professional life. Her most recent work is Ecology or Catastrophe: The Life of Murray Bookchin (2015, Oxford University Press).

Michael Knapp is a historian of radical democracy, Cofounder of the Campaign Tatort Kurdistan and member of NavDem Berlin. His research focuses on the Kurdish issue and the construction of alternatives to capitalist modernity. His research has taken him to the Middle East, where he has studied the Kurdish Liberation Struggle and the PKK.

Anja Flach is an ethnologist and member of the Rojbîn women’s council in Hamburg. She spent two years in the Kurdish women’s guerrilla army and has previously published books about her experiences.

Ercan Ayboğa is an environmental engineer and activist. Formerly living and co-founding the Tatort Kurdistan Campaign in Germany, now he lives in North Kurdistan and is politically involved in the Mesopotamian Ecology Movement, particularly in water struggles.

————————————–

Revolution in Rojava: Democratic Autonomy and Women’s Liberation in Syrian Kurdistan is available from Pluto Press.

Nordholz’un ‚punk’çı Anja’sı Kürtlerin enternasyonalist yoldaşı!

 

Önderlik, çok öngörülü bir insan… 24 saatini devrime adamıştı. Aynı zamanda tam bir insan sarrafıydı. Onu kandırmak mümkün değildi; adeta insanın yüreğini okuyordu. Bize hep, ‚PKK’yi iyi tanımaya bakın ve öğrendiklerinizle ülkenize giderek devrimin hizmetinde olun‘ diyordu.“

23 Eylül 2017 Cumartesi | Kadın

M. ZAHİT EKİNCİ / HAMBURG

Anja Flach’ı Avrupa’da Kürt Özgürlük Hareketi’yle yürüyen çoğu insan tanır. O, eylemlerin tanıdık yüzlerinden biri. Oldukça eskiye dayanan Kürtlerle tanışıklığı türlü serüvenleri içeriyor.

Anja, Kuzey Buz Denizi kıyılarında Nordholz isimli küçük ve sakin bir köyde dünyaya gelmiş. Asker bir baba ile ev kadını bir annenin ilk çocuğu. Çocukluğunun ilk bölümü, babasının peşi sıra gezmekle geçmiş. Göçebe gibi yani. Her sene başka bir şehirde… 12 yaşından sonra ise Bonn’a yerleşmişler.

„Babam asker kökenli olduğu için evi adeta kışlaya çevirmek istiyordu, bizi kendisine biat etmeye zorluyordu“ diye anlatıyor Anja ve ekliyor: „Mutsuz ve alkolikti; mutsuzluğunu bizimle de paylaşmak istiyordu. Hiçbirimize değer vermedi. Hepimiz birer fazlalıktık onun için.“

‚Babam sevmiyorsa yapmalıyım!‘

Babasının bu hâli Anja’yı 14-15 yaşında isyana sevk etmiş. İsyanının ilk adresi ise bir punk grubu olmuş. „Neden“ diyoruz, anlatıyor: „Babam oldum olası punkçıları sevmezdi. Ben de babamın sevmediği şeyleri yapmaya bayılıyordum! Sırf ona inat olsun diye punkçıların yanına gittim. Tabii o zamanki punkçılarla şimdi sokakta içki içmekten başka bir şey yapmayanları karıştırmamak lazım. O zaman punkçıların sağlam bir duruşu vardı. Örneğin Wackesdorf’ta kurulan atom santraline karşı çıkmıştık. Frankfurt’ta yapılacak havaalanına karşı protesto eylemleri organize ettik.“

Kürtlerle ilk karşılaşma

Bu yıllar ardından Anja’nın üniversite günleri başlamış. Etnoloji ve Eski Amerikan Kültürü eğitimi alan Anja, o günleri „En büyük şansım çoğu akademisyenlerin solcu olmasıydı“ diye anlatıyor. Kürtlerle tanışması da o döneme rastlıyor. Anlatıyor: “Arayış içinde olduğum yıllardı. Bir denize akmak için kendine yol arayan bir nehir gibiydim. Kürtlerle ya da PKK’yle herhangi bir bağım yoktu. Kendimi sosyalist bir insan olarak tanımlıyordum sadece. PKK, 1985’te Bonn’da merkezi bir yürüyüş düzenlemişti. Bu yürüyüşe bir sosyalist olarak destek verdim. Binlerce insan, anlamadığım bir dilde slogan atıyordu: Bijî Partiya Karkeren Kurdistan!“

‚PKK hayran bıraktı‘

Aynı yıl arayışlarının sonucu olarak Küba’ya da giden Anja, daha sonra ise Hamburg’a taşınmış. Oradaki temel çalışma alanı, ‚işgal evleri‘ olmuş. Polis, işgal evlerinin kapatılması için yoğun hareketlilik içindeymiş; onlar da kapattırmamak için direniyormuş. Bu dönemde de PKK’lilerle karşılaşmaya devam etmiş…

„Bir arkadaşımız, Kürdistan’a gitmiş ve gerilla alanlarında kalmıştı. Yine PKK saflarında mücadele etmiş bir kadın gerilla da tedavi için Hamburg’daydı. Onunla sık sık tartışıyorduk. Tanışmadan önce Kürdistan’da kadın gerillaların var olduğundan bile haberimiz yoktu. Çok etkilenmiştik. 1989’da Doğu Almanya yıkıldıktan sonra umut veren bir hareket kalmamıştı. PKK içindeki yoldaşlık ilişkileri, bağlılık, devrimci duruş ve disiplin ise bizi hayran bırakıyordu.“

Kürdistan’a ilk yolculuk

Tanık oldukları ve dinledikleri, Anja Flach’ta karşı konulmaz bir Kürdistan seyahati isteği ortaya çıkarmış. Bu yıllarda Kürtçe kursuna başlamış ve söylenen birçok şeyi anlayacak kadar öğrenmiş. Anja, 1994’te ise Kürt Özgürlük Hareketi’ni daha yakından tanımak için bir heyetle birlikte Batman’a yolculuk yapmış.

„Newroz’dan hemen önceydi. Biz de Newroz’a Batman’da katılmak istiyorduk ama Türk polisi otelden çıkmamıza bile izin vermiyordu. Üstelik Newroz’u da yasaklamışlardı. Yasağa rağmen yediden yetmişe herkesin direndiğini gördük. Batman ve çevresinde devlet güçleri tarafından yakılmış köyleri de gördük. Yollarda bu zulme ortak olan Alman tanklarını görünce yüreğim cız etti. Almanya’ya içimizde bu duygularla döndük. Döner dönmez de merkezi bir yürüyüşe katıldık. On binlerce insan, büyük bir disiplinle hareket ediyordu. En küçük bir olay bile çıkmamıştı. Bunu yapsa yapsa PKK yapabilirdi. PKK’nin ne denli büyük bir hareket olduğuna burada tanık oldum. Hayatımda ilk defa böylesine büyük ve disiplinli bir halk hareketiyle tanıştığımı söyleyebilirim.“

Önderlik sahası

O günler ardından Anja, artık Kürtlerle çalışmayı çabalarının başına yerleştirir. Yaptıkları ilk iş, „Lezbiyen Kürt Kadınlar“ isimli Berlin ve Hamburg’da kurulan iki komitenin çalışmaları olur. Ardından yapılacak bir konferans için kendisinden bir iki aylığına Kürdistan’a gitmesi istendiğinde de tereddütsüz kabul eder. Konferans yaklaşırken bu kez de „En az bir yıl daha kalman gerekiyor“ derler; onu da kabul eder.

„Gitmeden önce altı kişilik bir grup Brüksel’e gittik. Evet, PKK’ye sempatiyle bakıyorduk ama mücadelesi ve ideolojisi hakkında fazla bilgimiz yoktu. Üstelik o zaman şimdi olduğu gibi Almanca yayınlar da yoktu. Zeki isimli bir arkadaştan bir ay boyunca siyasi eğitim aldık. Ardından konferans için ‚Önderlik Sahası‘ denilen akademiye gittik. Akademide üç buçuk ay Önderlik’le birlikte kaldık. Konferansa tüm eyaletlerden komutanlar ve cezaevlerinde uzun süre kalmış eski arkadaşlar da gelmişti. Abdullah Öcalan hem komutanlar hem de cezaevinden çıkan arkadaşlarla sürekli diyalog kuruyor, tartışıyordu. Bu konferans, hepimizin için büyük şanstı. Çünkü tartışmalarda cehaletimiz ortaya çıkıyordu aslında. Gerçek PKK ideolojisini orada tanıdım, diyebilirim. Önderliğin perspektifi gerçekten ön açıcıydı. Bize hep, ‚PKK’yi iyi tanımaya bakın ve öğrendiklerinizle ülkenize giderek devrimin hizmetinde olun‘ diyordu.“

Sozdar Avesta komutasında Botan’a doğru…

Anja, konferans günlerinde uzun süre o insanlarla kalmak istediğine karar verir. Konferans bittikten sonra kendisini Botan’a önerir. Sonrasını araya girmeden onun ağzından aktaralım: „Konferans bitimi ardından Hamili Yıldırım komutasında alandan ayrıldık. Tabii içim içime sığmıyor. Zap bölgesi ilk göz ağrım oldu. Burada hem kadro eğitimi hem askeri eğitim aldım. Bu esnada bölgede kadın konferansı da oldu. Kürtçem az olsa da arkadaşlara ayak uydurmaya çalışıyordum.

Askeri eğitimden sonra Metina alanına gittim ve Meryem Çolak arkadaşın bölüğünde üç ay kaldım. Bölükte hem üniversite okuyan arkadaşlar hem de köylerden gelen okuma yazma bilmeyen arkadaşlar vardı. Ortada büyük bir sınıf çelişkisi ve epey tartışma vardı. Zamanla bu çelişki büyük bir sevgiye dönüştü. Düzenlemeler yapıldığında herkes bu bölükte kalmak istiyordu.

Daha sonra Sozdar Avesta arkadaşın komutasında Botan’a doğru yola çıktık. Bu benim ilk yolculuğumdu. Güçten ve takatten düştüm, epey de zayıfladım. Arkadaşların desteği olmasa bugün belki de hayatta olmazdım. Beni adeta gözleri gibi korudular; hepsinin gözbebeğiydim.

Botan’ın Beytüşşebap alanında kalıyorduk, Kato Jîrkî Dağları’nda üsleniyorduk. Bir yandan savaşırken bir yandan da malzeme taşıyorduk. Kato’nun kışını bilen bilir; buna yakalanmamak için Gabar alanına gittik.

‚Dönmek istedim ama…‘

Tarifi imkânsız bir kıştı. Yerde metrelerce kar… Olduğumuz yere adeta çakılıp kalmıştık. Şehadetler bizi zorluyordu. Erzak depolarımız düşman tarafından ele geçirilmişti. Düşman, her yanımızı mayınla döşemişti. Açlıktan dolayı zayıf düşmüştük. Her şey sanki aleyhimize işliyordu.

Tüm yaşananlara rağmen arkadaşlar, beni el üstünde tutmaya devam etti. Çünkü ciddi kültür ve dil sorunu yaşıyordum ve itiraf etmek gerekirse Almanya’ya dönmek istiyordum.

Yolların açılmasıyla beraber bir grup arkadaşla beraber Haftanin bölgesine geçtik. Kıtlıktan çıkmış aç kurtlar gibi her şeye saldırıyorduk. Çoğumuz daha sonra hastalandık.

1997’nin bahar aylarında Haftanin ve çevresinde 50 bin askerin katıldığı çok büyük bir operasyon başlatıldı. Üstelik KDP de düşman askerleriyle birlikte bize saldırıyordu. Bunun üzerine yeniden Beytüşşebap alanına çekildik.

Andrea Wolf’la buluşma

Haftanin alanındayken Alman bir arkadaşın Zap’a geldiğini söylemişlerdi. Çok istememe rağmen şartlardan dolayı görüşemedik. Meğer gelen arkadaş Andrea Wolf’muş! Yazın Beytüşşebap’a çekildikten sonra sonbaharda yeniden Zap’a hareket ettik. Andrea ile uzun uzun hasret giderdik ve ‚Neler yapabiliriz‘ diye tartıştık. Bu esnada saldırılar devam ediyordu. Operasyonda birçok değerli kadro şehit düşmüştü. Şehadetsiz gün geçmiyordu.

Kasım ayında bir grup arkadaşla Önderlik Sahası’na gittik. KDP, şimdi olduğu gibi o zaman da Rojava’ya giden bütün yolları kapatmıştı. Akademi’ye ulaştık. Avrupa’dan gelen yurtseverler de vardı.

‚Keşke Rojava’da kalsaydım!‘

Önderlik, çok öngörülü bir insan… 24 saatini devrime adamıştı. Aynı zamanda tam bir insan sarrafıydı. Onu kandırmak mümkün değildi. Adeta insanın yüreğini okuyordu. Tüm eleştirileri yerli yerindeydi. Kendisine ait bir özel yaşamı o zaman da yoktu. Bana Rojava’da kalıp kitle içinde çalışmamı, böylece Kürtçemi de geliştirebileceğimi söylüyordu. Ama ben ısrarla Almanya’ya dönmek istediğimi, orada daha yararlı olabileceğimi söyledim. Önderlik, özgür bir kadın olmak koşuluyla beni Almanya’ya gönderebileceğini söyledi. Döndükten sonra Önderliğin Rojava’da kalmamı istemesinin ne kadar haklı olduğunu da gördüm.“

‚Uzun ve sancılı‘

Anja Almanya’ya gelir gelmez hakkında dava açılır ve „terör örgütü üyesi olmak”la suçlanır. Ayrıca faaliyetlerini yürüttüğü ISKU (Kurdistan Informationstelle) da polis tarafından basılır. Annesi de dahil tanıdığı herkesin telefonları, ilgili ya da ilgisiz de olsa dinlemeye alınır. Aynı günlerde Andrea Wolf’un şehadeti ile Kürt Halk Önderi Abdullah Öcalan’ın esir alınması haberlerini üst üste alır…

„Her şey üst üste geliyordu. ‚Keşke Rojava’da kitle çalışmasında kalsaydım‘ diye kendime kızıyordum. Uzun ve sancılı bir süreçti benim için. Sular biraz durulduktan sonra Mezopotamya Özgür Kadınlar Derneği’nde çalışmalara devam ettim. Yaşadıklarımı kitaplaştırmak için de çalışmaya başladım. 2003’te ‚Başka Bir Yaşam‘, 2007’de ise ‚Kürt Kadın Gerillaları‘ kitaplarım çıktı. Bunun yanı sıra deneyimlerimi ve Kürt Özgürlük Hareketi’nin kadın bakış açısını anlattığım birçok seminer ve panele katıldım.“

Oğlu Rojan Kürtçe öğreniyor

Anja, o günlerden bu yana Almanya’da Kürt Özgürlük Hareketi’yle birlikte aralıksız çalışıyor. Şimdilerde çalışmalarını Hamburg Rojbîn Kadın Meclisi’nin Dış İlişkiler Komisyonu’nda yürütüyor. „Rojan“ isminde bir oğlu var ve o da Demokratik Kürt Toplum Merkezi (DKTM) bünyesinde devam eden Kürtçe derslerine katılıyor. „Bugüne kadar yaptığım hiçbir şeyden dolayı asla pişmanlık duymadım“ diyor Anja. Ekliyor: „Ne yaptıysam devrim ve enternasyonalizm için yaptım. Bunun böyle bilinmesini istiyorum.“

6395

YENİ ÖZGÜR POLİTİKA http://www.yeniozgurpolitika.com/index.php?rupel=nuce&id=76971